T„Überall fremd“: Staderin ist kreativ und laut gegen Rassismus
Sophie Elif Görgülü war eine von zehn Schülerinnen, die in Berlin ihren Text für den Schulwettbewerb „Schreib für Hanau“ vorstellen durften. Foto: Stehr
Blöde Sprüche hört sie öfter, wurde auch schon als Kanake bezeichnet. Kein Grund für Sophie Elif Görgülü, sich zu verstecken. Im Gegenteil. Sie strebt ins Rampenlicht.
Stade. Schwarze Haare, braune Augen - aufgrund ihres Aussehens hat Sophie Elif Görgülü sich von Mitschülern schon einiges anhören müssen. „Jungs haben mich als Kanake bezeichnet und zu mir gesagt, dass ich für sie auf dem Feld arbeiten gehen soll“, sagt die 16-Jährige. Die Schülerin am Vincent-Lübeck-Gymnasium in Stade musste deswegen nicht lange überlegen, ob sie ein kreatives Zeichen gegen Rassismus und Ausgrenzung setzen möchte.
Gedenken an die Opfer des Anschlags von Hanau
Für den bundesweiten Schulwettbewerb „Schreib für Hanau!“ der Initiative Kulturelle Integration schrieb die Zehntklässlerin einen kurzen Text. Der Wettbewerb fand zum vierten Mal statt und soll an den rassistischen und rechtsextremen Anschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erinnern. Damals erschoss ein 43-jähriger Deutscher neun Menschen mit Migrationsgeschichte, seine Mutter und sich selbst. Er verletzte sechs weitere Personen. Einer der Schwerverletzten starb im Januar 2026 an den Folgen.

Sophie Elif Görgülü beeindruckte bundesweit mit ihrem Text gegen Diskriminierung und Rassismus. Foto: Jule RoehrInitiative kulturelle Integration
Sophie Elif Görgülüs Beitrag „Eine von den Guten“ beeindruckte die Jury so, dass sie den Beitrag kürzlich als eine von insgesamt zehn Schülerinnen in der Berliner Staatsbibliothek vorlesen durfte.
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In dem Text vermischt die Schülerin eigene Erfahrungen mit denen von anderen Betroffenen. Sie schreibt unter anderem: „Du bist eine von den Guten, höre ich dich sagen. Und das liegt daran, dass ich kein Kopftuch trage, das liegt daran, dass ich die Sprache meiner Herkunft verlernt habe. Um im Kindergarten nicht aufzufallen. Wir müssen mehr machen, als man machen kann, damit du uns ernst nimmst. Dabei verlieren wir unsere Spuren und plötzlich kann ich nirgendwo zu Hause sein, denn das Land in dessen Sprache ich denke, durch dessen Straßen ich laufe, in dessen Schulen ich gehe, mag mich nicht mehr sehen. Und jetzt bin ich überall fremd.“
„Ich weiß nicht, wo ich eigentlich hingehöre“
„Ich weiß nicht, wo ich eigentlich hingehöre“, sagt Sophie Elif Görgülü. Geboren ist sie in England, aufgewachsen in Stade. Ihre Eltern sind zwar beide in Deutschland geboren, ihr Vater stammt aber aus der Türkei. Ihre Großeltern waren Gastarbeiter. Sie spricht nicht gut Türkisch, sagt sie, und habe sich schon früh gefragt, wer sie eigentlich ist.
Diese frühe Sinnkrise habe sie inzwischen überwunden und akzeptiert, dass es kein Land gebe, in das sie gehöre. „Das brauche ich auch gar nicht. Wichtig ist, wo ich mich wohlfühle, das wird sich sicher im Laufe meines Lebens immer wieder ändern“, sagt Sophie Elif Görgülü.
Alltagsrassismus nicht einfach hinnehmen
Ihre Gedanken schreibt sie gerne auf, mischt sich aber auch aktiv ein, wenn sie Alltagsrassismus mitbekommt. „Wenn ich beleidigt werde oder höre, dass jemand anderes beleidigt wird, dann kontere ich“, sagt die Schülerin. Es sei wichtig, Diskriminierung - egal welcher Art - nicht einfach zu dulden, auch wenn es sich nur um vermeintlich harmlose Sprüche handele.
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Dass viele einfach schweigen, sei bezeichnend für unsere Gesellschaft. „Ich versuche zu verstehen, warum Leute bestimmte Dinge sagen, und ihnen dann zu erklären, warum das nicht in Ordnung ist“, sagt Sophie Elif Görgülü. Sie versuche, ins Gespräch zu kommen und gut zu argumentieren, anstatt zu emotional zu reagieren.
Emotional sei die Auseinandersetzung mit dem Anschlag in Hanau gewesen. Nicht nur für Sophie Elif Görgülü, sondern auch für ihre Mitschülerinnen und Freundinnen, die sie nach Berlin begleitet haben. Die Gruppe um Lehrerin Maren Posselt hat viel über die Opfer erfahren und Angehörige kennengelernt.
„Ich bin jetzt motiviert, wieder mehr zu schreiben“, sagt Sophie Elif Görgülü, die in ihrer Freizeit unter anderem auch Querflöte in der Vincents Bigband und Theater spielt. Ihre Lehrerin ist überzeugt, dass die 16-Jährige noch öfter von sich reden machen wird. „Sophie ist eine Rampensau“, sagt Maren Posselt.

Sophie Elif Görgülü wurde in Berlin für ihren Text für Zusammenhalt und Vielfalt ausgezeichnet. Foto: Jule Roehr/Initiative kulturelle Integration
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