TUnsterblich auf acht Füßen: Das rätselhafte Bärtierchen
Ein Bärtierchen, von Fotograf Reinhard Paulin mit Hilfe von KI dargestellt. Foto: Paulin (KI)
Sie leben im Matsch der Dachrinne, im Gartentümpel oder auch im Marianengraben, der tiefsten Stelle der Erde. Bärtierchen überleben fast überall - und vielleicht ewig.
Landkreis. Ein Methusalem wie der arktische Glasschwamm kann mehrere Tausend Jahre alt werden, Eishaie und Wale der Polarmeere bringen es auf Hunderte von Lebensjahren. Auch einige winzig kleine Tiere können uralt werden.
Das Bärtierchen, nur etwa 0,1 Millimeter groß, ist so ein Kandidat. Die bisher untersuchten Tierchen scheinen unsterblich zu sein, und wahrscheinlich kann ein Bärtierchen unendlich lange leben. Aber das hat bisher niemand kontrollieren können. Vielleicht werden sie 300 oder 400 Jahre alt?
Erstaunliche Resultate der Forscher
Die besonderen Fähigkeiten eines Bärtierchens machten die Forschung neugierig. Die Resultate brachten sie zum Staunen: Ein Bärtierchen erträgt unbeschadet eisige Temperaturen bis zum absoluten Nullpunkt, also bis minus 273 Grad. Zugleich vermag es siedend heißem Wasser zu widerstehen, sogar 150 Grad werden ertragen. Es kann über zehn Jahre hinweg fast ohne Wasser überdauern. Wird das Bärtierchen wieder ins Wasser gesetzt, ist es bald genauso fit wie vorher.
Ein Leben ohne Sauerstoff, in reinem Alkohol, flüssigem Helium oder Äther kann es auch vertragen. Weitere unglaubliche Superlative: Die Winzlinge überdauern in Süßwasser und im höchst konzentrierten Salzwasser. Sogar im Vakuum des Weltalls leben sie zehn Jahre. Einem Trommelfeuer aus UV-Licht und Radioaktivität können sie meistens problemlos widerstehen. Sie vermehren sich sexuell, können aber auch ohne Sex durch Zellteilungen Junge hervorbringen.
Mix aus Regenwurm
Bei genauem Hinsehen hat ein Bärtierchen auch merkwürdige anatomische Besonderheiten: Es hat wie eine Spinne acht Füßchen. Die sind aber recht unbeweglich und nur stummelförmig. Das Nervensystem ähnelt dem eines Regenwurms. Atemorgane gibt es nicht.
Das äußere Skelett besteht wie bei Insekten aus Chitin. Ein Bärtierchen ist anatomisch ein Mix zwischen Regenwurm und Urgliedertier. Deshalb studierten Forscherinnen die DNA eines Bärtierchens.
Millionen Jahre alte Tiergruppen in der DNA
Es war keine Überraschung, dass die Bärtierchen-DNA ein Sammelsurium fremder DNA verschiedenster Millionen Jahre alter Tiergruppen ist. Die Folgerung der Forscher: Es ist anzunehmen, dass es Bärtierchen seit Urzeiten gegeben haben muss, dass sie „lebende Fossilien“ sind. Doch Versteinerungen solch kleiner, zerbrechlicher Wesen sind schwer zu finden.
Naturphänomen
T Ein Staat geht zugrunde: Die letzten Tage der Hornissen-Königin
Nur sehr spärlich konnten einige wenige Fossilien schon früh aus der Steinkohlenzeit, dem Kambrium, nachgewiesen werden. Zu der Zeit war es tropisch warm, einige Hundert Millionen Jahre später wieder fürchterlich heiß. Bärtierchen hielten diese sehr wechselhaften Bedingungen aus, sie bewiesen sich als wahre Stehaufmännchen.
Sie saugen Moosblättchen aus
Die heute lebenden Bärtierchen mögen es nass. Sie wurden im Eis des Himalayas und in der Tiefe des Marianengrabens gefunden. Bei uns ist ihr Zuhause zwischen Moosblättchen, im morastigen Boden oder in Tümpeln. Hier klettern sie mit ihren Füßchen tapsig im Moos umher, stechen Zellen der Blättchen an und schlürfen sie aus.
Es gibt auch Bärtierchen, die andere Wassertierchen anstechen und aussaugen. Auch können sie als Kannibalen andere Bärtierchen fressen. Bärtierchen sind eben Alleskönner, passen sich bis heute vielen Situationen an und sind immer irgendwo bei uns; vielleicht im Gartentümpel oder im Matsch der Dachrinne. Aber ein Mikroskop ist nötig, um sie zu entdecken. Bärtierchen sind rätselhafte Mini-Lebewesen, die vieles können.
Buch und Serie
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte und in Jahreszeiten gegliederte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.