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24-Stunden-Reportage

TUnterwegs auf 408 PS: Er muss rund um die Uhr im Getreidefeld „ranklotzen“

Seit zwölf Stunden sitzt Lohnunternehmer Benjamin Tiemann aus Nottensdorf in der Kabine seines Claas Trion Mähdreschers, sein Arbeitstag begann sogar noch früher.

Seit zwölf Stunden sitzt Lohnunternehmer Benjamin Tiemann aus Nottensdorf in der Kabine seines Claas Trion Mähdreschers, sein Arbeitstag begann sogar noch früher. Foto: T. Meyer

Nirgendwo verbringt Benjamin Tiemann in der Erntesaison so viel Zeit wie auf dem Mähdrescher. Stundenlang. Tagelang. Dabei hat er ständige und unerwartete Begleiter.

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Von Thies Meyer
06.08.2026, 21:00 Uhr

Fredenbeck. Der Vollmond leuchtet. Auf einem Feld im Wedeler Bruch heult es laut. Das Monstrum ist groß und nachtaktiv, läuft durch das Weizenfeld und frisst sich durch.

Der saatengrün-hellgraue Claas Trion Mähdrescher mit orangeroten Felgen und Raupenlaufwerk drischt mit seinem sieben Meter breiten Schneidwerk durch den Weizen. Seit 11 Uhr sitzt Benjamin „Benni“ Tiemann (39) auf der Landmaschine im Wert eines Einfamilienhauses. Den ganzen Tag erntet er hier für einen Schweinehalter aus Wedel. Es ist 22 Uhr.

Arbeit vor der Arbeit: Wie Tiemanns Erntetag beginnt

Tiemann führt das Nottensdorfer Lohnunternehmen Gebrüder Fick seit 2016 zusammen mit Vater Karsten Tiemann und Bruder Christian. All ihre fünf Mähdrescher holen gleichzeitig für verschiedene Kunden im Landkreis das Getreide rein.

Sieben Meter breit ist das Schneidwerk des Claas Trion. Der Drescher ist 18 Tonnen schwer (Leergewicht mit Schneidwerk) und war beim Neukauf 500.000 Euro teuer.

Sieben Meter breit ist das Schneidwerk des Claas Trion. Der Drescher ist 18 Tonnen schwer (Leergewicht mit Schneidwerk) und war beim Neukauf 500.000 Euro teuer. Foto: T. Meyer

Ein typischer Erntetag beginnt oft um 7 Uhr damit, den Mähdrescher vom Vortag zu reinigen, erzählt Tiemann. Mit Druckluft pustet er den Staub von der Landmaschine, vom Motor, Kühler und Keilriemen - „überall, wo sich was dreht“. Wenn sich Staub zu dick ansammle, „fängt er irgendwann an zu glühen“, sagt der 39-Jährige. Wer nicht gründlich säubert, geht ein Risiko ein. Getreidestaub und Strohreste sind leicht entzündlich. „So entstehen Brände.“

Benjamin Tiemann ist nur noch „Überwacher“

Seit 11 Stunden sitzt Tiemann auf dem Claas. „Der Mähdrescher fährt jetzt von alleine“, sagt die ausgebildete Fachkraft Agrarservice, während die Erntemaschine im Schritttempo ihre Bahnen zieht. Sensoren in einem weißen Laserpiloten am linken Ende des Mähwerks können die Kante der Getreidereihe abtasten, erklärt Tiemann. Der Pilot nimmt Tiemann das Lenken während des Dreschens ab. „Eigentlich brauche ich jetzt nur noch zu überwachen“.

Der Laserpilot erleichtert dem Fahrer das Fahren. Er führt den Mähdrescher immer genau an der Bestandskante entlang.

Der Laserpilot erleichtert dem Fahrer das Fahren. Er führt den Mähdrescher immer genau an der Bestandskante entlang. Foto: T. Meyer

Der Monitor rechts von Tiemann ist sein ständiger Begleiter. Ist was kaputt, „meckert der sofort und gibt Alarm“. Doch manchmal hilft Tiemann auch „sein Gefühl für die Maschine“. An Geräuschen, etwa an einem bestimmten „Rummeln“, erkennt er, ob ein Teil defekt sein könnte.

Hunderte Millionen Weizenkörner

Zu 70 Prozent ist der Korntank gefüllt, zeigt der Monitor an. An der Rückwand der Kabine ist ein Fenster. Die Weizenkörner prasseln unaufhaltsam in den Korntank. 12.000 Liter passen rein.

Ein Mähdrescherfahrer kann auf dem Display sehen, zu wie viel Prozent der Korntank gefüllt ist, aber sich auch nach hinten drehen und durch dieses Fenster beobachten, was im Korntank passiert.

Ein Mähdrescherfahrer kann auf dem Display sehen, zu wie viel Prozent der Korntank gefüllt ist, aber sich auch nach hinten drehen und durch dieses Fenster beobachten, was im Korntank passiert. Foto: T. Meyer

Dann ist er voll. Tiemann fährt das Abtankrohr raus. Beim Blick aus dem Beifahrerfenster fährt von links ein John Deere-Traktor mit rotem Muldenkipper neben den Mähdrescher. Ein Mitarbeiter des Landwirts fährt das Gespann, neben ihm sitzt Tiemanns Sohn. Der ist während der Sommerferien ständiger Begleiter auf dem Mähdrescher.

Benjamin Tiemann beginnt eine neue Bahn Weizen zu dreschen. Das Display zeigt an, dass der Füllstand des Korntanks bei 0 Prozent liegt. 12.000 Liter Weizen passen noch rein.

Benjamin Tiemann beginnt eine neue Bahn Weizen zu dreschen. Das Display zeigt an, dass der Füllstand des Korntanks bei 0 Prozent liegt. 12.000 Liter Weizen passen noch rein. Foto: T. Meyer

Das Ausfahren des Abtankrohrs ist das Zeichen für den, der das Korn zum Landwirt fährt. Routine zwischen Mähdrescher- und Traktorfahrer. Der 18 Tonnen schwere Claas ruckelt und brummt. Weizenkörner schießen vom Korntank durch das Rohr und prasseln auf den Ladewagen. Hunderte Millionen Körner pro Ladung.

Der Schweinehalter aus Wedel lagere den Weizen in Kornsilos und verfüttere es an die Schweine, so Tiemann. Der Lohnunternehmer erzählt, dass 90 Prozent der Landwirte ihre Ernteerträge an Agrarhändler wie RAISA oder Hansa Landhandel verkaufen. 13,5 Prozent Kornfeuchte hat dieser Weizen. Alles über 14 Prozent könne nicht sofort eingelagert, sondern müsse getrocknet werden - die Trocknung kostet extra.

Der Weizen landet über das Abtankrohr auf dem Anhänger. Da, wo es leuchtet, ist eine zusätzliche Kamera. Benjamin Tiemann kann über sie sehen, wo auf dem Anhänger noch Platz ist. 25 Tonnen passen auf den Wagen.

Der Weizen landet über das Abtankrohr auf dem Anhänger. Da, wo es leuchtet, ist eine zusätzliche Kamera. Benjamin Tiemann kann über sie sehen, wo auf dem Anhänger noch Platz ist. 25 Tonnen passen auf den Wagen. Foto: T. Meyer

Teamarbeit: Funkkontakt zwischen Mähdrescher und Traktoren

Die letzte Getreidereihe auf dem Acker ist ab. Das Schneidwerk mit Messerbalken und Haspel hebt sich. Tiemann blickt durch das Frontglas und schaut nach einer Lücke zwischen den Bäumen. Auf dem gegenüberliegenden Feld soll die Ernte weitergehen. Der Nottensdorfer greift rechts an einer Schrebe neben dem Fahrersitz zum Walkie-Talkie und spricht ins Funkgerät. Ein Traktorfahrer kennt sich aus und weist ihm per Funk den Weg.

Mal das Handy, mal das Walkie Talkie am Ohr: Benjamin Tiemann ist im Daueraustausch mit Kollegen - über Gefahren, die auf dem Feld lauern, oder Wettervorhersagen.

Mal das Handy, mal das Walkie Talkie am Ohr: Benjamin Tiemann ist im Daueraustausch mit Kollegen - über Gefahren, die auf dem Feld lauern, oder Wettervorhersagen. Foto: T. Meyer

Auf dem zweiten Acker des Landwirts drischt der Claas den nächsten Weizen. Der Korntank füllt sich. „Unten am Graben können wir eben leer machen“, sagt Tiemann zum Kollegen. Der wartet mit dem Fendt-Trakor am Feldrand auf die nächsten 12 Tonnen Korn. Und dann warnt er Tiemann. „Pass auf, hier ist noch so ein Loch.“ Tiemann umfährt das Loch. Vier Augen sehen besser als zwei. Solch kleine Gefahren kommen unerwartet, sind aber ein ständiger Begleiter.

Tiemann: „Da muss rangeklotzt werden“

„Morgen Abend 70 Prozent Regen, das sieht ja fast so aus, dass da was kommt“, sagt Tiemann ins Walkie-Talkie. Die Wetter-App ist ein ständiger Begleiter. „Ja, morgen Kaffee-Zeit sind wir spätestens fertig“, antwortet ein anderer Kollege im Funkverkehr. Nach ein paar Minuten ist der lockere Schnack am Funk zu Ende.

Bei dem Wetter ist jede Minute „Gold wert“, sagt Tiemann. „Bei gutem Wetter ist schon immer Druck da, da muss rangeklotzt werden.“ Deshalb heulen die Ernteriesen auch in der Dunkelheit. Urlaub sei - wetterabhängig - immer nur spontan möglich.

Der Claas dreht seine letzten Runden. Ein anderer Nachtaktiver dreht auch seine Runde auf dem Feld.

Vorsicht, Mähdrescher: Ein unerwarteter Begleiter riskiert sein Leben

Geschätzte 20 Meter links vor dem Mäher, in Schlagdistanz zum noch stehenden Weizen, hoppelt ein Hase zwischen den abgemähten Stoppeln hindurch. Er irrt umher, huscht nach rechts ins Weizenfeld - sprichwörtlich ins offene Messer. Das Gebüsch links am Feldrand wäre sicher gewesen. Das Mähwerk drischt mit 5 km/h langsam durch den Weizen. Zehn Meter vor dem Mähdrescher bewegen sich die Halme. Der Hase hat Glück, entkommt keine fünf Meter vor dem Mähwerk und verschwindet in den Tiefen des Weizenfeldes.

Unerwartete Besucher erlebte Tiemann auch schon, erzählt er. Einen Heißluftballon, der im Feld notgelandet ist. Ein Pärchen, das am Feldrand gepicknickt hat. Riskant.

Eine Gut-Wetter-Maschine: Dieser Claas Trion ist der zweitneueste Mähdrescher, den das Nottensdorfer Lohnunternehmen hat.

Eine Gut-Wetter-Maschine: Dieser Claas Trion ist der zweitneueste Mähdrescher, den das Nottensdorfer Lohnunternehmen hat. Foto: T. Meyer

Tiemann schaltet den Mähdrescher ab. Das Heulen bei Vollmond im Wedeler Bruch verstummt. Ein weiterer langer Arbeitstag ist geschafft. Ohne Pause, wie fast immer. Jede Minute ist Gold wert. Tiemann isst während der Fahrt, ein belegtes Brötchen vom Bäcker im Mini-Kühlschrank unter dem Beifahrersitz ist ein ständiger Begeleiter. Ab und zu bringen Landwirte eine Mahlzeit an den Feldrand.

Morgen geht die Ernte hier weiter - solange es das Wetter gut mit allen meint. „Wenn es regnet, versaust du dir die ganze Maschine von innen. Sie kann nicht im Regen arbeiten.“

Der nächste Erntetag wird für Benjamin Tiemann wieder um 7 Uhr starten. Die Ernte muss rein.

Langsam gehen die Lichter in Wedel aus. Feierabend für Benjamin Tiemann und den Claas.

Langsam gehen die Lichter in Wedel aus. Feierabend für Benjamin Tiemann und den Claas. Foto: T. Meyer

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