TUnterwegs mit dem Räumfahrzeug: Henning Jarcks Kampf gegen den Schnee
Schicht geschafft: Henning Jarcks Räumfahrzeug ist mit Schnee bedeckt und vereist. Foto: Meyer
Während die Menschen zu Hause bleiben sollen, fährt Henning Jarck raus. Er muss die Straßen im Kreis Stade von Schnee befreien. Und dabei erlebt er eine Premiere in fast 30 Jahren Berufsleben.
Drochtersen. Sicherheit ist wichtig. Und in diesen Tagen bedeutet das für die Menschen vor allem: Sicher durch den Alltag kommen, wenn Sturmtief „Elli“ wirbelt. Und damit die Menschen im Kreis Stade möglichst unfallfrei mit dem Auto von A nach B kommen, sind die Straßenwärter der Straßenmeisterei Drochtersen im Dauereinsatz.
Um 10.55 Uhr rollt das orangefarbene, mehr als 20 Tonnen schwere Räumfahrzeug mit einem drei Meter breiten Schneepflug am Freitagmorgen vom Hof. Am Steuer: Henning Jarck.
Henning Jarck begegnet auf Stades Straßen Bekannten
Er ist einer von vier der rund 20 Mitarbeiter vom Standort Drochtersen, die jetzt gleichzeitig unterwegs sind: zwei mit Lkw, zwei mit Unimogs. Der Himmelpfortener versucht, Schnee und Eis so gut es geht von den Kreisstraßen zu räumen.
Räumen und Streuen
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Es geht zunächst auf die K28 bei Ritschermoor. Nur die Kreisstraßen - 400 Kilometer im ganzen Landkreis - räumen die Straßenmeisterei Drochtersen und die Straßenmeisterei Bliedersdorf. Auf den Gemeinde- und Bundesstraßen sind andere verantwortlich.
Weiße Schwaden schlängeln sich über den Asphalt. Jarck ist zum Start der Fahrt etwas skeptisch: „Solange dieser Wind weht, hat man verloren.“
Eine Frau hält an, sie macht die Scheibe runter, Jarck auch. Eiskalter Wind pfeift in die Kabine. „Kann man da durchfahren?“, fragt sie. „Jo. Immer genug Schwung“, sagt der Straßenwärter in seiner lockeren Art. Später sieht er ihr Auto vor ihrem Haus wieder und ist froh, dass sie gut angekommen ist. Es war die Frau eines Arbeitskollegen.
Winterunwetter zuletzt vor 15 Jahren im Landkreis Stade
1994 begann Jarck seine Lehre zum Straßenwärter bei der Straßenmeisterei Stade. 1996 schloss er die Prüfung erfolgreich ab. 2000 wechselte Jarck von Stade nach Drochtersen. Im Sommer 2026 gibt es Grund zum Feiern: Die 30 Jahre als Straßenwärter sind voll.

Henning Jarck am Steuer des Räumfahrzeugs. Die Kabine ist schnörkerlos eingerichtet, neben dem Fahrersitz ist ein Detail. In einer Ablage sind Süßigkeiten, Nervennahrung für zwischendurch. Foto: Meyer
Ein solches Winterunwetter wie jetzt habe er zuletzt 2010/2011 erlebt, erinnert er sich. Der Schnee überdeckte mancherorts die Leitpfosten am Straßenrand. Das ist auch heute so; besonders in der Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten sind die letzten zehn Zentimeter der weißen Pfosten nur schwer in den Schneebergen zu erkennen.

In der Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten häufen sich Schneeberge. Es fehlt nicht viel Neuschnee, bis man die Leitbaken nicht mehr sieht. Foto: Meyer
Jarck mag es lieber warm als kalt. Aber im Winter gibt es dennoch Aufgaben als Straßenwärter, die ihm gefallen. Zum Beispiel das Schneeräumen. Und: „Man muss sich wundern, aber im Winter macht auch Buschsägen und Bäumefällen viel Spaß.“
Platz machen für den großen Bruder
Es staut sich am Ortseingang Kranenburg aus Richtung Blumenthal, es ist 13.18 Uhr. Jarck steigt aus und klopft Eismatsch von den Scheibenwischern. Ein grüner Traktor zieht ein Auto aus dem Schnee, der Fahrer schafft es nicht aus eigener Kraft aus der Windwehe an einer Verkehrsinsel. „So ein Schneematsch, da hast du verloren.“
Polizeistation
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14.21 Uhr in Kranenburg: „So, jetzt musst du mal verschwinden mit deinem Rasenmäher. Jetzt kommt der große Bruder“, murmelt Jarck vor sich hin. Am Feuerwehrhaus räumen die freiwilligen Feuerwehrmänner Schnee, einer auf dem Rasenmäher macht Platz, als ihn seine Kollegen von der Straße winken. Jarck fährt vorbei mit „dem großen Bruder“, macht die Scheibe runter für ein kurzes „Moin“.
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Kurz darauf eine Premiere für Jarck: Auf der K4 zwischen Kranenburg und Oldendorf stecken ein roter Citröen und ein grauer Audi im hohen Schnee fest, und Jarck hat keinen Platz, um vorbeizufahren. Das hat er noch nie erlebt, dass er gar nicht vorbeikommt an festgefahrenen Fahrzeugen.
Jarck: „Langweilig wird es als Straßenwärter nicht“
Weil beide Autos ihm die Durchfahrt blockieren, räumt er die Straße von der anderen Seite. Da helfe nur, zu beten, dass sich in der Zwischenzeit zumindest eines der Autos befreien kann. Glück gehabt: Der Audi ist nicht mehr da, der Citröen wird von einem Landwirt mit einem roten Traktor befreit.

Einmal sei Jarck schon mal von der Straße abbekommen. Die Baken - fast immer 60 Zentimeter zum Asphalt entfernt - sind eine gute Orientierung für den Straßenwärter, um nicht von der Fahrbahn abzukommen und den Schneepflug auf ihr zu halten. Foto: Meyer
„Langweilig wird es als Straßenwärter nicht“, sagt Jarck. „Wir haben immer mehr Arbeit, als wir bewältigen können.“ Doch es gibt nicht viele Nachwuchskräfte für diesen Job. Ein Bewerber habe zuletzt auf den letzten Drücker abgesagt. Fachkräftemangel ist auch hier ein Problem, zumal einige seiner Arbeitskollegen demnächst in Rente gehen.
Schnee und Extraschichten schieben
Jarck räumt auf seiner Tour die Kreisstraßen von beiden Seiten. Immer wieder ein ähnliches Naturschauspiel: Sturmtief „Elli“ wirbelt den Schnee auf, als würde Puderzucker durch die Luft schweben.
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Wenn Jarck umdreht, um die Gegenfahrbahn zu räumen, ist die andere Seite oft schon wieder von Windwehen überdeckt. Der Straßenwärter muss wieder feststellen: „Solange der Wind ist, haben wir verloren.“
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Gegen seinen stärksten Gegner heute, den Wind, ist er machtlos. Doch er bleibt tapfer. Seit 7 Uhr arbeitet Henning Jarck, kommt nach 4 Stunden und 55 Minuten kurz vor 16 Uhr wieder in Drochtersen an und hätte eigentlich Feierabend. Aber er fährt eine weitere Tour, um Stades Straßen sicher zu machen.
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