TUnvergessliches Wiedersehen: ALS-Patient besucht alte Kollegen und Freunde
Nach dem Besuch bei Fricke strahlt Lothar Seibt über das ganze Gesicht. Foto: Hahn
Lothar Seibt hat bis 2017 bei Fricke in Heeslingen gearbeitet - bis seine Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ihn zur Kündigung zwang. Mit dem Wünschewagen des ASB besuchte er seine ehemalige Arbeitsstätte ein letztes Mal.
Zeven. Als die Selsingerin Andrea Junge am 29. Dezember des vergangenen Jahres ihre Zevener Zeitung aufblättert, erschreckt sie ein wenig. Von zwei Fotos blickt sie ein ehemaliger Kollege von Firma Fricke in Heeslingen an.
Sie liest die berührende Geschichte und entschließt sich, Lothar Seibt einen Besuch in seiner Zevener Wohnung abzustatten. Bis 2017 arbeitete der damals schon mit ALS Diagnostizierte in der Versandabteilung, um sich seine Rente aufzubessern. Mit nur einer Hand verpackte er kleinere Kommissionen für Kunden in der Schweiz.
„Andrea war diejenige, die mir die kommissionierte Ware zum Verpacken brachte“, erinnert sich Seibt und ergänzt: „Ich habe sie erst gar nicht erkannt, so lange ist das her.“ Nach ihrem Besuch organisierte die einstige Kollegin für Seibt den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB), und auf seinen Wunsch hin werden die Ehrenamtlichen ihn ein letztes Mal zu seiner alten Arbeitsstätte begleiten.
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„Ich bin heute etwas früher aufgestanden als gewöhnlich, habe eine Tasche gepackt und bin auch ein wenig aufgeregt“, lässt Seibt am Morgen des großen Tages wissen. „Es ist eine geile Idee, und ich komme so mal raus“, sagt er voller Dankbarkeit. Auch für seinen heutigen Pfleger vom FDI aus Bremen, der nur Dang genannt werden möchte, ist die Erfahrung mit dem Wünschewagen neu. „Ich habe bisher davon noch nie gehört“, sagt der junge, vietnamesischstämmige Mann, der seit zwei Jahren in der außerklinischen Intensivpflege arbeitet.
Fachkräfte und Ehrenamt: Wünschewagen bringt Hilfe und Hoffnung
Mit Hilfe des ASB-Wünschewagens fahren geschulte Fachkräfte schwer kranke Menschen und bis zu zwei Begleitpersonen an einen Ort ihrer Wahl. „Wir holen innerhalb Niedersachsens ab und fahren zu Wunschorten bundesweit“, sagt Christiane Schrader über ihr Ehrenamt. Sie selbst ist am Morgen vom heimischen Salzgitter nach Hannover gefahren, wo die beiden ASB-Wünschewagen stationiert sind. Gemeinsam mit ihrer Ehrenamtskollegin aus Osnabrück, Jasmin Lienert-Wohlbrink, hat sie sich dann auf den Weg nach Zeven gemacht.
Nach einer freundlichen Begrüßung und lockerem Small Talk geht es auch schon los, Lothar Seibt beim Einsteigen zu helfen. Denn: Der Ausflug soll mit einem gemeinsamen Essen in der Kantine der Heeslinger Firma beginnen, Lothar Seibts Besuch ist dort als fester Termin eingeplant.
Mit Empathie und Humor brechen die beiden Mitarbeiterinnen des ASB sofort das Eis. Es dauert seine Zeit, bis alles im Wünschewagen verstaut ist und Lothar Seibt einen Platz gefunden hat: Die Fahrunterstützung seines großen Rollstuhls ist einige Millimeter zu breit, um in den Van zu passen und so muss er in ein kleineres Gefährt wechseln.
Bewegendes Wiedersehen mit alten Kollegen und Freunden
Die moderne Kantine kennt Lothar Seibt nicht aus seiner Zeit bei Fricke und staunt nicht schlecht, als er sich in die Schlange der wartenden Mitarbeitenden einreiht. Die Kollegen haben einen Tisch für ihn und seine Begleitung reserviert, wo sie miteinander ins Gespräch kommen. Die laute Umgebung ist eine Herausforderung denn: „Meine Sprache ist schlechter geworden“, lässt Seibt wissen.
Mit am Tisch geben die beiden Ehrenamtlichen geduldig und voller Freude Auskunft über ihre wichtige Arbeit. Unter den ehemaligen Kollegen ist Seibts „Kumpel“ Martin Schnoor. „Zu dritt haben wir damals an der legendären Schweizbahn gearbeitet“, sagt Schnoor. Aufgrund der Zollbestimmungen waren an dieser verhältnismäßig feste Teams beschäftigt. „Mit der Zeit hat sich da eine Freundschaft entwickelt“, freut sich Seibts alter Kollege über das Wiedersehen an diesem Ort.
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Nachdem Seibt seinen Rentenantrag durch hatte, stockte er von 2011 bis 2017 seine Rente in der großen Firma ein wenig auf. „Wir haben unterstützt, so gut es ging, doch irgendwann haben wir gesehen, dass es zunehmend schwierig wurde für ihn“, erinnert sich Schnoor. Auch Kollegin Britt Peter bestätigt das: „Wir waren alle traurig, aber auch erleichtert, als er das eingesehen hatte und selbst schweren Herzens kündigte.“
Rundgang im Logistikzentrum bringt Erinnerungen zurück
Nach dem Essen führt Mitarbeiter Patrick Bliefernich Lothar Seibt durch das Logistikzentrum, zu den Resten der alten Arbeitsstätte. „Ach du Sch...“, rutscht es Seibt heraus, als er an einem Luftbild die heutigen Ausmaße der Firma erkennt. Interessiert hört er den Ausführungen zu, stellt Fragen zur Abwicklung im Versand heutzutage.
Spontan kommen auf einen kurzen Gruß Mitarbeitende dazu, die Seibt noch kennen. Einer fragt: „Hey, Lothar, wie geht es dir?“ - „Ach, wenn ich euch so sehe, geht‘s mir gut“, scherzt dieser. Als die Gruppe vor einem der Förderbänder zum Stehen kommt, wird es emotional. Seibt braucht einen Moment, bis er wieder ins Gespräch gehen kann, Tränen der Rührung brechen sich Bahn.
Zusammenarbeit für den guten Zweck
„Für uns war es sofort klar, dass wir das ermöglichen. Es ist eine wahnsinnig große Ehre für unser Unternehmen, dass es der letzte große Wunsch von einem ehemaligen Mitarbeiter ist, seine alte Arbeitsstelle und das Kollegium zu besuchen“, sagt Katrin Graner aus der Marketingabteilung, die den Rundgang begleitet.
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Andrea Junge kannte den Wünschewagen, weil sie ihn mal mit Spenden unterstützt hat. „Es ist einfach wunderbar, welch bedeutsame Dinge entstehen, wenn sich ein paar Menschen ehrenamtlich zusammentun und sich gemeinsam für eine gute Sache starkmachen.“
Ein letzter Abschied voller Humor und Gemeinschaft
Zum Schichtwechsel ist der Rundgang beendet. An der Werkstür sagt Seibt lachend: „Die kommen alle von der Disco“, und lässt dabei offen, ob er die Menschen meint, die das Gebäude verlassen, oder diejenigen, die es betreten. Zum Abschluss wünscht sich Lothar Seibt noch ein Gruppenfoto und sagt gut gelaunt: „In einer Stunde gebe ich Autogramme“. Glücklich und erschöpft begibt sich Lothar Seibt im ASB-Wünschewagen auf die Fahrt zurück nach Zeven.
Mobilität als elementarer Bestandteil der Selbstbestimmung
Einige Tage nach der euphorisierenden und kräftezehrenden Tour erreichen wir den Fahrgast telefonisch und fragen ihn rückblickend nach seinen Empfindungen und weiteren Plänen. „Die Überraschung ist wirklich gelungen. Ich habe den emotionalen Tag mit vielen Freudentränen verarbeitet“, lässt Seibt wissen. Einmal mehr hat er die Erfahrung gemacht, wie lebensfroh er ist und es vermisst, unter Menschen zu kommen.
Seit längerem hegt er dazu den Wunsch nach einem rollstuhlgerechten Fahrzeug. „Damit ich meine Enkelin in ihrem Zuhause besuchen kann“, sagt er. Seit einigen Monaten bittet er in einer privaten Spendenaktion um Unterstützung. 10.000 Euro sollen zusammenkommen, für ein gebrauchtes Fahrzeug mit zwei Jahren TÜV. „Ich habe zwar Geduld, aber vielleicht nicht mehr viel Zeit“, betont Seibt.
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