TWarum beim VfL Stade immer mehr Kinder Basketball spielen wollen
Lars Tesmer und Noah Batsile führen die Kleinsten beim VfL Stade zum Basketball. Foto: Thumann
Haben die großen Triumphe des deutschen Basketballs Folgen in Stade? Der VfL erlebt einen anhaltenden Boom - und erklärt, wie nationale Siege lokale Wirkung entfalten.
Stade. Mittwoch, 15.45 Uhr, Basketballtraining in der Sporthalle am Bockhorster Weg. Ein vielstimmiges Gewusel erfüllt die Halle, Kinder rennen, lachen, rufen durcheinander. Wer hier zuschaut, spürt sofort: Hier boomt eine Sportart.
Ob das auch mit den jüngsten Triumphen der deutschen Nationalmannschaft - dem WM- und dem EM-Titel - zu tun hat? Die Verantwortlichen beim VfL Stade sind davon überzeugt.
„Das geht Hand in Hand“
„Nach den fulminanten Basketball-Sommern der vergangenen Jahre haben wir vor allem im Anschluss an die Titelkämpfe eine erheblich gestiegene Nachfrage festgestellt. Teilweise kamen mehrmals täglich Anfragen für Probetrainings“, berichtet VfL-Geschäftsführer und Basketballnarr Justin Moradi. „Was mit Sicherheit an den Erfolgen der Nationalmannschaft und gleichermaßen aber auch an der Weiterentwicklung unserer Basketballabteilung liegt. Das geht Hand in Hand“, ergänzt der Basketball-Abteilungsvorstand.

Der Basketballnachwuchs nimmt beim VfL Stade zu. Foto: Thumann
Ballgewöhnung statt Taktiktafel
In der Halle zeigt sich, was diese Entwicklung bedeutet. Mittendrin zwei erwachsene Männer: der eine ein Riese mit schlaksigem Basketballergang, der andere mit 1,87 Metern etwas kleiner, mit ruhigem, väterlichem Blick über das Geschehen.
Am Rand sitzen die Eltern auf Turnbänken und verfolgen aufmerksam das Treiben. Ein schriller Pfiff der Trillerpfeife – und schlagartig kehrt Ruhe ein. 17 Kinder im Alter von drei bis neun Jahren setzen sich in der Hallenmitte in einen Kreis.
Lagerfeuermentalität. Was hier wie ein ausgelassenes Spiel wirkt, könnte in zehn Jahren die Zukunft des Basketballs beim VfL Stade sein.
Der Konjunktiv ist bewusst gewählt. Noch geht es nicht um Taktiktafeln oder Spielzüge, sondern um Ballgewöhnung für Kindergarten- und Schulkinder - spielerisch, ohne Leistungsdruck.
Jedes Training hat ein anderes Motto
Verantwortlich dafür ist Lars Tesmer, der die Jüngsten unter seine Fittiche genommen hat. Dass sie dabei ganz nebenbei Grundlagen lernen, merken die Kinder gar nicht.
„Wer hat Angst vorm weißen Hai?“ hallt es durch die Halle. Die Kinder rennen los. „Das ist ein Lauf- und Fangspiel zum Warmwerden, zur Koordinations- und Blickschulung sowie Teambuilding in seiner ursprünglichsten Form, bis alle eingefangen sind. Jede Übungsstunde steht unter einem anderen Motto“, erklärt der 48-jährige Übungsleiter.
Nicht nur die Kinder sind begeistert
Die Begeisterung ist spürbar, bei den Kindern ebenso wie bei den Eltern. „Alles passiert spielerisch und ihrer Altersgruppe entsprechend“, lobt Katrin Sasse.
Ihre sechsjährige Tochter Frieda legt bereits großen Wert auf das passende Deutschland-Trikot, um unter dem Piraten-Motto den Ball zielsicher in den umgedrehten Kasten zu werfen.
Der Größte trainiert die Großen
Parallel trainieren die Schulkinder unter der Obhut von Noah Batsile aus der 3. Herrenmannschaft. Mit seinen mehr als zwei Metern Körpergröße ist er fast doppelt so groß wie seine Schützlinge.
Hier wird bereits auf Körbe geworfen, und es sieht schon ein wenig nach Basketball aus. Und vor allem nach großer Disziplin und echter Begeisterung. Doch auch Tränen gehören dazu.
Johannes aus Jork ist enttäuscht, weil der Papa trotz Zusage kurzfristig einen wichtigen Termin bei Airbus wahrnehmen musste und seine gelungene Aktion „nur“ von der Mama bejubelt werden konnte.
Quereinsteiger: Fußballer wechseln zum Basketball
Ob eines dieser Kinder später einmal in die Fußstapfen von Welt- und Europameistern wie Dennis Schröder oder den Wagner-Brüdern tritt oder gar ein neuer Dirk Nowitzki wird, steht noch in den Sternen. Klar ist aber: Die Erfolge der deutschen Nationalmannschaft hinterlassen Spuren im Nachwuchsbereich.
„Nach den letzten Titeln hat es sich bei den Jungs auch so verstärkt, dass wir selbst in der U18 Neuzugänge haben“, sagt Manuel Reiter, Urgestein des Vereins. Der „Drei-Punkte-Spezialist“ betreut die männliche Jugend.
Basketball-Regionalliga
T Erst Standpauke, dann Bergmann-Festspiele: VfL Stade feiert Heimsieg
Es kämen Quereinsteiger, die dann mit Fußball aufhören oder einfach auf dem Freiplatz gezockt haben und jetzt mit Freunden im Verein spielen wollen, berichtet der Sport- und Mathelehrer des Vincent-Lübeck-Gymnasiums (VLG).
Der Boom hält schon fast ein Jahr
Nach Angaben von Moradi gibt es auch nach dem großen Ansturm weiterhin jede Woche mindestens eine Anfrage von Eltern, die ihre Kinder zum Probetraining schicken wollen - ob U10, U12, U14 oder älter.
„Und wer einmal dabei ist, der bleibt zu 80 bis 90 Prozent auch bei dieser Sportart“, weiß Reiter. Die Zahlen untermauern das.
Der VfL Stade hat derzeit 473 Basketball-Mitglieder, zuvor waren es etwa 400. Davon sind 270 Jugendliche (196 Jungs und 73 Mädchen in 15 Jugendmannschaften), die von 22 Trainern und Trainerinnen begleitet werden.
Wie führt der Weg nach ganz oben?
Neben körperlicher Größe, die hilfreich ist, braucht es vor allem Geduld, Motivation und den Willen zum unermüdlichen Üben.
„Man muss sowohl athletisch gut sein, also schnell rennen können, hochspringen können, kräftig sein und so weiter. Das ist der eine Pfad“, so Reiter über die Grundlagen. Zudem müsse man technisch gut sein, also mit dem Ball umgehen können, dribbeln, passen, werfen. „Und dann muss man auch taktisch gut sein, also clever auf dem Feld im Zusammenspiel mit dem Team“, weiß Reiter.
Dass das auch im größten Basketballverein des Bezirks Lüneburg funktionieren kann, zeigen Beispiele. Tom Joris Rohde wurde für den erweiterten Kader der Nationalmannschaft nominiert. „Und da haben auch direkt gleich drei Vereine aus Hamburg an die Tür geklopft“, schildert Moradi die Konsequenzen erfolgreicher Nachwuchsarbeit.
Wer früh beginnt, kann es schaffen
Mit Lennart Moje, Lius Kleenlof, Bruno Müsing und Daniel Selck haben es bereits vier VfL-Eigengewächse in den Regionalliga-Kader geschafft.
Der Weg zum Bundesliga-Team der Hamburg Towers ist trotz der Nähe zur Hafenstadt sportlich dennoch weit, und der Sprung in den internationalen Profibereich ist noch weiter.
Aber wer früh beginnt und jede Menge Ausdauer mitbringt, kann es auch in Stade schaffen. Oder wie es Lars Tesmer ganz pragmatisch formuliert: „In der Kids-Gruppe haben wir noch Platz.“
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