TWas Kartoffelkäfer und Ziegenböcke über Harsefelds Geschichte erzählen
Jenny von Rönn, Mitarbeiterin des Samtgemeindearchivs Harsefeld, mit einem alten Plakat über Schädlinge. Foto: P. Meyer
Das Archiv öffnet seine Schatzkisten: Eine neue Ausstellung im Harsefelder Museum zeigt historische Karten, Fotos, Briefe und kuriose Dokumente aus Harsefeld.
Harsefeld. Manche Geschichten findet man nicht in Geschichtsbüchern, sondern in alten Aktenordnern. Wer sich durch die Bestände des Samtgemeindearchivs Harsefeld arbeitet, stößt auf amtliche Schreiben, historische Fotos, Landkarten, Briefe und manchmal auch auf ziemlich kuriose Angelegenheiten. Warum musste der Flecken 1922 vier Ziegenböcke anschaffen? Und weshalb musste die Bevölkerung wenige Jahrzehnte später Kartoffelfelder nach kleinen gelben Käfern absuchen?
T Wie ein Vulkanausbruch die Hungersnot nach Harsefeld brachte
Solche Fundstücke sind vom 3. September an Teil einer Sonderausstellung im Harsefelder Museum. Anlässlich seines 40-jährigen Bestehens öffnet das Samtgemeindearchiv seine Bestände und stellt besondere Dokumente aus unterschiedlichen Bereichen der Harsefelder Geschichte aus.
Nachkriegszeit: Käfer bedrohte die Ernte
„Wir haben in den Akten geschaut, was interessant sein könnte. Und das Thema Schädlingsbekämpfung tauchte immer wieder auf“, sagt Jenny von Rönn, Mitarbeiterin des Samtgemeindearchivs. Gemeinsam mit ihren Kollegen hat sie deshalb einen Bereich unter dem Titel „Verschiedenes aus der Landwirtschaft“ zusammengestellt. Die Dokumente zur Tierhaltung und Schädlingsbekämpfung stammen aus den Jahren 1922 bis 1964.
T Harsefelds Geschichte: Ein trauriger Schatz aus dem Sterberegister
Besonders umfangreich ist das Material zum Kartoffelkäfer. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg hatte dessen Bekämpfung eine große Bedeutung. „In der Nachkriegszeit war jede Pflanze wertvoll“, erklärt von Rönn. Die Unterlagen zeigen, wie organisiert gegen den Schädling vorgegangen wurde: Es wurde etwa festgelegt, wer Felder kontrollieren sollte und wie ein Fund zu dokumentieren war. Ein Schulleiter war beispielsweise als Verantwortlicher damit beauftragt, Felder durchsuchen zu lassen.

Zur Unterscheidung von Kartoffel- und Marienkäfern wurde nach dem Zweiten Weltkrieg dieses Plakat erstellt. Foto: P. Meyer
Auch eine Art Gebrauchsanweisung für den Kartoffelkäfer gehört zu den Ausstellungsstücken. Ein Merkblatt des Pflanzenschutzamtes Hannover von 1946 zeigt den Käfer und seine Larve in Originalgröße. Daneben ist ein Marienkäfer abgebildet, damit die beiden nicht verwechselt wurden. „Die Menschen damals hatten natürlich kein Internet, wo sie mal eben nachschauen konnten, wie so ein Käfer aussieht“, sagt von Rönn.
T Großfeuer in Harsefeld: Rekonstruktion einer Tragödie
Mit der Überschrift „Die große Gefahr“ mahnt ein weiteres Warnblatt der Biologischen Zentralanstalt Braunschweig aus demselben Jahr: Es zeigt angefressene Kartoffelblätter. Die Abbildungen sollte die Bevölkerung für den Schädling sensibilisieren. Auf einem weiteren Dokument konnten Kartoffelkäferfunde beim Pflanzenschutzamt Bremervörde gemeldet werden.
Warum war der Kartoffelkäfer so gefährlich?
Der schwarz-gelb gestreifte Käfer konnte ganze Kartoffelfelder kahl fressen und war damit eine große Gefahr für die Ernte. Ursprünglich stammt er aus Nordamerika und gelang Ende des 19. Jahrhunderts über Schiffe nach Europa. Während des Ersten Weltkriegs wurde der Kartoffelkäfer in Deutschland auch als „Franzosenkäfer“ bezeichnet, da vermutet wurde, Frankreich könne den Schädling gezielt zur Schwächung der deutschen Lebensmittelversorgung einsetzen.

Die Anfänge: Vom alten Sprungturm sprangen die Besucher des Freibades Ende der 1930er Jahre ins Wasser. Foto: Samtgemeindearchiv Harsefeld
Auch andere Tiere beschäftigten die Behörden: In einem Dokument von 1960 ist eine Fangprämie von einer D-Mark für jede erlegte Bisamratte festgehalten. Auch die Haltung einiger Tiere war genaustens vorgeschrieben. In einem amtlichen Schreiben des Landrats des Landkreises Stade von 1922 wird der Fleckenvorstand Harsefeld aufgefordert, vier Ziegenböcke anzuschaffen und unterzubringen.
Historische Dokumente aus dem Leben des Lehrers Friedrich Hillmann
Für jeweils 80 deckfähige Ziegen sollte ein Bock vorhanden sein. „Ich fordere den Fleckenvorstand auf, sofort den Ankauf und die Unterbringung der Ziegenböcke in die Wege zu leiten“, heißt es darin.
Ein Gang durch Harsefelds Geschichte
Doch die Ausstellung beschränkt sich nicht auf die Landwirtschaft und Schädlingsbekämpfung. Sie ist ein Streifzug durch unterschiedliche Teile des Archivs: Eine Stellwand widmet sich dem Großen Brand von 1799 und zeigt, welche Häuser damals zerstört wurden. Alte Landkarten machen die Entwicklung der Region sichtbar. Transkriptionen von Briefen Friedrich Huths geben Einblick in historische Schriftstücke, deren Originale heute nicht immer leicht zu lesen sind.

In den 1950er Jahren war der Turm im Freibad schon etwas höher. Foto: Samtgemeindearchiv Harsefeld
Auch die Geschichte des Harsefelder Freibads wird erzählt. Zu sehen sind Fotos und Originaldokumente zur Baugenehmigung und zur Inbetriebnahme des Bades im Jahr 1939.
Hinzu kommen historische Fotos und Briefe, alte Post- und Ansichtskarten. Wer sich die verschiedenen Abschnitte Harsefelder Geschichte anschauen möchte, kann zwischen dem 3. September und 6. Dezember die Sonderausstellung im Harsefelder Museum besuchen.
Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.