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Dorfentwicklung

TWie ein EU-Programm Kehdingen-Oste prägt – aber wie lange noch?

Gefragter Freizeit- und Begegnungsplatz: Insbesondere die Kleinen haben in Drochtersen Kletterspaß.

Gefragter Freizeit- und Begegnungsplatz: Insbesondere die Kleinen haben in Drochtersen Kletterspaß. Foto: Wertgen

Das Herzstück von LEADER sind die Menschen vor Ort - nicht Brüssel. Doch die Kriege in Europa belasten den EU-Haushalt. Gibt es deshalb bald weniger für Projekte in Kehdingen-Oste?

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Von Lars Wertgen
Montag, 08.06.2026, 18:35 Uhr

Drochtersen. Ein junger Mann aus dem Drochterser Jugendbeirat hatte eine Idee. Tim Peters wollte einen Platz schaffen, an dem Menschen verschiedener Generationen aufeinandertreffen - Kinder auf Spielgeräten, Jugendliche auf dem Skater-Areal, Erwachsene an den Sportstationen, alle gemeinsam unter einem Pavillon.

Entstanden ist daraus der neue Treffpunkt am Kehdinger Stadion. Je nach Tageszeit nutzt ihn eine andere Gruppe. Möglich gemacht hat das ein Förderprogramm, das in der Region zwar Spuren hinterlassen hat, über das aber selten geredet wird: LEADER.

EU-Programm für ländliche Räume

LEADER ist ein Regionalentwicklungsprogramm der EU, das seit mehr als 35 Jahren ländliche Räume stärkt. In Niedersachsen sind inzwischen 68 Regionen eingebunden. Eine davon ist seit 2007 die Region Kehdingen-Oste, die sechs Kommunen in den Landkreisen Stade und Cuxhaven umfasst.

Entscheidungen trifft dabei kein Brüsseler Gremium, sondern eine sogenannte Lokale Aktionsgruppe (LAG) - das Herzstück des Programms. Genau darin liegt der besondere Ansatz: LEADER funktioniert von unten nach oben, nach dem sogenannten Bottom-up-Prinzip. Nicht Ministerien legen fest, was eine Region braucht - das tun die Menschen vor Ort selbst.

Von unten nach oben statt von oben herab

In der LAG Kehdingen-Oste wirken über 30 Personen mit: Kommunalvertreter, Verbände wie das Landvolk Stade oder die IHK Cuxhaven, das DRK sowie Institutionen. Vorsitzende ist Erika Hatecke, Samtgemeindebürgermeisterin in Nordkehdingen.

Das Regionalmanagement leitet May-Britt Müller. Bei ihr laufen die Projekte zusammen - sie prüft die Förderfähigkeit, bevor die LAG diskutiert und abstimmt. Gefördert werden Vorhaben aus den Bereichen Tourismus, Wirtschaft, Bildung, Kultur, Soziales oder Umwelt, solange sie der Region nützen.

In Kehdingen-Oste sind auf diesem Weg bereits über 90 Projekte entstanden, mit rund sieben Millionen Euro Förderung und einem Gesamtvolumen von zwölf Millionen Euro. Sichtbar ist das an vielen Orten.

Wo hinterlässt LEADER Spuren?

Der Erlebnispfad Moor-Wasser-Wald bei Oldendorf führt auf neun Kilometern zu zwölf Mitmachstationen, an denen vor allem Kinder und Schulklassen die Natur ihrer Heimat erkunden können.

Auch die Häfen in Gräpel, Assel und Barnkrug wurden durch LEADER umgestaltet. „Da ist für jeden sichtbar etwas passiert und wir stärken unser maritimes Erbe“, sagt Müller.

Ein kulturelles Projekt verband alle sechs Gemeinden: Die Oste-Saga, ein Theaterprojekt, war bei jedem Auftritt ausverkauft. Zudem gibt es ein zweisprachiges Kochbuch mit Kochvideos.

Weitere Spuren hinterlassen hat LEADER beim Dorfgemeinschaftshaus Krautsand, dem Umbau der grünen Scheune in Hammah und beim Bau einer Kanu-Remise in Großenwörden.

„Das LEADER-Programm und natürlich auch das Dorfentwicklungsprogramm wirken direkt vor Ort und sorgen für eine spürbar bessere Lebensqualität“, sagt Müller. Dabei sei LEADER mehr als ein Fördertopf.

Das Programm ermögliche Bürgerbeteiligung, schaffe Kooperationen und Netzwerke - von Dorfmoderationen bis zu Arbeitsgruppen etwa zum Thema Wohnen. LEADER soll Dörfer von innen heraus stärken, nicht allein durch finanzierte Projekte, sondern durch Prozesse, die danach weiterwirken, so Müller.

Was ändert sich für die Region?

Doch diese Arbeit steht auf unsicherem Fundament. Die aktuelle Förderperiode endet am 31. Dezember 2027, und was danach kommt, ist in Brüssel noch nicht entschieden. Der Hintergrund: Die veränderte Sicherheitslage in Europa setzt den gesamten EU-Haushalt unter Druck - mehr Geld soll in Rüstung fließen, mutmaßlich weniger in die ländliche Entwicklung.

„Deshalb wird alles auf den Kopf gestellt“, sagt Müller. Der Kommissionsvorschlag für den Finanzrahmen nach 2027 sieht vor, den EU-Förderanteil von bisher maximal 80 Prozent auf höchstens 40 Prozent zu senken.

Bislang beschloss die LAG bei den meisten Projekten eine Kostenübernahme von 50 bis 60 Prozent. „Das würde sowohl die Vereine als auch die Gemeinden treffen“, sagt Müller.

Wer weniger Förderung erhält, muss mehr Eigenmittel aufbringen - Mittel, die in strukturschwachen Regionen oft fehlen. Nicht ausgeschlossen ist, dass LEADER in seiner jetzigen Form ganz eingestellt wird.

Das LEADER-Netzwerk Niedersachsen und die Bundesarbeitsgemeinschaft der LEADER-Aktionsgruppen fordern in aktuellen Positionspapieren, den EU-Kofinanzierungssatz bei 80 Prozent zu halten und die Eigenständigkeit der LAGs zu sichern. Müller wünscht sich, dass das Prinzip erhalten bleibt, nach dem die Region selbst bestimmt, was sie braucht.

Global entschieden, lokal betroffen?

Was wie ein fernes Brüsseler Programm klingt, landet letztlich ganz konkret vor Ort - am Kehdinger Stadion in Drochtersen, an den Häfen entlang der Elbe, an der Scheune in Hammah.

Für die laufende Periode stehen noch 72.000 Euro bereit. Was 2028 folgt, entscheidet sich in Brüssel - getroffen werden die Menschen hier.

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