TWie ein Vulkanausbruch die Hungersnot nach Harsefeld brachte
Gundi Kania kümmert sich ehrenamtlich um die Präsenzbücherei des Samtgemeindearchivs Harsefeld. Foto: P. Meyer
Im Jahrbuch „Geschichten und Gegenwart“ finden sich viele Berichte zur Harsefelder Historie. Ein Bericht über Vulkanausbrüche blieb Gundi Kania besonders im Gedächtnis.
Harsefeld. Es ist das Jahr 1815: Seit Wochen ist der Himmel über Harsefeld verdunkelt, der Mond hat seine Farbe geändert. Regen und Frost vernichteten die Ernte, Menschen und Tiere sterben an den Folgen von Krankheit und Hungersnot.
In der Stader Region war spürbar, dass etwas Grundlegendes aus dem Gleichgewicht geraten war. Doch dass einer der gewaltigsten Vulkanausbrüche der Menschheitsgeschichte Tausende Kilometer entfernt der Auslöser dafür war, ahnte hier niemand.
40 Jahre Archiv
T Harsefelds Geschichte: Ein trauriger Schatz aus dem Sterberegister
Ereignisse wie diese und die Folgen, die sie auf die Region hatten, sind im Harsefelder Samtgemeindearchiv für die Nachwelt festgehalten. In diesem Jahr feiert die Institution ihr 40-jähriges Bestehen. Anlässlich dessen stellen fünf Mitarbeiter ihre persönlichen Archiv-Schätze im TAGEBLATT vor. In der letzten Ausgabe der Reihe berichtet Gundi Kania, welches Archivgut sie am meisten fasziniert.
Jahrbuch erzählt seit 1988 von Regionalgeschichte
Gundi Kania kümmert sich ehrenamtlich um die Präsenzbücherei des Harsefelder Samtgemeindearchivs. Hier werden regionale Dokumente archiviert: Bücher, Zeitschriften, Zeitungsausschnitte oder Dorfchroniken - alles, was regionalen Bezug hat. Als ihren persönlichen Archiv-Schatz hat die 74-Jährige das Jahrbuch „Geschichte und Gegenwart“ des Harsefelder Vereins für Kloster- und Heimatgeschichte ausgewählt, der in diesem Jahr ebenfalls sein 40-jähriges Bestehen feiert.
Das Archiv ging damals aus dem Verein hervor. „Geschichte und Gegenwart“ erscheint seit 1988 jährlich. Plattdeutsche Erzählungen, Erinnerungen aus der Nachkriegszeit, Naturbeobachtungen und Sagen haben hier ebenso Platz wie wissenschaftlich fundierte Recherchen zur Regionalgeschichte.

"Geschichte und Gegenwart" erscheint jährlich seit 1988. Foto: P. Meyer
„Es fiel mir schwer, mich für einen zu entscheiden“, sagt Gundi Kania mit Blick auf die Fülle an Beiträgen im Jahrbuch. Besonders eindrücklich sei für sie aber ein Beitrag von 2012 gewesen. In dem geht es um die Folgen zweier gewaltiger Vulkanausbrüche auf Harsefeld und die Stader Region: Diese fanden 1783 in Island und 1815 in Indonesien statt. Verfasst wurde der Text von Dr. Klaus Isensee, der sich intensiv mit historischen Quellen aus der Region auseinandergesetzt hat.
Bis zu -35 Grad Celsius durch Vulkanausbruch
Der Ausbruch des isländischen Vulkans Laki im Sommer 1783 setzte über Monate hinweg enorme Mengen an Asche und giftigen Gasen frei. Zeitgenössische Berichte sprechen von einer Verdunkelung des Himmels, ungewöhnlichen Wetterlagen und einem drastischen Temperaturabfall.
In Europa folgten auf den Ausbruch mehrere Jahre mit extremen Witterungsbedingungen. Auch in Norddeutschland kam es zu nassen Sommern, frühem Frost und harten Wintern. Bis zu -35 Grad Celsius sollen 1788/89 im Bremer Raum geherrscht haben.
In den Sterberegistern von Harsefeld, Ahlerstedt, Bargstedt und Mulsum finden sich zu der Zeit vermehrt Einträge zur Krankheit Pleurisie, einer Lungenkrankheit. Ob hierbei aber tatsächlich Luftverschmutzungen durch Vulkanasche eine Rolle spielten, ließe sich aber nicht mehr nachweisen, schrieb der Autor in seinem Beitrag.
Jahr ohne Sommer: Ernte von Roggen fiel schlecht aus
Noch gravierender wirkten sich die Folgen des Tambora-Ausbruchs von 1815 aus. Der Vulkanausbruch gilt als stärkster der Neuzeit. Weltweit kamen zehntausende Menschen ums Leben, allein in der Region um den Vulkan starben nach Schätzungen fast 90.000 Menschen. Die Aschewolken verteilten sich rund um die Erde und führten 1816 zum sogenannten „Jahr ohne Sommer“.

Der Vulkan Laki auf Island brach 1783 aus. Die Folgen waren bis nach Harsefeld zu spüren. Foto: Pixabay / Jacqueline Macou
Für die Stader Region bedeutete das: anhaltender Regen, Kälte und massive Ernteausfälle. Die Roggenerträge gingen stark zurück, gleichzeitig stiegen die Preise. In den Quellen ist von Preissteigerungen von mehr als 30 Prozent die Rede. Brot wurde teurer und Hunger wurde für viele Familien zum echten Problem. In Aufzeichnungen des Jahres 1815 des Amtes Harsefeld wird eine Ernte von etwa einem Drittel weniger Roggen beschrieben. Auch die Branntweinherstellung litt unter der Knappheit.
Laki, Tambora, Harsefeld: Katastrophen mit lokalen Folgen
Was die Menschen nicht wussten: Die Ursachen dieser extremen Wetterphänomene lagen Tausende Kilometer entfernt. Namen wie Laki oder Tambora tauchen in den regionalen Überlieferungen nicht auf. Aschewolken und Lava waren den Menschen unbekannt und eine naturwissenschaftliche Erklärung lag außerhalb ihrer Vorstellungen.
Erst mit dem Wissen der heutigen Zeit ließen sich die Zusammenhänge zwischen den Vulkanausbrüchen in Island und Indonesien und den Missernten in Harsefeld erkennen, schrieb Isensee abschließend.
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Gerade dieser Blick auf globale Ursachen und lokale Folgen macht den Beitrag für Gundi Kania so wertvoll. „Man sieht, dass Klima schon damals das Leben hier bestimmt hat“, sagt sie. Und das Thema sei heute aktueller denn je. Für Gundi Kania ist das Jahrbuch ein Zeugnis regionaler Geschichte, von den Bürgern für die Bürger verfasst. Ohne ihr Engagement wären viele Geschichten verloren gegangen. „Es ist eine lebende Chronik“, sagt sie.
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