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Top-Thema 2025

TWie eine Jugendgang aus Harsefeld 2025 bundesweit für Aufsehen sorgte

Die Jugendlichen haben ihre Taten gefilmt und ins Internet gestellt.

Die Jugendlichen haben ihre Taten gefilmt und ins Internet gestellt. Foto: Screenshot

Kriminelle Jugendliche bedrohten und erpressten andere Schüler. Harsefeld geriet deshalb deutschlandweit in die Schlagzeilen. Was sich seither getan hat.

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Von Pauline Meyer
Freitag, 02.01.2026, 07:32 Uhr

Harsefeld. Selten hat ein Thema die Samtgemeinde Harsefeld so stark geprägt wie die Gewaltserie einer Jugendbande, die seit dem Frühjahr Schüler bedrohte, erpresste und einschüchterte. Die Consti-Gang, wie die Gruppe mit Mitgliedern im Alter von etwa 15 Jahren sich selbst nannte, rückte Harsefeld 2025 schlagartig ins Licht bundesweiter Berichterstattung.

Begonnen hat die Serie mit ersten Übergriffen im Mai. Jugendliche verkauften Vapes und Drogen an jüngere Schüler, setzten sie anschießend unter Druck und erpressten Wegegeld. Einige Opfer wurden bis ins private Umfeld verfolgt. Die Brutalität der Taten schockierte Eltern besonders, weil sich die Täter selbst filmten und die Videos dann über Snapchat, Instagram und Tiktok online verbreiteten.

Schulen wagten den Schritt an die Öffentlichkeit

Offiziell bestätigt war länger nichts, bis die Schulleitungen des Aue-Geest-Gymnasiums (AGG) und der Selma-Lagerlöf-Oberschule kurz vor Sommerferienbeginn den Schritt an die Öffentlichkeit wagten. In einem Warnbrief an die Eltern beschrieben sie eine organisierte Bande, die im Umfeld von Bahnhof, Freibad und Eissporthalle agierte.

Gemeinsam mit dem Jugendamt forderten sie die Eltern auf, aufmerksam zu sein und Vorfälle direkt bei der Polizei anzuzeigen. Dieser Schritt brachte Verunsicherung auf der einen und Dankbarkeit für die Transparenz auf der anderen Seite hervor. Um das Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung zu lindern, wurden zeitweise sogar die Türen am Gymnasium nach Unterrichtsbeginn abgeschlossen.

Bürgerwehr formierte sich - und verschwand wieder

Bei der Jugendbande handelte es sich um eine kleine Gruppe strafmündiger Jugendlicher - zwei davon sogenannte Intensivtäter. Die Taten seien bekannt, die Dunkelziffer wahrscheinlich aber höher, so Polizei und Jugendamt. Die heftigen Reaktionen in sozialen Medien verschärften das Klima zusätzlich.

Zeitweise formierte sich eine Bürgerwehr, deren Vorhaben, selbst für Sicherheit zu sorgen, allerdings auf massive öffentliche Kritik stieß. Sie verschwand daher bald aus der öffentlichen Wahrnehmung. Für Bürgermeisterin Susanne de Bruijn war dies ein Alarmzeichen. Sie warnte deutlich davor, das Recht selbst in die Hand nehmen zu wollen. „Dann haben wir Anarchie“, schrieb sie in einem Brandbrief an die Polizei und forderte mehr Präsenz im Ort.

Die Debatte verschmolz mit einer älteren Frage: Ist Harsefeld polizeilich ausreichend ausgestattet? Seit Jahren beklagen Politiker eine Diskrepanz zwischen wachsender Bevölkerung und sinkender Personalstärke in der örtlichen Wache. Die CDU begrüßte den Vorstoß der Bürgermeisterin, kritisierte aber auch, dass er zu spät komme. Gleichzeitig unterstrich auch die CDU: Bürgerwehren sind keine Lösung.

Täter bekamen Hausverbot für das Freibad

Die Verwaltung reagierte mit eigenen Maßnahmen. Die Kommune sprach gegen zwei mutmaßliche Täter ein Hausverbot für das Freibad aus. Zudem kündigte Samtgemeindebürgermeisterin Ute Kück an, die sozialpädagogische Arbeit auszubauen. Prävention solle früher ansetzen und breiter wirken, auch an Grundschulen.

Denise Kempa, Sozialarbeiterin im Jugendzentrum (JUBS), betonte die Bedeutung offener Räume, in denen Jugendliche Vertrauen fassen und Probleme ansprechen können. Vereine wie der TuS Harsefeld und der Jugendförderverein (JFV) reagierten schnell und boten ihren Mitgliedern konkrete Anlaufstellen für den Notfall.

Die Polizei auf dem Weg zum Einsatz in Sachen Jugendbande. Im Hintergrund ist das Jugendzentrum JUBS zu sehen.

Die Polizei auf dem Weg zum Einsatz in Sachen Jugendbande. Im Hintergrund ist das Jugendzentrum JUBS zu sehen. Foto: Fehlbus

Zuletzt sorgte ein Tiktok-Video einer der Haupttäter im September für Schlagzeilen, in dem dieser Drohungen aussprach. Die Polizei führte daraufhin eine Gefährderansprache bei dem 16-Jährigen durch. Zeitgleich lud man in Harsefeld zu einem Jugendbande-Gipfeltreffen, bei dem Vertreter aus Politik, der Schulen, des Jugendamts, der Landesschulbehörde sowie Lüneburgs Polizeipräsidentin Kathrin Schuol zugegen waren.

Prävention an den Schulen und mehr Wertschätzung

„Seither ist viel passiert - viel Gutes“, sagt Ute Kück im Gespräch mit dem TAGEBLATT. Seit Juni habe es keine weiteren Vorkommnisse gegeben - dafür seien verschiedene präventive Maßnahmen an den Schulen angelaufen. An der Selma-Lagerlöf-Oberschule habe ein Sozialtraining in Jahrgang 8 stattgefunden. Zudem wurde eine offene Polizeisprechstunde eingeführt, die regelmäßig stattfinde. Für das kommende Jahr seien für alle sechs Jahrgänge weitere Präventionsmaßnahmen gemeinsam mit Lehrkräften und Polizei vorgesehen. Letztere habe seither außerdem ein gesondertes Auge auf die Schulwegsicherung.

Auch das Netzwerk PräventTeam Harsefeld sei in gutem Austausch mit allen Beteiligten. Anfang November fand ein Präventionstag in den Räumlichkeiten der Balthasar-Leander-Schule statt, an dem die achten Jahrgänge der Harsefelder Schulen teilnahmen.

„Die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema hat zu einer engeren Zusammenarbeit unter Netzwerkpartnern geführt“, sagt Denise Kempa vom JUBS. Das sei vor allem wichtig, um Gewalt, Gruppendruck und daraus entstehenden Konflikten unter Jugendlichen mit gezielten Präventions- und Unterstützungsmaßnahmen entgegenzuwirken. Kempa betont auch, dass die Sichtbarkeit des JUBS sowie die Wertschätzung der Mitarbeitenden seither stark zugenommen hätten.

Für das JUBS wurde zudem eine neue Vollzeitstelle geschaffen, die für Entlastung sorgen und mehr Kapazitäten für Projekte schaffen soll. Dieses Anliegen wurde bereits im Mai durch das JUBS-Team im Ausschuss vorgebracht, bekam dann durch die Geschehnisse um die Jugendbande noch einmal mehr Gewichtung, betonte auch Ute Kück. „Diese Krise“, so sagt sie, „hat uns ein Stück weiter zusammengebracht. Und wir haben wichtige Erfahrungen daraus mitnehmen können.“

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