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Katzenschwemme

TZu viele streunende Katzen in der Wesermarsch: Tierschützer schlagen Alarm

Diese Kitten - mittlerweile leider alle verstorben - wurden in Stadland gefunden. Die Mutterkatze hatte sie zurückgelassen. Am Tag der Geburt hatte der Verein Kitten in Not die vier Kleinen übernommen.

Diese Kitten - mittlerweile leider alle verstorben - wurden in Stadland gefunden. Die Mutterkatze hatte sie zurückgelassen. Am Tag der Geburt hatte der Verein Kitten in Not die vier Kleinen übernommen. Foto: Krebs

Im Landkreis gibt es immer mehr frei streuende Katzen. Sie vermehren sich explosionsartig. Der Tiersuchdienst Wesermarsch verfolgt die Entwicklung mit großer Sorge. Und stellt in diesem Zusammenhang klare Forderungen.

Von Ulrike Krebs Sonntag, 03.08.2025, 17:00 Uhr

Landkreis Wesermarsch. Trotz Kastrationspflicht steigt die Zahl streunender Katzen im Landkreis rasant. Die Tierschutzorganisationen sind längst an ihrem Limit angekommen. „So schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie“, sagt Heidi Huth-Hinrichs. „Ich weiß manchmal gar nicht mehr, wie es überhaupt noch weitergehen soll.“

Die Vorsitzende des Tiersuchdienstes Wesermarsch schüttelt ärgerlich den Kopf. Nahezu täglich erreichen sie und andere Tierschützerinnen und Tierschützer im Landkreis Anrufe wegen herumstreunender Katzen. Darunter sind unzählige Kitten und wilde Jungkatzen, die natürlich noch nicht kastriert sind und mit großer Wahrscheinlichkeit bald selbst trächtig sein werden.

Überfüllte Tierheime durch unkontrollierte Vermehrung

Katzen werden in der Regel im Alter von sechs bis neun Monaten geschlechtsreif - manchmal sogar noch früher. Sie können pro Jahr bis zu fünf Würfe mit vier bis sechs Kätzchen großziehen. Diese sorgen dann nach einem halben Jahr wieder für ungeplanten Nachwuchs. Die Katzenschwemme durch die starke Zunahme an freilaufenden Katzen durch unkontrollierte Vermehrung führt überall in Deutschland zu überfüllten Tierheimen.

Einrichtungen in Oldenburg, Delmenhorst und Bergedorf haben wegen Überlastung schon einen Aufnahmestopp verhängen müssen. Das Kontingent an Pflegestellen in der Region ist ebenfalls erschöpft. Die ehrenamtlichen Tierschutzorganisationen sind an ihrem Limit angekommen. Zwar gibt es immer wieder geförderte Kastrationsaktionen, aber die reichen nach Meinung von Tierschützern bei Weitem nicht aus, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Kaum Vermittlungschancen für freilaufende Katzen

Die Aufzucht von extrem jungen Kitten ist nahezu ein 24-Stunden-Job. Erschwerend kommt hinzu, dass nach der Coronazeit mit den vielen unüberlegt angeschafften Tieren gerade jetzt zur Ferienzeit im Sommer ohnehin vermehrt Vierbeiner wegen geplanter Urlaubsreisen ausgesetzt werden. Fakt ist laut Heidi Huth-Hinrichs ebenso, dass sich verwilderte Katzen schwer vermitteln lassen. Je länger die Tiere in freier Wildbahn unterwegs waren, desto schwieriger und zeitintensiver wird es, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Handzahme Tiere, die sich gerne streicheln lassen, haben in den Tierheimen naturgemäß viel höhere Vermittlungschancen. Aber den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern aus dem Tierschutz fehlt oftmals die Zeit, um sich ausgiebig um jedes einzelne Katzenkind zu kümmern. Darüber hinaus sind viele der aufgelesenen Tiere krank und zum Teil durch Inzucht missgebildet.

Bei Verstoß gegen Kastrationspflicht Bußgelder bis zu 5000 Euro

Vor diesem Hintergrund fordern nicht nur Heidi Huth-Hinrichs und ihr Team von den Behörden endlich eine konsequente Einhaltung und Überwachung der Kastrationsverordnung. Denn für alle Freigängerkatzen ab fünf Monaten ist in der Wesermarsch eine Kastrationspflicht vorgeschrieben. Sollten die Halterinnen und Halter von unkastrierten Fundtieren bekannt sein, müsste direkt ein saftiges Bußgeld verhängt werden, meint die Tierschützerin.

Heidi Huth-Hinrichs ist die Vorsitzende des Tiersuchdienstes Wesermarsch. Die Katzenschwemme im Landkreis bereitet ihr große Sorgen.

Heidi Huth-Hinrichs ist die Vorsitzende des Tiersuchdienstes Wesermarsch. Die Katzenschwemme im Landkreis bereitet ihr große Sorgen. Foto: Bredendiek

„Es hält sich kaum jemand an die gesetzlichen Vorgaben, vor allem auf den Bauernhöfen. Aber sobald die ersten Leute ordentlich zur Kasse gebeten werden, dürfte das Wirkung zeigen. Ich rede hier von Bußgeldern in Höhe von bis zu mehreren tausend Euro,“, sagt Heidi Huth-Hinrichs. Sie spricht sich angesichts der zugespitzten Lage ebenso für eine Kastrationspflicht von Wohnungskatzen aus, weil sie keine andere Möglichkeit mehr sieht, die unkontrollierte Katzenvermehrung zu stoppen.

Der Nordenhamerin ist bewusst, dass die Haltung von Haustieren heute ein Luxus geworden ist, der bezahlt werden will. Auch die Kastration von Katzen ist nach einer Anpassung der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) vor knapp drei Jahren deutlich teurer geworden. Bei einem weiblichen Tier fallen in der Regel Kosten in Höhe von 150 bis 200 Euro an, bei einem Kater, bei dem die Bauchdecke nicht geöffnet werden muss, sind es etwa 100 bis 150 Euro. Übrigens: Die Vorstellung, dass es besser ist, Katzen erst nach ihrer ersten Rolligkeit kastrieren zu lassen oder ihnen mindestens einmal Mutterfreuden zu vergönnen, ist laut Heidi Huth-Hinrichs wissenschaftlichen längst widerlegt.

Ein Großteil der Tiere ist unterernährt und krank

Aktuellen Schätzungen zufolge gab es allein in Niedersachsen im vergangenen Jahr mehr als 200.000 Katzen ohne menschliche Betreuung. Bundesweit sollen es nach Schätzung des Landestierschutzverbands sogar mindestens zwei Millionen Straßenkatzen gewesen sein. Der Großteil der Tiere war unterernährt und krank. Viele litten an Parasiten und Infektionskrankheiten wie Katzenschnupfen und Katzen-Aids, was auch für Freigänger-Hauskatzen gefährlich sein kann, wenn diese nicht geimpft sind. Nicht nur in der Wesermarsch ist die Anzahl toter Fundtiere in den vergangenen Monaten und Wochen auffallend gestiegen.

Auch wenn es noch so gut gemeint ist: „Es bringt nichts, Streuner anzufüttern“, sagt Heidi Huth-Hinrichs. Im Gegenteil: Wer die Tiere versorgt, gelte als Halterin oder Halter und sei damit gesetzlich zur Kastration verpflichtet. Sinnvoll und richtig sei es vielmehr, zeitnah die Behörden - das zuständige Ordnungsamt - einzuschalten, um die Katzenschwemme nicht noch mehr ausufern zu lassen.

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