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35-Länder-Tour

T19.500 Kilometer zu Fuß durch Europa: Mütze ist wieder da

Mütze freut sich über den herzlichen Empfang.

Mütze freut sich über den herzlichen Empfang. Foto: Felsch

Großer Bahnhof für Karsten Rinck: An der Hogendiekbrücke warteten über 100 Leute auf Mütze, der nach viereinhalb Jahren wieder in seine Heimat zurückkehrte.

Von Franziska Felsch Sonntag, 18.01.2026, 10:15 Uhr

Altes Land. Seit Mai 2021 ist der 44-Jährige Karsten Rinck zu Fuß auf Europas Straßen unterwegs. 35 Länder hat er besucht, 19.500 Kilometer zurückgelegt. Höhen und Tiefen erlebt, jedem Wetter und jeder Herausforderung getrotzt. Mehr als ein dutzend Paar Schuhe verschlissen, dafür wertvolle Erfahrungen gewonnen.

Am Sonnabend bereiteten Freunde, Fans, Familienmitglieder und Feuerwehrkameraden ihm und seiner Hündin Lotte einen herzlichen Empfang. „Hut ab, Mütze“, applaudierten sie. Zu den ersten, die ihn begrüßten, gehörte Gründendeichs Ortsbrandmeister Jan Gruhn und Bürgermeisterin Sonja Zinke, die ihn vor ein paar Jahren in Irland, wo ihre Familie Urlaub machte, traf.

Passanten halten Mütze immer wieder an

Mütze genehmigte sich erst mal eine Wurst vom Grill, den die Feuerwehrkameraden aufgebaut hatten. Aber der Steinkirchener kam kaum zum Essen, denn fast jeder wollte mit ihm ein paar Worte wechseln oder ein Foto ihm machen.

Bürgermeisterin Sonja Zinke begrüßt den Alternativreisenden.

Bürgermeisterin Sonja Zinke begrüßt den Alternativreisenden. Foto: Felsch

Ende der Woche war er mit der Fähre von Hamburg rüber nach Finkenwerder und weiter nach Jork gelaufen. Von Borstel ging es am Sonnabend nach Steinkirchen, wo er gegen 14.30 Uhr eintraf.

Auf der letzten Etappe aufgehalten von Passanten, denn Mütze ist durch seine Blogs in den sozialen Medien und durch Presseartikel kein Unbekannter. Eigentlich wollte er schon eine Woche früher ankommen, aber wegen Tief Elli hatte er eine längere Pause in Bergedorf eingelegt.

Was er nun vorhabe, fragten sich viele, die ihm auf den sozialen Kanälen folgen. „Weiß ich noch nicht, erst einmal erholen, alles sacken lassen“, so Rink, der froh ist, wieder im Alten Land zu sein. Denn kein anderer Ort auf seiner langen Reise habe sich so angefühlt wie sein Zuhause.

Schlafen unter Brücken, in Ställen und Gerätehäusern

Vor gut vier Jahren, inspiriert durch den Franco-Kanadier Jean Beliveau, der um die Welt gelaufen ist, um seine seelischen Probleme in den Griff zu bekommen, startete Mütze aus ähnlichen Gründen. Allerdings begrenzt auf Europa.

Als besonderen Reiz empfand er das Abenteuer, jeden Abend eine Übernachtung zu finden. Anfangs habe er verstärkt Leute nach einem Dach gefragt, später ein Auge für Schlafmöglichkeiten entwickelt. „In einer Scheune, Stall, Gartenlaube, Garage, Brücke oder unter eine Veranda habe ich mein Zelt aufgeschlagen“, erzählt Rinck, der Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr Grünendeich ist, was dazu beitrug, dass er im Ausland in so manchem Gerätehaus schlafen durfte.

Auch sein Hund öffnete ihm die eine oder andere Tür. Leider nicht überall: Die Betreiber einer Fähre in Irland wollten den elf Jahre alte Labrador/Münsterländer Mischling erst nicht mitnehmen.

Respekt vor der Leistung seiner Ahnen

Andere, unbekannte Menschen wiederum haben ihm geholfen - mit einem Schlafplatz, bei Problemen, wie in Frankreich, als Lotte eine Tierarztbehandlung brauchte oder auch nur mit einem Gespräch. Denn wenn man sich nicht austauschen kann, sei das irgendwann deprimierend, meint Mütze, der seinen Spitznamen in seiner Ausbildung erhielt.

Drei Sorten Menschen gibt es, hat der Alternativreisende festgestellt: Menschen, die dich gewinnen sehen wollen. Menschen, die dich scheitern sehen wollen. Und Menschen, denen du egal bist.

Ortsbrandmeister Jan Gruhn ist froh, dass sein Feuerwehrkamerad Karsten wieder da ist.

Ortsbrandmeister Jan Gruhn ist froh, dass sein Feuerwehrkamerad Karsten wieder da ist. Foto: Felsch

Angesprochen auf das beeindruckendste Erlebnis - da mag er sich nicht festlegen, aber ein Highlight war das Erreichen von Schlüsselpunkten, speziell Tarifa nahe Gibraltar. „Ich habe jetzt eine leise Ahnung, was unsere Vorfahren auf sich genommen haben.“

Karsten Rinck, der sein Projekt durch Spenden, Sponsoren, Ersparnisse und manchmal als Geschichtenerzähler finanzierte, hat seine Tour beendet, weil er „angekommen“ sei.

Ich bin definitiv nicht mehr der Mensch, der ich mal war

Karsten Rinck

Er habe die Welt wieder neugierig wie ein Kind betrachtet. Er habe für sich irgendwann festgestellt, „dass ich nicht da bin, wo ich sein könnte, sondern Erwartungen Dritter erfüllt habe“. Das Langstreckenprojekt habe ihm geholfen. „Ich bin definitiv nicht mehr der Mensch, der ich mal war“, so sein Fazit.

Mit seiner Aktion will er zeigen, dass es möglich ist, die Herausforderungen im Leben zu meistern, wenn man sich ihnen stellt. „Ich bin zufrieden mit mir und mit meiner mentalen Stabilität. Ich muss mir nichts mehr beweisen.“

Sein Rat: „Egal wie aussichtslos eine Situation scheint, es gibt immer irgendwie eine Lösung. Man darf nicht aufhören, danach zu suchen. Wenn eine Sache nicht funktioniert, dann eben eine andere.“

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