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Wirtschaft

TAltländer Drogerie feiert Geburtstag: Das Erfolgsrezept einer Familie

Timm und Gerd Hubert mit Geschäftsführerin Tanja Mühlhausen-Nauerz.

Timm und Gerd Hubert mit Geschäftsführerin Tanja Mühlhausen-Nauerz. Foto: Vasel

Die Altländer Drogerie in der Bürgerei Jork feiert ihren 90. Geburtstag. Gerd Hubert und sein Sohn Timm verraten, warum das Familienunternehmen sich bis heute behauptet.

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Von Björn Vasel
Montag, 12.01.2026, 00:18 Uhr

Jork. Mehr als 5000 Drogerien und Drogeriemärkte mit Filialen gibt es heute noch in Deutschland. Der Markt wird von großen Ketten wie dm, Rossmann, Müller und Budnikowsky beherrscht. Mehr als 90 Prozent des Umsatzes von 25 Milliarden Euro mit Drogeriewaren landet in ihren Kassen.

1973 war die Preisbindung für Drogerieartikel aufgehoben worden. Discounter mit Selbstbedienung und aggressiven Rabatten durch Großeinkäufe wurden möglich. Die Drogerieketten machen seitdem den Kleinen zu schaffen.

Der Gründer der Altländer Drogerie, Paul Hubert, mit seinem Vater, dem Friseur Heinrich Hubert, vor dem Wohn- und Geschäftshaus der Familie im Jahr 1936.

Der Gründer der Altländer Drogerie, Paul Hubert, mit seinem Vater, dem Friseur Heinrich Hubert, vor dem Wohn- und Geschäftshaus der Familie im Jahr 1936. Foto: Archiv Hubert

Eine von 15 Drogerien in Familienhand in Niedersachsen

Inhabergeführte Drogerien sind mittlerweile in der Minderheit. „Knapp 125 sind es noch“, erklärt der Drogist Gerd Hubert aus Jork mit Blick auf Zahlen des Verbands Deutscher Drogisten (VDD). In Niedersachsen seien noch 15 Familienunternehmen im VDD, so Hubert. Im Alten Land sind sie die Letzten, vor zwei Jahren schloss die Drogerie Quast in Neuenfelde.

Der Großvater von Gerd Hubert, Heinrich Hubert, war Friseur. Er stammte aus Moorburg.

Der Großvater von Gerd Hubert, Heinrich Hubert, war Friseur. Er stammte aus Moorburg. Foto: Archiv Hubert

Deshalb blicken er und sein Sohn Timm gemeinsam mit ihrer Geschäftsführerin Tanja Mühlhausen-Nauerz „mit sehr großem Stolz“ auf die Geschichte der Altländer Drogerie zurück. „Wir haben uns immer wieder neu erfunden“, so der Drogist und frühere Bürgermeister (2011 - 2019), Gerd Hubert. In diesem Jahr wird der 90. Geburtstag gefeiert.

Drogerie-Geschichte beginnt 1936 im Friseursalon

Die Geschichte der Altländer Drogerie beginnt im Januar 1936 in Jork. In jenem Jahr gründete Paul Hubert seine Drogerie im Friseurladen seines Vaters Heinrich in der Bürgerei. Ursprünglich wollte die Familie dort ein weiteres Geschäftshaus erwerben. Doch die Huberts zogen den Kürzeren, der Drogist Hartmann setzte sich auf der anderen Straßenseite durch. Das „Drogenhaus“ war vorher auf 20 Quadratmetern neben dem Friseursalon untergebracht. Und so gab es lange Jahre zwei Drogerien im historischen Ortszentrum.

Die Familie stammt ursprünglich aus Moorburg, so Gerd Hubert. Im Ersten Weltkrieg habe sein Großvater Heinrich Hubert bereits in Jork gelebt. Sein Sohn Paul lernte in der 1910 gegründeten Schloss-Drogerie in Diepholz. Seinerzeit war von „Drogenhandlung“ die Rede - alles ganz legal. Die Diepholzer gab es bis 1980.

Blick auf das Friseurgeschäft von Heinrich Hubert. Erst sein Sohn Paul war Drogist.

Blick auf das Friseurgeschäft von Heinrich Hubert. Erst sein Sohn Paul war Drogist. Foto: Archiv Hubert

Kosmetik, Gesundheits- und Fotoartikel, Farben, Haushaltschemie und vieles mehr wie Tapeten führte die Altländer Drogerie im Sortiment. „Salben und Farben mischte mein Vater selbst an“, erinnert sich Gerd Hubert. Auch ein eigenes Fotolabor betrieb sein Vater nach der Heirat mit der Drogistin Emmy Andermann aus Hamburg ab 1939 in der Drogerie - bis zum Siegeszug der Farbfotografie in den 1960er Jahren. Sie führte das Geschäft ab 1940, Paul Hubert wurde Soldat, er überlebte den Zweiten Weltkrieg auf Borkum.

Nach der Befreiung des Alten Landes von den Nazis im April 1945 entwickelte Emmy Hubert die Filme der britischen Soldaten. „Meine Schwestern freuten sich über die Schokolade der Briten“, sagt Hubert. Im Sommer kehrte Paul Hubert aus der Kriegsgefangenschaft zurück, 1950 schloss Heinrich Hubert seinen Friseursalon. Die Altländer Drogerie verdoppelte ihre Verkaufsfläche. „Meine Mutter war eine gefragte Ratgeberin vieler Mütter - vor allem bei Babynahrung und Kosmetik.“

Blick auf die Altländer Drogerie Hubert vor 1950. In jenem Jahr schloss Heinrich Hubert sein Friseurgeschäft.

Blick auf die Altländer Drogerie Hubert vor 1950. In jenem Jahr schloss Heinrich Hubert sein Friseurgeschäft. Foto: Archiv Hubert

Dank seiner Giftprüfung durfte er auch Insektizide verkaufen, er tuckerte mit seinem Mofa über die Höfe und befreite die Viehställe vom Ungeziefer - auch mit DDT. „Der Fliegenkerl kommt“, hieß es. Bis zur Apothekenpflicht wurden Medikamente wie Spalttabletten verkauft. Und auf den Fototüten stand als Werbeslogan: „Knipse oft, doch knipse richtig, frage Hubert, das ist wichtig.“

Blick in die Bürgerei vor dem Zweiten Weltkrieg.

Blick in die Bürgerei vor dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Archiv Hubert

Doch das Wohn- und Geschäftshaus wurde zu klein, sieben Kinder zählte die Familie. Und so wurde 1959 das Obergeschoss des heute denkmalgeschützten, massiven Gebäudes abgetragen und im Altländer Fachwerkstil aufgestockt. „Das war eine sehr weise Entscheidung“, sagt Gerd Hubert.

1959 wird das Gebäude der Altländer Drogerie im Fachwerk-Stil aufgestockt.

1959 wird das Gebäude der Altländer Drogerie im Fachwerk-Stil aufgestockt. Foto: Archiv Hubert

Die Drogerie passe in das Fachwerkensemble mit dem Portauschen Haus von 1659 (Bücherei) in der Bürgerei, das Bilderbuchmotiv ziehe Tagesausflügler und Touristen an.

Drogerie trotzt der Sturmflut von 1962

Die Sturmflut 1962 traf auch die Drogerie, der Keller mit Heizung und Warenlager stand unter Wasser, gefährliche Stoffe wie Salz- und Schwefelsäure hatten sie nachts noch in Sicherheit bringen können. Die Solidarität ihrer Lieferanten war groß, schnell sei das Lager wieder gefüllt gewesen.

„Die 1960er waren Boom-Jahre“, sagt der Drogist. „Söven un veertig un ölben der Renner“, erinnert er sich. Das stand für 4711 - das Eau de Cologne der Wirtschaftswunderjahre. Selbst Heiligabend nach dem Gottesdienst kamen Altländer vorbei, um auf den letzten Drücker ein Geschenk zu kaufen: „Die Bescherung musste so lange warten.“

1979 übernimmt Gerd Hubert das Geschäft

Auch Gerd Hubert wurde Drogist, er lernte im elterlichen Betrieb und auf der Drogistenakademie in Braunschweig. Danach sammelte Hubert weitere Erfahrungen als Geschäftsführer einer Heidelberger Drogerie mit mehreren Filialen, dort baute er das Fotogeschäft aus. 1976 kehrte er zurück - und übernahm im Januar 1979 das elterliche Geschäft. Die Eltern halfen weiter mit.

Die Drogerie musste sich „immer wieder neu erfinden“ und das Sortiment anpassen, die Beratung war und ist ein Wettbewerbsvorteil.

Farben und Tapeten flogen raus. Im Herbst 1984 erweiterte Hubert den Laden erneut. Ein Kosmetik- und Fußpflege-Salon kam hinzu. In den 1990er Jahren flogen Babynahrung und Gesundheitspflege raus - was Rewe und Rossmann führen, wird nicht mehr angeboten. Lotto kam hinzu: „Einige Kunden haben den Laden als Millionär verlassen.“ Presseartikel und Passbilder gibt es heute noch.

Drogist und Kommunalpolitiker

Die Drogerie galt als inoffizielles Rathaus, wer was erreichen wollte oder sich über Rat und Verwaltung ärgerte, schaute vorbei. 33 Jahre mischte Hubert für den BVJ in der Kommunalpolitik mit. Er galt als Kümmerer. Gemeinsam mit anderen hob er mit der Werbegemeinschaft das Altländer Blütenfest aus der Taufe.

So sieht die Altländer Drogerie heute aus.

So sieht die Altländer Drogerie heute aus. Foto: Archiv Hubert

Nach der Wahl von Gerd Hubert zum Bürgermeister 2011 übernahm sein Sohn Timm die Leitung. Das Geschäft wurde 2015 umgebaut, die Fachwerkfassade 2019 saniert. Im selben Jahr ging die langjährige Mitarbeiterin und Kosmetikerin Tanja Mühlhausen-Nauerz in die Geschäftsleitung, denn Timm Hubert, heute BSV-Manager, strebte beruflich zu neuen Ufern.

Er und Mühlhausen-Nauerz richteten das Geschäft neu aus. Themen sind Heimat, Schönes, Wohlfühlen und Leckeres. Es gibt Dekoartikel, Andenken, Bio-Brot und Kosmetik sowie regionales Genusshandwerk mit Essig, Honig und Spirituosen. Sieben Mitarbeiter zählt die Altländer Drogerie, die auch TAGEBLATT-Geschäftsstelle ist. Das Geburtstagsfest steigt am 30. Mai. Timm Hubert: „Wir sind stolz auf drei Generationen in der Drogerie.“

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