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TAltländer Elbfischer Lothar Buckow trauert um den Stint und seine Elise

Elbfischer Lothar Buckow hält eine Kiste mit fangfrischem Stint in Händen. Dass sein Schwiegersohn hier 2027 stehen wird, macht ihn stolz. Trotzdem sei er wehmütig, er musste den Stint-Fang aufgeben.

Elbfischer Lothar Buckow hält eine Kiste mit fangfrischem Stint in Händen. Dass sein Schwiegersohn hier 2027 stehen wird, macht ihn stolz. Trotzdem sei er wehmütig, er musste den Stint-Fang aufgeben. Foto: Vasel

Vorbei ist die Zeit, als die Gezeiten sein Leben bestimmten. Dass Elbfischer Lothar Buckow aus Jork-Wisch den Stint-Fang aufgibt, hat einen tragischen Hintergrund.

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Von Björn Vasel
Samstag, 28.02.2026, 17:50 Uhr

Jork. Wehmütig steht Elbfischer Lothar Buckow hinter der Theke seines Fischfachgeschäfts in Wisch. Es riecht nach frischer Gurke. Das ist der Duft der lachsartigen, silberglänzenden Stinte.

In einer Kiste liegt die Delikatesse - fangfrisch und gut gekühlt. Eigentlich hätte der Fischer aus Wisch auch diese Nacht mit seiner Elise verbracht. Doch der 1946 auf Rømø in Dänemark gebaute Hamenkutter liegt fest vertäut im Hamburger Yachthafen in Wedel. Seit 1983 bestimmte die Tide in der Stint-Saison zwischen Oktober und April den Tag des Altländers - montags bis sonntags, tags und nachts. „Das ist Geschichte“, sagt Buckow mit einem Unterton von Melancholie.

Elbfischer stellt das Stint-Fischen ein

„Das liegt nicht nur am Eisgang der letzten Woche auf der Elbe“, sagt der Altländer. Lange war es zu kalt für den Stint. Wenn es wärmer wird, wandern die Fische zum Laichen ab Februar den Fluss hinauf.

Vorbei: Seit dem Tod seines Decksmanns hat Lothar Buckow die Hamenfischerei mit seinem Kutter Elise aufgegeben.

Vorbei: Seit dem Tod seines Decksmanns hat Lothar Buckow die Hamenfischerei mit seinem Kutter Elise aufgegeben. Foto: Vasel

Lothar Buckow blickt auf die TAGEBLATT-Berichte an der weiß gekachelten Küchenwand seines Fischbistros am Elbdeich in Wisch. Sie zeigen, wie er mit seinem Decksmann Dirk Ostmeier auf der Hahnöfer Nebenelbe prall gefüllte Netze voller Stinte einholt - häufig mitten in der Nacht bei Wind und Wetter. Mehr als 20 Jahre lang verstanden sich die beiden Fischer fast wortlos. Doch im September 2025 starb Ostmeier im Alter von nur 67 Jahren. Die Elise ziert seine Todesanzeige.

Tag und Nacht war Lothar Buckow bis 2025 in der Stint-Saison mit der Elise auf der Elbe. Der Tidenkalender war sein Terminkalender.

Tag und Nacht war Lothar Buckow bis 2025 in der Stint-Saison mit der Elise auf der Elbe. Der Tidenkalender war sein Terminkalender. Foto: Vasel

Seitdem fischt Buckow nicht mehr im Winter. „Ohne Dirk geht es nicht. Sicher fischen, das geht in der kalten Jahreszeit nur zu zweit“, betont der 69-Jährige. Doch einen neuen Decksmann für die Elise habe er bislang nicht gefunden. „Niemand will sein Leben mehr von den Gezeiten bestimmen lassen“, klagt der Altländer. Jungen Leuten sei Work-Life-Balance offenbar wichtiger.

Lothar Buckow will einen Fischer für Elise

Dass seine Elise von einem Freizeitskipper ausgeschlachtet und umgebaut wird, das will Buckow möglichst vermeiden. Er hat einen Traum. Er hoffe, dass sich jemand als Berufsfischer selbstständig macht und seinen Kutter erwirbt. „Ich würde ihn einarbeiten, ich könnte ihm sogar nicht nur den Absatz seiner Stinte garantieren“, sagt Buckow.

Ein Nachfolger könnte sofort loslegen. In der kommenden Woche holt er seine Elise wieder nach Hause - zurück von Wedel in die Hahnöfer Nebenelbe.

Blick auf die Elise auf der Hahnöfer Nebenelbe.

Blick auf die Elise auf der Hahnöfer Nebenelbe. Foto: Vasel

Dort ließ er noch 2024/2025 die beiden fast 42 Meter langen Netze (Hamen) herunter. Mit der Flut schwammen die Stinte hinein. Auf der fast einen Kilometer breiten Hahnöfer Nebenelbe sperrte der Fischer fast 15 Meter ab. Kurz vor dem Höhepunkt legte Lothar Buckow den Hebel seiner Winde um. Langsam tauchten die an den Bäumen hängenden, sackförmigen Netze aus der kalten Elbe links und rechts des kleinen Kutters auf. Nachts schimmerten die Schuppen der Stinte perlmuttartig im Scheinwerferlicht. Hungrige Möwen kreisten über der Elise.

Auch, wenn die Hamenfischerei mit dem Kutter vorbei ist, in der warmen Jahreszeit wird er mit seinem Motorboot Luca wieder seine Reusen auslegen - auf der Jagd nach Aal, Zander sowie Edelfischen.

„Ich lebe für und mit der Elbe“, sagt der letzte Berufsfischer des Alten Landes. Unterhalb von Hamburg gibt es noch zwei weitere. Doch Buckow ist in Sorge: „Ich bin der letzte Mohikaner.“ Er frage sich, wer sich in der Zukunft für die Fischfauna stark mache. Eng kooperierte er mit der Wissenschaft - wie dem Biologen Dr. Veit Hennig von der Universität Hamburg. Buckow war und ist die Stimme der Stinte.

Altländer sorgt sich um seinen Fluss

Dass diese aufgrund von Sauerstofflöchern und Verschlickung auf der Roten Liste landen, hatte er früh vorhergesagt. „Die Hafenlobby, aber auch Bund und Land interessiert das nicht“, klagt er. Er sei frustriert, doch den Kampf gebe er nicht auf. Dabei hatte sich die Gewässerqualität mit dem Ende der DDR verbessert, aber durch die Elbvertiefungen brach die Population 2014/2015 schlagartig ein.

Stint machte zeitweise 98 Prozent der Fischpopulation aus. Buckow hoffe auf eine Entschlickungskur und dass die fischhäckselnden Saugbagger an die Kette kommen. Er werde weiter seine Stimme erheben.

Der Fisch bestimme weiter seinen Alltag - auch ohne seine Elise. Mit Ehefrau Rita betreibt er das Fischgeschäft mit dem Bistro, auf den Tisch kommt weiter fangfrischer Stint - mit viel Fett auf den Gräten - von den befreundeten Elbfischern Claus Zeeck und Wilhelm Grube. Mehrfach die Woche fährt Buckow nachts für Frischfisch zum Fischmarkt in Hamburg.

Zurück im Laden von Lothar Buckow. Dann steht sein Schwiegersohn Julian Moritz vor ihm - natürlich mit Stint. Moritz wird das Geschäft im Januar 2027 übernehmen. Und so wird auch im Februar kommenden Jahres das Werbeschild „Frischer Stint. Kross gebraten mit warmem Specksalat“ an der Kreisstraße stehen. Buckow: „Das macht mich sehr stolz und glücklich.“

Den Stint für Buckows Restaurant und Fischgeschäft in Wisch liefern jetzt zwei befreundete Elbfischer.

Den Stint für Buckows Restaurant und Fischgeschäft in Wisch liefern jetzt zwei befreundete Elbfischer. Foto: Vasel

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