TBlütezeit: Warum Obstbauern im Alten Land jetzt Nachtschichten schieben
Eine eifrige Hummel fliegt auf einer Kirschplantage des Obstbauzentrums Esteburg in Jork-Moorende von Blüte zu Blüte. Foto: Vasel
Das Alte Land blüht auf: Hummeln, Honigbienen und Wildinsekten düsen durch die Plantagen. Ohne sie gibt es kein Obst. Deshalb gelten jetzt besondere Regeln.
Jork. Das Alte Land blüht auf, rund 21 Millionen Obstbäume werden im April ihre ganze Pracht entfalten. Nach den Aprikosen stehen die frühen Kirschsorten an der Niederelbe bereits in Vollblüte. Deshalb hat am Freitag die offizielle Bieneneinwanderung begonnen - auf den Kirschplantagen. Kommende Woche folgen die Äpfel. Knapp 3500 Bienenvölker stellen die Imker auf, um in den nächsten Tagen und Wochen die Befruchtung der Blüten zu sichern.
Damit treten an der Niederelbe besondere Regelungen in Kraft. Während der Obstblüte genießen die Bienen und weitere Insekten - über die Bienenschutzverordnung hinaus - besonderen Schutz. Obstbauern legen Nachtschichten ein und verzichten freiwillig auf Pflanzenschutzmaßnahmen am Tage. Sie behandeln blühende Kulturen erst nach dem täglichen Bienenflug, so der stellvertretende Leiter des Obstbauzentrums Esteburg in Jork-Moorende, Dr. Matthias Görgens.
Im April und Mai fliegen die Honigbienen aus
Während des täglichen Insektenfluges dürfen auch bienenverträgliche Präparate, beispielsweise zur Pilzbekämpfung oder als Blattdünger, nicht in die offenen Blüten gesprüht werden. Der Obstbau ruft die Hausgärtner auf, sich dem Vorgehen anzuschließen oder ganz auf den Einsatz zu verzichten. Um die 80 Millionen Honigbienen werden im April/Mai durch die Plantagen summen.
Gezielt fördern die Obstbauern im integrierten und ökologischen Obstbau auch Wildbienenarten in ihren Plantagen. Damit Schädlinge wie der Fruchtschalenwickler im Sommer keinen Ärger machen, haben sie ein Auge auf diesen. Fruchtschalenwickler werden mit Hilfe von Biowaffen bekämpft, zum Einsatz kommt das biologische Fraßinsektizid Bacillus thuringiensis (Bt) - ein Bakterium.
Frühe Kirschblüte an der Niederelbe
Auf der Versuchsplantage des Obstbauzentrums hat Steinobstberater Martin Kockerols die Blüte im Blick. Fast 60 Sorten stehen auf der Esteburg. In diesem Jahr habe die Vollblüte bei den frühen Kirschsorten wie der Bellise am 7. April begonnen. „Von Vollblüte sprechen wir, wenn 50 Prozent aufgegangen sind“, erklärt Kockerols. Im langjährigen Mittel entfalte die Bellise ihre Blütenpracht am 18. April. 2026 sei, wie 2025 (10. April) und 2024 (7. April) ein frühes Jahr. Im Jahr 2023 habe die Vollblüte „erst am 20. April begonnen“.
Ausflugstipp
T Straßenkünstler bereichern das Altländer Blütenfest in Jork
Die Apfelblüte folgt der Kirschblüte mit etwa zehn Tagen Verzögerung. Sowohl am Wochenende 18./19. April als auch beim Altländer Blütenfest in Jork am 25./26. April werden sich Apfelbäume sortenabhängig - bis Anfang Mai - in Vollblüte zeigen. Der Apfel dominiert den Obstbau mit einem Flächenanteil von knapp 90 Prozent.

Steinobst-Experte Martin Kockerols wirft einen Blick auf die Blüte eines Kirschbaums. Foto: Vasel
Um die 65 Tage vergehen laut Statistik bei Bellise & Co zwischen Vollblüte und Ernte. Bei den Knupper-Sorten wie Kordia und Regina sind es im Schnitt 77 Tage.
Erntefrische Kirschen ab 10. Juni
Wer jetzt bereits Heißhunger auf Kirschen aus dem Alten Land, Kehdingen oder von der Stader Geest hat, müsse sich bis zum 10. Juni gedulden. Dann wird es laut Kockerols die ersten regionalen Kirschen erntefrisch vom Baum unter anderem in den Hofläden oder auf den Wochenmärkten geben.

Blütenpracht der Kirsche. Foto: Vasel
In den vergangenen Jahren blühten die Obstbäume infolge des Klimawandels deutlich früher. In den letzten 50 Jahren ist die Jahresdurchschnittstemperatur an der Niederelbe „um zwei Grad gestiegen“, sagt Professor Dr. Roland Weber vom Obstbauzentrum.
Wind und Temperatur bestimmen Flugverhalten
Die Temperatur bestimmt wie Wind und Luftfeuchte auch den Flug der Insekten. Die Hummeln und Wildinsekten sind bereits ab acht Grad Celsius aktiv, die Honigbienen kommen frühestens ab zwölf Grad aus ihren Kästen. Die Hummeln fliegen bis zu 300 Meter weit, Bienen zählen mit einem Radius von bis zu fünf Kilometern zu den Langstreckenfliegern.

Die Hummeln krabbeln aus ihrem Kasten. Foto: Vasel
Die Witterung muss mitspielen. Hummeln düsen noch bei einer Windgeschwindigkeit von bis zu 70 Stundenkilometern durch die Plantagen, Bienen hingegen gehe bei 30 Stundenkilometern die Puste aus.
Dafür seien Honigbienen aufgrund ihrer hohen Zahl an Individuen pro Volk effektiver bei der Bestäubung als die Zuchthummeln. Faustregel: vier Kästen pro Hektar. Letztere kommen in Dachkirschenanlagen und bei Aprikosen zum Einsatz. Die Süßkirschen werden auf rund 500 Hektar an der Niederelbe angebaut, davon 300 Hektar bereits unter Dach.

Steinobst-Experte Martin Kockerols an einem Bienenstock auf der Versuchsplantage. Foto: Vasel
Um 15 Kilogramm ernten zu können, müssen 1500 Blüten pro Baum bei der Kirsche befruchtet sein, rechnet Kockerols vor. Für eine gute Apfelernte reichen 120 pro Baum, das sind 250.000 Früchte beziehungsweise befruchtete Blüten pro Hektar. Wenn 5 bis 15 Prozent der Blüten beim Apfel sich zur Frucht weiterentwickeln, reicht es.
Die Insekten saugen den Nektar aus den Blüten und tragen den Blütenstaub von einer Blüte zur anderen. Nach der Befruchtung fallen die Blütenblätter ab, die Früchte entwickeln sich. Das Fruchtfleisch ist der verdickte Blütenboden der Ursprungsblüte.
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