24-Stunden-Reportage

TDJ-Geschwister bringen Horneburger Schützenzelt zum Beben

Kim und Millaine Kock legen seit fünf Jahren gemeinsam als DJ-Team auf.

Kim und Millaine Kock legen seit fünf Jahren gemeinsam als DJ-Team auf. Foto: Buchmann

Ein Schützenfest ohne Zeltdisco? Unvorstellbar! Kim und Millaine Kock versorgen Tanzwütige mit dröhnenden Beats und Mitgröhl-Hits. Ein nächtlicher Besuch im Festzelt.

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Von Steffen Buchmann
13.07.2026, 17:50 Uhr

Horneburg. Kurz vor 1 Uhr: Es nieselt. Der Festplatz der Horneburger Schützen leert sich langsam. Einige Schützen stehen noch auf ein Bier und eine Zigarette am Bierwagen zusammen. Eine Gruppe junger Leute schwankt aus dem Festzelt, denkt lautstark über das nächste Ziel nach. Hinter ihnen bewegen sich Silhouetten rhythmisch in lila-gelbem Lichtgewitter. Der Bass dröhnt bis ins Mark, als rufe er: Hier ist noch lange nicht Feierabend!

Von Hardstyle bis Wolfgang Petry: Die Feierenden schwingen munter das Tanzbein.

Von Hardstyle bis Wolfgang Petry: Die Feierenden schwingen munter das Tanzbein. Foto: Buchmann

„Heute sind wir wieder bumsbar / Geile Mädels, geile Jungs da“ schallt es unisono aus den Boxen sowie rund zwei Dutzend Kehlen über die Tanzfläche. Die abgewetzten Holzdielen beben unter den Schuhsohlen. Drei Damen in pinken Hippie-Kleidern mit Blumenmuster wippen mit, ebenso die bunt-leuchtenden Haarreife auf ihren Köpfen. Ein sichtlich angeheiterter Partygänger hat den Arm um seine Partnerin gelegt und brüllt nah an ihrem Ohr gegen Ikke Hüftgold an.

DJ-Geschwister herrschen über das Tanzvolk

Kim Kock hat all das im Blick. Leicht erhöht auf der Bühne steht er an einem langen Tresen, umgeben von einem Stahlgerüst und sechs zuckenden Scheinwerfern. „DJ Kim“ verrät ein ausgefräster Schriftzug auf der leuchtenden Milchglasscheibe unter seinem Mischpult. Neben ihm lässt seine 22-jährige Schwester Millaine per Mausklick die Scheinwerfer kreisen.

DJ Kim hat die Partymeute und die Technik fest im Blick.

DJ Kim hat die Partymeute und die Technik fest im Blick. Foto: Buchmann

Die DJ-Geschwister aus Hollern-Twielenfleth herrschen von hier oben über das Horneburger Tanzvolk. Mit wachen Augen kontrolliert der 26-Jährige die unzähligen blinkenden Lichter, Regler und Schalter vor sich. Auf einem PC-Bildschirm und zwei runden Displays seines Mischpults, die an alte Plattenteller erinnern, verfolgt DJ Kim die aktuelle Musik.

Lichtregler rasen hoch und runter

Tausende Songs aus allen Genres schlummern auf seiner Festplatte. Er greift unter das Pult, holt einen Kopfhörer hervor und hält ihn sich an das linke Ohr. Dann kommt er: Der richtige Beat. Schnell drückt Kim ein paar Knöpfe, justiert einen Regler. Ikke Hüftgold verschwindet, dafür singt Finch jetzt über Liebe auf der Rückbank.

Passt der Übergang zum nächsten Song beattechnisch? Kim Kock hört noch mal nach.

Passt der Übergang zum nächsten Song beattechnisch? Kim Kock hört noch mal nach. Foto: Buchmann

Lichttechnikerin Millaine reagiert auf den Liedwechsel, grüne Lichtpunkte flackern über die weißen Zeltwände. Bereits seit fünf Jahren legen die beiden Geschwister gemeinsam auf. Menschen zum Tanzen zu bringen, haben sie von der Pike auf von ihrem Vater und DJ Klaus Kock gelernt. Ein kurzer Blick, ein Nicken, mehr Absprache brauchen sie nicht. Die digitalen Regler auf ihrem Bildschirm rasen hoch und runter, spielen das gelernte Lichtprogramm ab.

Eine menschliche Eisenbahn zieht durchs Zelt

Ein kontrollierender Blick auf den Bildschirm, dann schreitet Millaine vorsichtig über lange Kabel an ihrem Bruder vorbei. Ihr Ziel: zwei Gläser auf dem Boden, daneben je eine angefangene Flasche Sprudel und Cola Zero.

Selbst spätnachts bebt der Zeltboden noch vor tanzenden Füßen.

Selbst spätnachts bebt der Zeltboden noch vor tanzenden Füßen. Foto: Buchmann

Ein Mann macht derweil eine kurze Sitzpause auf einer Bassbox, sein leeres Bierglas vibriert auf dem schwarzen Kunststoff. Im Zelt macht sich dank des Nieselregens kühle Luft breit. Der Noch-Schützenkönig wirbelt seine Tanzpartnerin bei einem flotten Discofox über das Parkett.

Liedwechsel. Lorenz Büffel verkündet, dass der Zug keine Bremse hat. Die tanzende Meute reagiert sofort. Hände greifen von hinten an Schultern, bilden eine Polonaise quer durch das Festzelt. „Döö-döö-döö-dööp“ gröhlt die menschliche Eisenbahn.

Der „Pur“-Partyhitmix hat magische Kräfte

1.15 Uhr: Die Bierbänke im Zelt sind verwaist. Leere Korn- und Colaflaschen auf den Tischen lassen erahnen, womit die Schützen ihren Durst gestillt haben. Die Hippie-Damen sind verschwunden, andere Partygänger tanken nikotinhaltige Luft vor dem Zelteingang.

Blick von den Sitzbänken auf die Tanzfläche.

Blick von den Sitzbänken auf die Tanzfläche. Foto: Buchmann

Plötzlich dringt ein Johlen und Klatschen aus den Lautsprechern. Zwei Freundinnen schauen zum DJ, runzeln die Stirn, flüstern sich etwas ins Ohr. Als Hartmut Engler dann „Du bist nicht hart im Nehmen“ säuselt, wandelt sich das Stirnrunzeln in Lachfalten: DJ Kim hat eben den „Pur“-Partyhitmix aufgelegt. Wie von unsichtbaren Händen geschoben, kommt das Tanzvolk wieder zusammen; schmettert beseelt, dass eine gewisse Lena es oft nicht leicht hat. Das Discofox-Wirbeln erreicht die höchste Warnstufe.

Ein offenes Ohr für Musikwünsche

Kim und Millaine wippen mit, werfen sich ein kurzes Lächeln zu. Auf dem Tresen vor ihnen liegen zwei karierte Zettel, darauf stehen die Liedwünsche des Abends, auch Pur gehört dazu. Etwa 20 verschiedene Titel, Interpreten oder Genres hat Kim bereits handschriftlich notiert. Auf dem Karopapier tummeln sich: Shakira, Michael Jackson, Schlager und „Sektkorken (in den Arsch)“ mit der Anmerkung: „Gelbes Licht dazu“.

Der DJ hat immer ein offenes Ohr für Musikwünsche.

Der DJ hat immer ein offenes Ohr für Musikwünsche. Foto: Buchmann

1.27 Uhr: Eine junge Frau in weißem Glitzerjackett stürmt auf die Bühne, „Musikwunsch! Musikwunsch! Musikwunsch!“ ruft sie Kim aufgeregt entgegen. Sie bewegt die Schultern im Takt und fuchtelt wild mit den Armen, während sie Kim euphorisch ihren Wunsch ins Ohr trällert. Was hat sie sich denn gewünscht? „Baila, Baila“, sagt Kim.

Das beliebte Mallorca-Lied von Mickie Krause lief an diesem Abend bereits dreimal. Die Chancen, es noch mal zu hören? Wohl eher gering. Gegen halb 3 dürfte ein Freudenschrei durch Horneburg gehallt sein. Denn da hat DJ Kim ein viertes Mal „Baila, Baila“ aufgelegt, wie er im Nachgang verrät.

Von Ex-Entchen und Udos Sack

1.40 Uhr: Millaine hält ein kleines, gefaltetes Papierboot in der Hand. Ein Glücksbringer von den Fredenbecker Schützen, sagt sie. Auf die Frage, ob sie noch mehr davon habe, greift sie grinsend hinter den Bildschirm in ihre Schatzkammer. Die Ausbeute: ein Efeu- und ein Elefantenanstecker, Perlenherzchen und winzige Plastikentchen in Gelb und Rosa. „Das sind Ex-Entchen, die sind beliebt bei Schützen“, erklärt sie und lacht. Die Regel ist einfach: Wer ein Entchen in seinem Getränk findet, muss es auf Ex austrinken.

Ex-Entchen, Papierboote und Anstecker erinnern an vergangene Schützenfeste.

Ex-Entchen, Papierboote und Anstecker erinnern an vergangene Schützenfeste. Foto: Buchmann

Kurz vor 2 Uhr: Ein unverwüstliches Dutzend lässt weiter die Schuhsohlen qualmen. Ein müde wirkender Helfer schlurft mit einem Tablett durch die Sitzreihen und sammelt herrenlose Gläser ein. Kim genehmigt sich eine kurze Toilettenpause, Millaine behält derweil das Mischpult im Auge. Die junge Frau im Glitzerjackett gibt noch mal alles zu den Latino-Beats von „Danza Kuduro“ - beziehungsweise „Am Sack von Udo“, wie die letzten Überlebenden den Liedtext umdichten.

Noch etwa eine Stunde, dann gehen im Festzelt die Lichter aus. Kim und Millaine halten weiter durch, lassen sich ihren Arbeitsbeginn um 17.30 Uhr nicht anmerken. Das letzte Lied des Abends steht für Kim schon fest: „Angels“ von Robbie Williams. „Ein Klassiker“, denn jeder weiß: Nach „Angels“ ist Feierabend.

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