T„Keine Angst vor Hass und Hetze”: Lilo Wanders zu Gast in Borstel
Lilo Wanders nimmt im Gespräch mit Daniel Kaiser das Publikum mit auf eine Reise durch ihr Leben. Foto: Haardt
Lilo Wanders, Kunstfigur und TV-Star, ist der erste Gast der Borsteler Sommerklänge. Fünf Erkenntnisse aus einem Abend voller Anekdoten aus einem bewegten Leben.
Jork. In ihrer Fernsehsendung „Wa(h)re Liebe” sprach Moderatorin Lilo Wanders zwischen 1994 und 2004 mit ihren Gästen über Pornos, Sex und Penislängen. Warum das so gut funktioniert habe? „Ich hatte diese unbedarfte Weise, mit meinen Gästen zu parlieren”, sagt sie.
Alle Themen hätten auf den Tisch gedurft. Das Gleiche gilt auch für diesen Freitagabend in der St.- Nikolai-Kirche in Borstel. Im Gespräch mit NDR-Redakteur Daniel Kaiser spricht Lilo Wanders über ihren Werdegang als TV- und Theaterstar.
Wanders überzeugt Publikum mit Selbstironie
Lilo Wanders, die vom Schauspieler Ernie Reinhardt verkörperte Kunstfigur und Fernseh-Ikone, sitzt neben Moderator Daniel Kaiser auf einem Sofa vor dem Altar. Sie trägt ein rotes Kleid. „Edition Temu, für 12,80 Euro”, scherzt sie.

Die St.-Nikolai-Kirche in Borstel ist für den Abend mit Lilo Wanders gut gefüllt. Foto: Haardt
Wanders schlüpft im Laufe des Abends ganz selbstverständlich immer wieder in andere Rollen, wie einen Hamburger Taxifahrer oder einen hanseatisch unterkühlten Steuerberater. Selbst über ernste Themen wie einen missglückten Selbstmordversuch mit Anfang 20 spricht Wanders mit einer großen Portion Galgenhumor: „Meine Mutter saß schon ganz in Schwarz am Krankenbett. Sie war eine sehr pragmatische Frau.”
Lilo Wanders ist Arbeitskluft für Ernie Reinhardt
Schlaglichtartig führt Wanders das Publikum durch ihre Kindheit als schwuler Junge in der Lüneburger Heide, ihre Anfänge im Schmidt Theater und erzählt von ihren Erlebnissen bei „Wa(h)re Liebe”. In ihrer Kindheit sei sie ein eingeschüchtertes und gedemütigtes Kind gewesen. Vor allem der Großvater sei ein strenger Mensch gewesen: „Er sah aus wie Thomas Mann, benahm sich aber wie Stalin.”
Eindrücklich schildert Wanders, was es für sie als Kind bedeutet hat, in andere Rollen zu schlüpfen. „Wenn du jemand anderes bist, dann kannst du alles”, sagt sie. So mache sie auch die Rolle Lilo Wanders selbstsicherer und sei vor allem eine Art Arbeitskleidung. Oder wie sie es salopp formuliert: „Ich habe meinen Kindern gesagt: Papa zieht jetzt den Blaumann an und geht auf Schicht.“
Von der Lüneburger Heide nach Hamburg
Als es um ihre Zeit in Hamburg, im Schmidt Theater und um „Wa(h)re Liebe“ geht, lauscht das Publikum gebannt. Wanders zeichnet ein lebhaftes Bild von Hamburg in den 1980er Jahren.

Lilo Wanders weiß das Publikum gut zu unterhalten. Als sie von ihren Anfängen im Hamburger Schmidt Theater erzählt, lauschen die Zuschauer gebannt. Foto: Haardt
„Ich hatte keine Begriffe für Schwulsein, es gab keine Vorbilder”, sagt Wanders über ihre Kindheit in den 60er Jahren auf dem Dorf. Doch in Hamburg, wohin Reinhardt zum Studieren zieht, ist das anders. Hier trifft er schwule Künstler wie Corny Littmann, den Gründer des Hamburger Schmidt Theaters. In diesem Umfeld entsteht die Figur Lilo Wanders für ein Theaterstück.
Gleichzeitig werden Schwule nach wie vor diskriminiert und stigmatisiert und treffen sich heimlich zum Sex auf öffentlichen Toiletten und im Park. „Das war demütigend, aber das war so”, sagt Wanders.
Blick auf Liebe und Sexualität hat sich verändert
Lilo Wanders ist dafür bekannt, Tipps rund um Liebe und Sexualität zu geben, und das kommt auch in der Nikolai-Kirche nicht zu kurz. In der zweiten Hälfte des Abends beantwortet Wanders Fragen, die das Publikum auf Karteikarten geschrieben hat.
Ob sie Lust hätte auf eine neue Edition von „Wa(h)re Liebe“, wird gefragt. Theoretisch ja, aber der Fokus der Show müsste ein anderer sein als damals, sagt sie, weg von Aufklärung und hin zu einem Format, in dem Wanders über Gefühle spricht. „Man müsste da anfangen, wo junge Menschen glauben, sie wüssten alles über Liebe aus Pornos.”

Im zweiten Teil des Abends beantwortet Lilo Wanders Fragen aus dem Publikum. Von Tipps zum Liebesleben über Einblicke in ihr Privatleben ist alles dabei. Foto: Haardt
Ihr eigener Blick auf Liebe und Sexualität habe sich ebenfalls verändert. Zu einer Beziehung gehöre immer Freundschaft und die Fähigkeit, sich zu verzeihen: „Es muss etwas da sein, das im Alltag bleibt.”
Keine Angst vor Hass und Hetze
Die wachsende Ablehnung gegen queere Menschen kommt ebenfalls zur Sprache. Doch für Wanders ist klar: „Ich habe keine Angst vor Hass und Hetze.” Sie ist optimistisch, dass die Zukunft nicht so schlimm werden wird wie manche befürchten.
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Nach dem Programm nimmt Wanders sich Zeit und signiert für ihre Fans Bücher. Manche der Anwesenden schütten Wanders ihr Herz aus. Sie löse das bei Menschen aus, sagt sie. „Ich spreche mit Menschen, und auf einmal kommt die Lebensbeichte.” Stolz sei sie darauf, wenn betroffene Menschen ihr erzählen, dass sie sich, dank ihr, in sich selbst sicher fühlen könnten.
Aktuell tourt Lilo Wanders durch Deutschland und stellt ihre letztes Jahr erschienene Autobiografie „Waren Sie nicht mal Lilo Wanders” vor.
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