TObstbau in der Krise: Zwischen Hagelschäden, Preisdruck und Zuversicht
Feierlicher Startschuss: Auf dem Obsthof Eckhoff in Cuxhaven-Lüdingworth wird die Apfelsaison eröffnet. Foto: Potschka
Die neue Apfelsaison ist eröffnet - die alten Probleme bleiben. Der deutsche Obstbau steckt laut Experten in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Das sind die Gründe.
Cuxhaven. Es hat pünktlich aufgehört zu regnen, als die Gäste auf dem Obsthof Eckhoff in Cuxhaven-Lüdingworth eintreffen. Hinter der Lagerhalle steht ein alter Traktor, International 633. Zwei Anhänger sind angekoppelt, prall gefüllt mit rot, grün und gelb leuchtenden Äpfeln.
Dahinter ziehen sich die Baumreihen bis zum Horizont, die Luft ist schwül und schwer, auf der Weide nebenan machen sich schwarzbunte Kühe mit lautem Muhen bemerkbar, ein Hofhund streunt über den Parkplatz. Ein Bild wie gemalt für den Start in die neue Erntesaison. Und genau hier, im Landkreis Cuxhaven, geben Politik und Obstbau heute gemeinsam den Startschuss.
Obstbauer Stephan Eckhoff begrüßt seine Gäste zusammen mit seiner Frau Marion und dem Junior samt Schwiegertochter. Die nächste Generation steht schon bereit. „Wir bewirtschaften hier 95 Hektar Obstbau, unser Schwerpunkt sind Äpfel und Birnen“, erklärt er. 15 Prozent des Ertrags verkauft der Betrieb direkt ab Hof, der Rest läuft über die Vermarktungsgesellschaft.
Selbstverständlich sei seine Ernte nicht, betont Eckhoff, dahinter stecke viel Arbeit der ganzen Familie und der Saisonkräfte. Beim Pflanzenschutz wünscht er sich mehr Fakten statt Ideologie. Insektenschonende Verfahren fehlen noch.
15 Prozent weniger Ertrag
Claus Schliecker, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Obstbau, erinnert an die Tradition, die Saisoneröffnung reihum in den Anbaugebieten zu feiern, nach dem Alten Land und Hamburg nun in Cuxhaven. Er rechnet für dieses Jahr mit 15 Prozent weniger Ertrag als im Vorjahr, was immerhin Hoffnung auf bessere Preise weckt.
Die Zahlen hinter der Idylle sind nüchtern, sagt Schliecker, der deutsche Obstbau stecke in der schwersten Krise seit Jahrzehnten. Frostschäden, Hitze, Trockenheit und in diesem Jahr vor allem Hagel in bislang unbekanntem Ausmaß setzten den Betrieben zu. Jeden zweiten Tag gibt ein Obstbaubetrieb in Deutschland auf, mahnt er. Ernährungssicherheit gehöre für ihn ebenso zur Resilienz eines Landes wie die Verteidigungsfähigkeit.
125 Äpfel Pro-Kopf-Verzehr im Schnitt
Miriam Staudte (Grüne), Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, lobt die Erzeugergemeinschaft der Eckhoffs und verweist auf die eigene Stromversorgung und die Investitionen in Lagerhaltung als Zukunftssicherung. Als Verbraucherin staune sie immer wieder, wie frisch gelagerte Äpfel nach Monaten noch aussähen, ein Aufwand, den die Gesellschaft zu wenig würdige. Über das niedersächsische Schulobstprogramm, das inzwischen knapp 1.600 Schulen erreicht, wolle das Land Kindern Regionalität und Saisonalität näherbringen, die Mittel dafür würden auf über zehn Millionen Euro aufgestockt.
125 Äpfel pro Kopf: So viel isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr, rechnet Staudte vor. Mit Blick auf den viel zitierten Satz „an apple a day“ sei also noch Luft nach oben. Ein Hagelschutznetz für Betriebe solle in die nächste Förderrunde des Landes aufgenommen werden, kündigt sie an. Bundestagsabgeordneter Christoph Frauenpreiß (CDU) zitiert Konrad Adenauer: „Die Früchte reiften nicht am Tag nach der Saat.“ Ein Gedanke, den er auf Geduld in der Politik münzt.
Unwetterschäden kosten Millionen
30 Millionen Euro Hagelschaden, so hoch beziffert Frauenpreiß allein die diesjährigen Wetterschäden in Niedersachsen, ein Signal, dass die Politik handeln müsse. Bei Saisonarbeitskräften brauche es Spielraum beim Mindestlohn, bei Pflanzenschutzmitteln einen Risiko- statt eines reinen Gefahrenansatzes, vergleichbar mit einem Löwen in freier Wildbahn oder im Zoo. Der Stader Landrat Kai Seefried, selbst zu Gast im Nachbarkreis, unterstreicht die Bedeutung des durchgängigen Obstanbaugebiets von Hamburg über den Landkreis Stade bis nach Cuxhaven.
Jeder dritte Apfel kommt aus der Region: So groß ist laut Seefried der Anteil des Nordens an der deutschen Apfelernte. Gute Standortbedingungen allein reichten aber nicht. Entscheidend sei der Preis, den der Lebensmitteleinzelhandel zahle. Im vergangenen Jahr hätten viele Betriebe wirtschaftlich nicht mehr klarkommen können. Wer mit Landwirten spreche, deren Ernte durch Hagel nahezu vollständig vernichtet sei, verstehe, wie schnell Existenzen auf dem Spiel stünden, so Seefried. Sein Appell an Handel, Politik und Gesellschaft, den Druck für faire Preise für heimisches Obst aufrechtzuerhalten, beschließt die Reden, bevor es zur symbolischen ersten Ernte in die Apfelanlage geht.
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