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Deichverteidigung

TVor Sturmflut-Saison im Alten Land: Helfer schwitzen in der Sandsack-Kette

Deichverteidigungsübung: Einsatzkräfte der Ortsfeuerwehr Hollern-Twielenfleth und des Deichverbands der I. Meile Altenlandes bilden eine Menschenkette.

Deichverteidigungsübung: Einsatzkräfte der Ortsfeuerwehr Hollern-Twielenfleth und des Deichverbands der I. Meile Altenlandes bilden eine Menschenkette. Foto: Vasel

Die Altländer wollen für schwere Sturmfluten gerüstet sein. Deshalb haben Deichverband und Feuerwehr den Ernstfall geprobt. Im Einsatz ist der neue Sandkönig.

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Von Björn Vasel
07.08.2026, 11:05 Uhr

Hollern-Twielenfleth. Das Szenario: Eine Sturmflut hat schwere Schäden am Elbdeich in Hollern-Twielenfleth angerichtet. Bereits in der Nacht waren die Deichrichter und -geschworenen des Deichverbandes der I. Meile Altenlandes mit ihren Funkern von der Feuerwehr alarmiert worden. Bei einem prognostizierten Wasserstand von 3,50 Metern über dem mittleren Tidehochwasser war Alarm ausgelöst worden. So ist es Standard bei einer schweren Sturmflut. Gemeinsam kontrollieren sie den Deich.

Bei Tagesanbruch entdecken Oberdeichrichter Dierk König und seine Stellvertreter Günther Pape und Hans Baltha Schacht eine bedrohliche Auskolkung. Durch den Wellenschlag und die reißende Strömung fehlen außendeichs Teile der schützenden Kleiboden-Schicht. Noch ist Niedrigwasser. Doch die Deichschützer wissen: Nach der Ebbe kommt die Flut.

Ohne sofortige Sicherungsmaßnahmen droht mit der nächsten Flut bereits in wenigen Stunden ein Deichbruch. Der Sandkern könnte mit der Flut ausgewaschen werden. Dann würde der Deich seine Stabilität verlieren.

40.000 Sandsäcke lagern in Bassenfleth

Der Deichverband ruft unter anderem die Ortsfeuerwehr Hollern-Twielenfleth zu Hilfe. „Im ersten Angriff können wir nur auf die Feuerwehr zurückgreifen“, sagt der stellvertretende Oberdeichrichter Günther Pape. Auf jedem Fahrzeug liegt ein Deichordner. Der Kampf gegen die Zeit beginnt. Die ersten Feuerwehrleute treffen Minuten nach der Alarmierung in der Halle des Deichverbandes bei der Schäferei ein. Dort lagern fast 40.000 leere Säcke aus Jute beziehungsweise Kunststoff sowie Unmengen von Sand für den Katastrophenfall.

1000 Sandsäcke liegen gefüllt im Lager, 40.000 leere Säcke liegen auf Paletten des Deichverbandes der I. Meile Altenlandes parat.

1000 Sandsäcke liegen gefüllt im Lager, 40.000 leere Säcke liegen auf Paletten des Deichverbandes der I. Meile Altenlandes parat. Foto: Vasel

Verbandsingenieur Christian Staack weist die Feuerwehrleute ein, Pape und Schacht werfen die Sandsackfüllmaschine an.

Vize-Oberdeichrichter Günther Pape (vor dem Sandking) erläutert die Ausstattung des Deichverbands und die Abläufe im Sturmflutfall.

Vize-Oberdeichrichter Günther Pape (vor dem Sandking) erläutert die Ausstattung des Deichverbands und die Abläufe im Sturmflutfall. Foto: Vasel

Lohnunternehmer und Obstbauern rücken mit Bagger, Schlepper und Anhänger an. Der Schlund der von der Volksbank Stade-Cuxhaven gesponserten Maschine wird immer wieder mit Sand gefüllt. Der Trichter der ‚Power-Sandking 800 Turbo‘ fasst 800 Liter Sand. Aus sieben Einfüllstutzen rauscht der Sand in die Säcke.

Sandking beschleunigt das Füllen

„Mehr als 4600 Sandsäcke kann die Maschine pro Stunde füllen“, rechnet Christian Staack vor. Zum Vergleich: Per Hand könnten pro Person knapp 50 pro Stunde gefüllt werden. Gemeinsam werden die Sandsäcke verladen, vorher sind bereits einige Paletten zur Einsatzstelle transportiert worden.

Mit dem Sandking können 4600 Sandsäcke in der Stunde gefüllt werden.

Mit dem Sandking können 4600 Sandsäcke in der Stunde gefüllt werden. Foto: Vasel

Für den Notfall hält der Deichverband der I. Meile Altenlandes fast 1000 gefüllte Säcke in seiner Halle an der Schäferei in Bassenfleth vor. Auch beim Fruchtgroßhandel Faby und bei der Elbe-Obst werden Sandsäcke im Ernstfall gefüllt.

So oder so ähnlich liefe ein Einsatz bei einer Sturmflut ab. Doch bei einer Katastrophe muss jeder Handgriff sitzen. Deshalb probten die Feuerwehr und der Deichverband am Mittwochabend den Ernstfall - auf einem Kleilager in Sichtweite der Ruinen des AKW Stade.

Sandsack-Verlegen ist eine Wissenschaft

Wie werden Sandsäcke „mit einer Menschenkette“ zur Einsatzstelle transportiert, wie werden diese am Deich verlegt? Das und mehr lernten 38 Kräfte der Ortsfeuerwehr Hollern-Twielenfleth in einem zweistündigen Schnellkurs. „An der Landesfeuerwehrschule Loy wird von dem Niedersächsischen Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz kein Kurs mehr angeboten“, klagt Ortsbrandmeister Henning Tiedemann.

Im Ernstfall unterstützen Obstbauern und Lohnunternehmer die Deichschützer mit Fahrzeugen und Anhängern.

Im Ernstfall unterstützen Obstbauern und Lohnunternehmer die Deichschützer mit Fahrzeugen und Anhängern. Foto: Vasel

Im Ernstfall dürfen lediglich befestigte Deichverteidigungswege befahren werden, aufgeweichte Deiche dürfen durch Fahrzeuge nicht zusätzlich belastet werden, erklärt Hans Baltha Schacht.

Vize-Oberdeichrichter Hans Baltha Schacht füllt eine Lunke mit Sandsäcken.

Vize-Oberdeichrichter Hans Baltha Schacht füllt eine Lunke mit Sandsäcken. Foto: Vasel

Im leichten Versatz müssen sich die Einsatzkräfte für die Menschenkette aufstellen. Sandsäcke werden „in einer Linie nach oben gereicht. Zickzack oder Werfen, das wäre auf Dauer körperlich viel zu anstrengend“, erklärt Pape. Ein gefüllter Sandsack bringe zehn bis 15 Kilogramm auf die Waage. Kaputte müssten sofort ausgesondert werden.

Stahlbaumatten und Vlies stabilisieren Deich

Bei einer Auskolkung „wird die Lunke zuerst mit Sandsäcken verfüllt“, sagt der Verbandsingenieur. Die geschlossene Seite des Sandsacks müsse immer zum Wasser zeigen, ergänzt Pape. Jetzt wird auch klar, warum Sandsäcke nicht komplett gefüllt werden dürfen.

Die Lunke wird mit Sandsäcken verfüllt, danach wird der Deich mit Vlies und Stahlbaumatte stabilisiert.

Die Lunke wird mit Sandsäcken verfüllt, danach wird der Deich mit Vlies und Stahlbaumatte stabilisiert. Foto: Vasel

Die zugeknotete Einfüllöffnung, Deichschützer sprechen von der Blume, wird umgeschlagen. Nach dem planmäßigen Stapeln wird der Bereich mit einer Baustahlmatte und einem Geotextil-Vlies abgedeckt. Alles wird mit großen stählernen Erdankern oder mit Holzpfählen im Deich befestigt, Sandsäcke können obendrauf kommen. Dabei gilt: Der Deich darf nicht zu stark belastet werden.

Hans Baltha Schacht beschreibt Sicherheitsmaßnahmen nach Auskolkungen.

Hans Baltha Schacht beschreibt Sicherheitsmaßnahmen nach Auskolkungen. Foto: Vasel

„Das hat schon einmal gut geklappt“, war sich Pape mit Ortsbrandmeister Henning Tiedemann einig. Jetzt sollen weitere Ortsfeuerwehren in der Samtgemeinde Lühe geschult werden.

Sickerstellen (Quellen) werden wie ein Brunnen mit Sandsäcken ummantelt. Ist Sediment zu sehen und das Wasser nicht mehr klar, droht Gefahr.

Sickerstellen (Quellen) werden wie ein Brunnen mit Sandsäcken ummantelt. Ist Sediment zu sehen und das Wasser nicht mehr klar, droht Gefahr. Foto: Vasel

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