T„Neuer Wind im Alten Land“: Ohne Realitäts-Check wird es problematisch
ZDF-Filmreihen wie "Neuer Wind im Alten Land" (Foto) sind sehr beliebt. Wie solche Filme die Zuschauer beeinflussen, untersuchen Forscherinnen wie Christine Meltzer. Foto: ZDF und Georges Pauly
Ob Fernsehen oder Netflix: Fiktive Inhalte begegnen uns überall. Können Zuschauer das von der Realität trennen? Viele sagen ja. Medienforscherin Christine Meltzer sieht das anders.
TAGEBLATT: Was für Folgen hat regelmäßiges Fernsehen schauen?
Jun.-Prof. Dr. Christine Meltzer: Das, womit ich wiederholt immer wieder in Berührung komme, setzt sich in meinem Gehirn fest. Und je mehr Fernsehen ich schaue, desto stärker ist die Wirkung. Wenn ich jetzt gar nicht Fernsehen schaue, sondern nur draußen in der Natur spazieren gehe, dann sehe ich quasi „die reale Welt, so wie sie ist“.
Macht es einen Unterschied, ob ich Fernsehen bewusst schaue oder nur als Nebengeräusch laufen lasse?
Ich würde sagen, es macht einen Unterschied. Wenn ich mir vorher überlege, was ich überhaupt schauen will, verarbeite ich das anders als wenn ich neben Menschen auf der Couch sitze, die ich gerne habe und die Sendung halt mal so mitgucke.

Jun.-Prof. Dr. Christine Meltzer von der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover untersucht im Bereich Kultivierungsforschung die Wirkung von Fernsehen und anderen Medien auf die Zuschauer. Foto: HMTMH
Psychologisch betrachtet ist entscheidend, unter welchen Bedingungen ich Informationen aufnehme und wieder abrufe. In einer Situation, die mir gruselig vorkommt, überlege ich gar nicht mehr, warum das so ist. Man bekommt erst einmal Angst. Ich denke dann nicht sofort: „Ah, das kommt vom Friedhof der Kuscheltiere, den ich mit zwölf gesehen habe“.
Felicitas Woll spielt in „Neuer Wind im Alten Land“ eine Lokalreporterin. Wie realistisch sind solche Darstellungen?
In dieser „Fernsehwelt“ gibt es bestimmte Berufe wie Detektivinnen, Polizisten oder Anwältinnen, die einfach überproportional vorkommen. Und Umfragen zeigen uns bis heute, dass solche Fernsehberufe vom Fernsehpublikum auch überschätzt werden.
Die Arbeitsweisen werden im Fernsehen nicht immer realistisch dargestellt. Die Leute sind immer am Tun, Machen, irgendwas Aufdecken. Lange am Computer sitzen oder telefonieren, lässt sich filmisch nicht gut abbilden. Sprechen Sie mal mit einer Polizistin oder einem Staatsanwalt. Die werden ihnen sofort sagen, wie sehr sie diese unrealistische Darstellung ihrer Berufe aufregt.
Wonach suchen Menschen in solchen Filmen?
Ich würde sagen, dass Menschen, die vielleicht gerade im Alten Land leben oder sich für das Alte Land interessieren, viele mediale Botschaften über die Region suchen und dort bekommen. Jetzt kommt es darauf an: Haben sie die Möglichkeit, das abzugleichen, wie das im Alten Land tatsächlich ist oder nicht?
Und wenn sie die nicht haben, verlassen sie sich eher auf die Informationen aus dem Fernsehen. Das kann alles sein: So sieht es im Alten Land aus; so sind die Menschen, die dort leben; das sind die Verbrechen oder das sind die tollen Dinge.
Wenn es da keinen realweltlichen Abgleich gibt, dann kann es schon sein, dass die Zuschauer das übernehmen. Ich kann mir vorstellen, dass solche Sendungen Einfluss auf größere Lebensentscheidungen nehmen können. Etwa, ob man Journalistin werden will oder nicht.
Immer wieder argumentieren Zuschauer, dass sie Fiktion und Realität trennen können. Ist das wirklich so einfach?
Wenn sie einen Tatort über das Alte Land sehen und man danach fragt, ob sie verstanden haben, dass das eine fiktionale Fernsehwelt war, sagen die meisten Leute: „Ja klar, das habe ich ja im Fernsehen gesehen.“ Aber oberflächlich sind die Vorstellungen sehr stark durch das Fernsehen und Sendungen geprägt.

Ein Millionen-Publikum verfolgt die Fernseh-Abenteuer von Reporterin Beke Rieper (Felicitas Woll). Foto: ZDF und Boris Laewen
Wenn man die Zuschauer dann dazu zwingt, nochmal nachzudenken, woher das Bild etwa vom Alten Land kommt, kramen sie in ihrem Gedächtnis und überlegen: Kommt es vom Fernsehen, von der Erzählung der Großmutter, aus dem Freundeskreis?
Sollte man fiktionale Sendungen mit einem Warnhinweis versehen?
Es ist ein zweischneidiges Schwert. Zuerst müsste man prüfen, ob diese Hinweise überhaupt gelesen werden. Mein Eindruck ist, dass es in bestimmten seriellen Formaten die Glaubwürdigkeit sogar noch untermalt. So gab es großen Aufruhr um die britische Serie „The Crown“.
Die Serienschöpfer haben von Anfang an gesagt: „Wir haben das gezeigt, von dem wir wussten und was offiziell war. Bestimmte Teile der Dialoge haben wir fiktionalisiert oder interpretiert“. Beim Königshaus kam das nicht gut an, es wollte die Serie sogar verbieten lassen.
Kürzlich suchte jemand im Jorker Rathaus nach der Bürgermeisterin aus „Neuer Wind im Alten Land“, obwohl es diese in echt nicht gibt. Wie beurteilen sie das?
Das ist tatsächlich ein kurioser Fall. Auf mich wirkt es wie ein grenzüberschreitender Fall von parasozialer Beziehung. Also Leute haben das im Fernsehen gesehen und denken: Die Bürgermeisterin gibt es wirklich.

Kurioser Vorfall: Zuschauer der „Neuer Wind im Alten Land“-Filme suchten im Jorker Rathaus nach der Bürgermeisterin - obwohl sie nur fiktiv ist (im Bild: Schauspielerin Anne Roemeth mit Jorks Bürgermeister Matthias Riel). Foto: Vasel
Immer wieder bauen Leute sehr intensive Freundschaften zu Personen im Fernsehen auf, die jedoch einseitig sind. Denn die Bürgermeisterin antwortet ja nicht, wenn man sie fragt. Das geht mitunter so weit, dass etwa Schauspielerinnen für ein Verhalten in einer Daily Soap angegriffen wurden.
Ab wann wird Fernsehkonsum möglicherweise ungesund?
Früher hieß es in der Forschung: Dreieinhalb Stunden oder mehr pro Tag sind sehr viel. Da gilt heute längst nicht mehr.
Ich würde sagen, dass jemand ohne Probleme vier bis fünf Stunden täglich Netflix-Serien schauen kann. Solange sie in die Welt hinausgehen, sich mit Leuten unterhalten und auch mal den realweltlichen Abgleich machen, gibt es da gar kein Problem. Das Problem fängt dann an, wenn sie gar nichts anderes mehr machen.
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