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Tag der Arbeit

T1. Mai in Stade: „Harte Angriffe auf Arbeitnehmer“ in der Kritik

Knapp 300 Teilnehmer kamen zur Kundgebung am Tag der Arbeit nach Stade.

Knapp 300 Teilnehmer kamen zur Kundgebung am Tag der Arbeit nach Stade. Foto: P. Meyer

„Zu krank, zu faul, zu teuer“ - gegen solche Vorwürfe wehren sich Beschäftigte am 1. Mai in Stade. Sie fordern Respekt, faire Bedingungen und ein Umdenken in der Politik.

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Von Pauline Meyer
Freitag, 01.05.2026, 15:58 Uhr

Stade. Es ist ein kämpferischer Ton, der am 1. Mai über den Platz Am Sande hallt. Zwischen Redebeiträgen und Infoständen wird deutlich: Viele Beschäftigte sehen ihre Rechte zunehmend unter Beschuss. Unter dem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ nutzen sie den Tag der Arbeit, um dagegen Position zu beziehen.

Für Martin Rother und Torsten Ropers, Vertrauensleute der IG Metall bei Airbus, ist der Tag vor allem ein Zeichen der Solidarität.Tarifverträge seien wichtig und die soziale Komponente solle wieder stärker in den Mittelpunkt rücken. Beide betonen, wie wichtig es sei, gerade junge Menschen für Gewerkschaften zu gewinnen. Ihre Forderungen: sichere Arbeitsplätze und faire Bezahlung - auch für Leiharbeiter.

Ina von Husen (IG Metall) mit Martin Rother (Mitte) und Torsten Ropers (beide Airbus).

Ina von Husen (IG Metall) mit Martin Rother (Mitte) und Torsten Ropers (beide Airbus). Foto: P. Meyer

Ina von Husen, Gewerkschaftssekretärin der IG Metall, knüpft daran an. Sie sieht steigende Mieten und Arbeitsplatzverlagerungen kritisch. Gleichzeitig fordert sie mehr Anerkennung für Beschäftigte und warnt vor steigenden Arbeitszeiten: „Das hat keinen Mehrwert. Es gibt schon so viele Überstunden.“

Steigende Preise und Mieten beschäftigen auch Vicco Meyer, Mitglied der GEW. Der pensionierte Lehrer ist seit Jahren bei den Mai-Kundgebungen dabei und beobachtet die Entwicklung mit Sorge: „Gerade Menschen mit geringem Einkommen sind davon belastet.“

Annegret Sloot macht sich Sorgen um die zunehmende Aufrüstung.

Annegret Sloot macht sich Sorgen um die zunehmende Aufrüstung. Foto: P. Meyer

Annegret Sloot, ebenfalls Mitglied der GEW, lenkt den Blick auf ein weiteres Thema. Sie warnt vor zunehmenden Militärausgaben, die aus ihrer Sicht zulasten sozialer Leistungen gehen. „Das ist eine Sackgasse“, sagt sie und hofft auf eine klare Positionierung der Gewerkschaften.

Druck auf den Industriestandort Stade

Mit Blick auf die Industrie warnt Ralf Becker, Landesbezirksleiter Nord der IGBCE und Hauptredner der Kundgebung, vor zunehmendem Druck auf den Industriestandort und einem massiven Verlust von Industriearbeitsplätzen - 15.000 seien es derzeit monatlich in der Republik, die verloren gehen.

Ralf Becker ist Landesbezirksleiter Nord der IGBCE und hielt die Hauptrede auf der Kundgebung am 1. Mai in Stade.

Ralf Becker ist Landesbezirksleiter Nord der IGBCE und hielt die Hauptrede auf der Kundgebung am 1. Mai in Stade. Foto: P. Meyer

Zugleich beschreibt er „die Angriffe auf Arbeitnehmer“ als „härter denn je“ und weist die Kritik an der Arbeitsmoral zurück: Wer glaube, Beschäftigte arbeiteten zu wenig, solle sich die Realität in den Betrieben anschauen. Etwa bei Trinseo in Stade, wo Mitarbeitende bis zuletzt am Rückbau arbeiten, obwohl die Schließung des Konzerns schon seit 2024 publik ist.

Konkrete Sorgen aus den Betrieben ergänzen dieses Bild: Sven Nemitz, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Dow, berichtet von weltweit 4500 geplanten Stellenstreichungen im Konzern

Wie viele den Standort Stade betreffen, sei unklar. Neben der Standortsicherheit nennt er stabile und marktgerechte Strompreise als entscheidend, gerade für energieintensive Unternehmen. Auch Oliver Elsen, Betriebsratsvorsitzender der AOS Stade, sieht die Energiepreise, insbesondere Gas, als zentrale Herausforderung für die Industrie.

Vertreter der IGBCE sowie von Dow, Olin und AOS.

Vertreter der IGBCE sowie von Dow, Olin und AOS. Foto: P. Meyer

Dass politische Entscheidungen zunehmend in Arbeitsbedingungen eingreifen, kritisiert Jonas von Holt, Betriebsratsvorsitzender von Olin. „Die Bundesregierung gibt uns jeden Tag ein neues Thema, um auf die Straße zu gehen“, sagt er. Besonders Vorschläge wie die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages oder die Einführung eines Karenztages bewertet er als Angriff auf Arbeitnehmerrechte, die in der Vergangenheit hart erkämpft wurden.

„Zu krank, zu faul, zu teuer“

Ein weiteres zentrales Thema ist Teilzeitarbeit. Udo Oellrich, Verdi-Vorsitzender im Landkreis Stade, verweist auf eine Umfrage seiner Gewerkschaft. Vor allem Frauen seien häufig unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt, mit Folgen für Einkommen, Rente und Karriere.

Unter anderem für geschlechtergleiche Bezahlung ist Anne Wolff-Meuter (SPD) bei der Kundgebung. Ihr Parteikollege Jan Büther verweist darauf, dass Arbeitnehmerrechte zuletzt „sehr infrage gestellt“ worden seien.

Zeigen heute Flagge: Ina von Husen (IG Metall, links) mit Anne Wolff-Meuter und Jan Büther von der SPD.

Zeigen heute Flagge: Ina von Husen (IG Metall, links) mit Anne Wolff-Meuter und Jan Büther von der SPD. Foto: P. Meyer

Diese politische Debatte kritisiert auch Katharina Schmidt, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi, in ihrer Rede scharf: Beschäftigte würden als „zu krank, zu faul, zu teuer“ dargestellt. Teilzeit sei laut Schmidt kein Problem, sondern ein Recht. Zudem macht sie auf die Situation in den Elbe Kliniken Buxtehude und Stade aufmerksam, die seit Jahren ohne Tarifvertrag arbeiteten. Und das, obwohl die Pflegekräfte dort täglich für andere da seien.

Udo Oellrich von Verdi beschäftigt sich besonders mit dem Thema Teilzeit.

Udo Oellrich von Verdi beschäftigt sich besonders mit dem Thema Teilzeit. Foto: P. Meyer

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