T15-Jähriger stiehlt Handy: Stader VLG-Schüler spielen Gerichtsverhandlung nach
Einen Jugendstrafprozess mit großem Publikum: Den erlebten die Neuntklässler des Vincent-Lübeck-Gymnasiums. Foto: Haardt
Am Vincent-Lübeck-Gymnasium spielten Schüler mit echten Juristen eine Gerichtsverhandlung nach. So erging es den Gymnasiasten auf der Anklagebank und im Zeugenstand.
Stade. Ein Raunen geht durch die Anwesenden, die aufstehen als Jugendrichter Jan-Albert Wolkewitz und zwei junge Schöffen vorne im Saal Platz nehmen. Das Publikum bekommt an diesem Morgen etwas Besonderes zu sehen: ein Jugendstrafverfahren. Die finden normalerweise ohne Öffentlichkeit statt.
Woche der Gerechtigkeit gibt Einblick in Justizarbeit
Möglich ist das nur, weil der Saal kein Gerichtssaal ist, sondern das Forum im Vincent-Lübeck-Gymnasium (VLG), in dem eine Bühne für die Verhandlung aufgebaut wurde. Der Angeklagte, die Schöffen und die Zeugen sind Schüler des VLG, die eine Rolle spielen. Richter, Staatsanwalt und Rechtsanwältin sind echte Juristen. Im Publikum sitzen Neuntklässler, für die die simulierte Verhandlung, ein sogenannter Moot Court, organisiert wurde.
Die gespielte Verhandlung für die VLG-Schüler war die Idee von Jan-Albert Wolkewitz. Er ist Jugendrichter am Amtsgericht Stade und hat die Handlung des Moot Courts entwickelt. Damit möchte er Schülern die Justizarbeit nahe bringen.
Die Veranstaltung ist Teil der Woche der Gerechtigkeit, eine Aktionswoche, in der niedersächsische Gerichte Einblick in ihre Arbeit geben. Der genaue Sachverhalt, der am VLG verhandelt wird, sei zwar fiktiv, erklärt Wolkewitz. Er habe aber Fälle aufgegriffen, die ihm als Jugendrichter immer wieder unterkämen.
Der Angeklagte schweigt zunächst
„Nicht die Wahrheit sagen zu können, war sehr schwierig”, sagt K. Melenberg. Melenberg spielt den Angeklagten Amir, der seinen Mitschüler Yannick in den Magen geschlagen und ihm das Handy geraubt haben soll. Doch Melenberg weiß: Dahinter steckt mehr und es gibt einen wichtigen Grund, warum Amir sich gar nicht zu den Vorwürfen äußern will.

Der Angeklagte Amir mit seiner Rechtsanwältin Katharina Wichmann. Zunächst will er sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Foto: Haardt
Amirs Rechtsanwältin Katharina Wichmann und Staatsanwalt Simon Müller-Borghard wissen davon nichts. Für letzteren ist die Sache klar: Es gebe genügend Zeugen, die die Tat gesehen haben. Zwei davon, Handybesitzer Yannick und Amirs Freundin Lea, werden wie die Schöffen und Amir von Mitgliedern der Theater-AG gespielt.
Die anderen vier Zeugen hingegen sind Neuntklässler, die vorher gar nichts über die Verhandlung wussten, nur, dass sie als Zeugen aufgerufen werden würden.
Nervöse Neuntklässler im Zeugenstand
Einer der vier, Michel Stülten, sagt über seine Erfahrung im Zeugenstand: „Ich war relativ gestresst, vor allem, weil meine Vorgänger so viel Fachsprache benutzt haben.”

Michel Stülten fand das Aussagen im simulierten Gericht ziemlich stressig. Foto: Haardt
Die anderen Zeugen fanden die Situation ebenfalls unangenehm. „Man will die Wahrheit sagen, muss aber eine Situation beurteilen, mit der man wenig zu tun hat”, findet Greta Wichmann. Mitschüler Noah Wutkewicz fühlte sich im Zeugenstand unter Zeitdruck. Er fügt aber hinzu: „Am Ende des Tages ist das eine gute Tat.”
Schüler improvisieren auf der Bühne
Handybesitzer Yannick, gespielt von Theater-AG-Mitglied Liam Peter, wirkt hingegen gar nicht nervös, als er als Zeuge aufgrufen wird. Er trägt eine helle Chinohose und hat sich einen Pullover lässig über die Schultern geworfen: ein Schnösel, wie Liam über seine Rolle sagt. Yannick behauptet, Amir sei ihm gegenüber immer „etwas aggro” gewesen und er wisse nicht, warum Amir ihn angegriffen habe.

Schöffin Elena stellt einem der Zeugen eine Frage. Die hat sie sich nach dem ersten Probedurchlauf überlegt. Foto: Haardt
Vieles von ihren Aussagen sei improvisiert gewesen, erzählen die Teilnehmer der Theater-AG. Einmal haben sie mit den echten Juristen die Verhandlung geprobt. Dabei sei ihnen empfohlen wollen, möglichst frei zu sprechen. „Da war dann auch Raum für Improvisationen oder Fragen von den Schöffen”, sagt Liam.
Schöffen sind sich ihrer Verantwortung bewusst
Elena Schieder spielt eine Schöffin. Nach der Probe in der Woche zuvor hat sie sich einige Fragen überlegt, die sie in der Verhandlung den Zeugen stellt. Sie hat durch den Prozess gemerkt, wie viel Einfluss Schöffen tatsächlich auf die Urteilsfindung haben.
Der zweite Schöffe, Luis Nitz, ergänzt: „Schöffen haben die gleiche Macht wie der Richter und das ganz ohne Jurastudium.”
Enthüllung verändert Verhandlungsverlauf
Im Laufe der Verhandlung kommt eine unschöne Wahrheit ans Licht: Yannick hatte Amir ein Nacktfoto von dessen Freundin Lea zugeschickt, mit der Aufforderung die Finger von ihr zu lassen. Diese Fotos wollte Amir von Yannicks Handy löschen.
T Raus aus der Exotenrolle: Stader Schülerinnen und Technik
Der Staatsanwalt erklärt, ein Strafverfahren gegen Yannick einzuleiten aufgrund von Nötigung und der Verbreitung von jugendpornografischen Inhalten. Schauspieler Liam sei es richtig mulmig geworden, als der Staatsanwalt ihn plötzlich in die Mangel genommen hat, erzählt er.
Die Enthüllung sorgt schließlich für ein mildes Urteil, da der Vorwurf des Raubes fallengelassen wird. Amir muss drei Gespräche mit der Jugendgerichtshilfe führen anstatt eine Woche im Dauerarrest zu verbringen.

Staatsanwalt Müller-Borghard spricht sein Plädoyer. Foto: Haardt
Das sei auf jeden Fall fair. Da sind sich die Jugendlichen aus der Theater-AG und die vier weiteren Zeugen einig. Schließlich habe Amir aus einem guten Motiv heraus gehandelt.
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