T165 Kilo und fast tot: Als es klick macht, ist es fast zu spät
Heute steht Hendrik Sievers ganz entspannt in seinem Garten in Himmelpforten. Insgesamt 70 Kilo leichter. Foto: Berlin
Hendrik Sievers aus Himmelpforten ist gefeierter Handballtorwart, adipös und fast tot. Sein (Über)leben in vier Akten. Teil 2: Die Erkenntnis.
Himmelpforten. Fast sieben Jahre liegt dieser Tag der Erkenntnis jetzt zurück. Hendrik Sievers wiegt damals weit mehr als 160 Kilogramm. Wie viel genau, weiß er nicht. Die Waage zeigt maximal 150 Kilo an. Die Fingerkuppen werden weiß beim Abstützen auf der Tischkante.
T Einst 165 Kilo: Tag X reißt ihn fast aus dem Leben
Der heute 51-Jährige aus Himmelpforten spielte bis zu seinem 40. Geburtstag 17 Jahre lang Handball. In seinem Heimatdorf für den MTV und später bei der HSG Bützfleth/Drochtersen in der Oberliga.
Er war gut. Er schaute sich die Gegner als Torwart aus. Er war eine Erscheinung zwischen den Pfosten und trotz seiner damals schon beeindruckenden Körperfülle beweglich. Einer wie Sievers konnte die Zuschauer in der Sporthalle unterhalten. Nachdem er den letzten Ball gehalten hatte, ging er auseinander. Sievers legte massiv an Gewicht zu.
Mehr als 160 Kilo: Sievers redet sich die Dinge schön
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der seinem Körper alles abverlangte, ihn strapazierte. Der sich jahrelang ungesund ernährte und sich in seiner Parallelwelt die Dinge schönredete. Selbstbewusst wie Sievers auftrat, kam ihm nie der Gedanke, dass 160 Kilo und mehr sein Leben beeinträchtigen würden. Im Juli 2023 stirbt er fast.

Hendrik Sievers spielte im Tor bei der HSG Bützfleth/Drochtersen. Foto: Tiessen-Franke (nomo)
Aber diese Geschichte setzt schon fast vier Jahre vor diesem Tag X an. Mit der entscheidenden Erkenntnis. Fast zu spät beschert ihm dieses Umdenken vielleicht den Weg zurück ins Leben.
T Diagnose Krebs: Ein Stader Lehrer und sein Masterplan für das Überleben
Im Herbst 2019 denkt Hendrik Sievers über seine Restlaufzeit nach. Er nennt das wirklich so. Er redet gern pointiert. Er ist charmant witzig. Nicht jeder lacht. Aber Sievers meint es ernst.
„Meine männlichen Vorfahren sind alle nicht alt geworden“, erzählt Sievers. Sein Vater starb vor ein paar Jahren mit 68. Sein Großvater mit 72. Im Schnitt also 70. Diese Zahl, „war nicht akzeptabel“, sagt Sievers. Das sei nicht viel von der Rente.
Mit 8000 Schritten raus aus dem alten Leben
„Es hat deutlich klick gemacht“, sagt Hendrik Sievers. Adipös und von der Arbeit gestresst ist er gerade dabei, schwere körperliche und seelische Krankheiten zu provozieren.

8000 vor 0800: 8000 Schritte vor 8 Uhr morgens einmal ums Dorf. Foto: Privat
8000 vor 0800. So lautet die erste Formel, die in Hendrik Sievers Leben die Wende bringen soll. Sievers bezeichnet sich als zahlenaffin. 8000 Schritte vor 8 Uhr morgens mit dem Hund einmal ums Dorf. Vor jeden Spaziergang setzt er sein Mantra: „Jeder Schritt zählt“. Er muss erst mal leiden, um wieder zu leben.

Mit gezieltem Training findet Hendrik Sievers den Weg zurück ins Leben. Foto: Privat
Sievers Frau Katja arbeitet als Gesundheitscoach. Sie redete früher lange auf ihn ein, bis sie schließlich resignierte. Sie freute sich schließlich, als sich ihr Mann wieder bewegte. Aber so richtig aufgefallen ist ihr die Transformation erst, als der Frühling kam. Beim Klamottenwechsel.
Corona-Lockdown kommt ihm nicht ungelegen
„Die Sachen saßen nicht mehr“, sagt Hendrik Sievers. Er erklärt, dass er seine Ernährung umgestellt habe. „Unterwegs habe ich den Mist weggelassen.“ Die Burger oder das Fast Food von der Tankstelle.
Der Corona-Lockdown kommt nicht ungelegen. „Ich war in Katjas guter Ernährung gefangen“, sagt Sievers. Den Hund bewegt er fortan mehrfach am Tag. „Das nahm eine Dynamik an. Die Pfunde purzelten“, sagt Sievers. Er steigt in der Zeit der Pandemie das erste Mal aufs Fahrrad.
Er muss sich erinnern, dass er Raubbau an seinem Körper betrieben hat. Dass er kein Gourmet war, sondern ein Gourmand. Ein Ex-Schlemmer, der heute sagt: „Die Dosis macht das Gift.“
T D/A-Wappen über dem Herzen: Das ist das Besondere am neuen Trikot
Bis zu jenem Tag X im Juli 2023 verliert Hendrik Sievers 30, 35 Kilogramm. Die Erfolge kommen schnell. Wöchentlich. Warum hat Sievers nicht eher begonnen, sein Leben umzukrempeln? Die Frage stellt sich für ihn nicht. Das sei Vergangenheit. Er sei nicht der Typ, der nachtrauert. „Das ist wie ein Spiel, das abgepfiffen wurde“, sagt Sievers.
„Du siehst nicht gut aus. Geh zum Arzt!“
Die Lebensqualität kommt mit dem Gewichtsverlust zurück. Aber er lässt sie verpuffen und strapaziert sie erneut. Sievers verliert sich in seinem neuen Job im Kapitalmanagement eines Flugzeugbauers. Er ist ehrgeizig. Der Stresslevel erhöht sich. „Ich habe mich und mein Umfeld gestresst“, sagt er.
T D/A-Wappen über dem Herzen: Das ist das Besondere am neuen Trikot
Ein Urlaub steht an. Hendrik Sievers nimmt die komplette Familie mit nach Südtirol. Mutter, Schwiegermutter, Töchter, Frau, Hund. „Du siehst nicht gut aus. Geh zum Arzt!“, sagt seine Frau Katja eindringlich. Er tut das ab. Er bricht auf für seine 8000 Schritte vor 8 Uhr morgens. Bis ihn eine etwa 80-jährige Frau auf Stöckelschuhen mit einer Milchkanne in der Hand am Berg überholt.
T Kreislauf im Keller: D/A-Stürmer erst treffsicher, dann schmerzverzerrt
Es wird fast sein letzter Spaziergang. Im Rettungswagen eskaliert die Situation. In der Notaufnahme wird Hendrik Sievers reanimiert.
Das sind die Teile 3 und 4
- Die nächsten beiden Teile der Serie (Über)leben ,„Tag X“ und „Die Herausforderung“, erzählen von dem Tag, an dem Hendrik Sievers fast sein Leben verlor, sowie dem Kampf zurück. Mit gezieltem Training bereitete er sich auf ein Radrennen in den Dolomiten vor. Er überquerte die Ziellinie schließlich randvoll mit Endorphinen.
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