T3300 Pfeifen ausgebaut: So haben Sie Buxtehudes Orgel noch nicht gesehen
Imposant thront die Furtwängler-Orgel über dem Mittelschiff der Buxtehuder St.-Petri-Kirche. Derzeit wird das Instrument generalüberholt. Foto: Svenja Weil
Die St.-Petri-Orgel ist krank. Sie leidet unter schwerem „Bleizucker“. Wie eine Kur dem historischen Instrument wieder zu seinem legendären Klang verhilft.
Buxtehude. Empore und Turmraum sind voll mit Werkzeug und Arbeitstischen. In Regalen lagern genau beschriftete Orgelpfeifen. Das Gehäuse der Orgel ist in weiten Teilen leer geräumt und am Spieltisch fehlt das Notenpult, sodass man tief in die Mechanik des Instruments schauen kann.
Wie beim Bau vor rund 170 Jahren wird auch heute wieder Leder als Dichtmaterial genutzt. Hier wird Material für Pfeifendeckel vorbereitet. Foto: Svenja Weil
Immer wieder badet die Kirche in Tönen, wenn einzelne Pfeifen nach dem Wiedereinbau langsam eingestimmt werden. Für rund sechs Wochen ist die große Orgel in St. Petri fest in der Hand der Orgelbauer. Das fast 170 Jahre alte Instrument durchläuft die erste große Revision seit zwanzig Jahren.
Großputz nach zwei Jahrzehnten
Dabei werden alle 3300 Pfeifen nach und nach ausgebaut und gründlich gereinigt. Auch das Gehäuse und alle Teile der aufwändigen Mechanik durchlaufen eine ausführliche Reinigung. Am Ende wird Orgelbauer Winfried Puschmann eine neue Generalstimmung vornehmen, damit auch sehr feinsinnige Musikfans in den vollen Klanggenuss kommen.

Das Notenpult wurde während der Revision entfernt, darum bietet sich vom Spieltisch aus ein tiefer Einblick in die Mechanik der Orgel. Foto: Svenja Weil
„Die Orgel klang auch vor der Revision noch richtig toll. Danach aber werden Kenner schon eine Verbesserung hören“, erklärt Kirchenkreiskantorin Sybille Groß. Es liegt in ihrer Verantwortung, für einen guten Erhaltungszustand der berühmten Orgel zu sorgen.

Das Innere der Orgel wird bis in die letzte Ecke gründlich gereinigt. Nach Ausbau vieler Pfeifen sind auch sonst nicht zugängliche Bereiche erreichbar. Foto: Svenja Weil
Das Instrument wurde 1859 von Phillip Furtwängler konstruiert und gleicht in Mechanik und Aufbau den älteren Orgeln des Barock. Mit ihren 52 Registern ist sie die zweitgrößte, die der Orgelbauer je geschaffen hat. „Furtwängler war Autodidakt, eigentlich war er Großuhrenbauer“, erzählt Groß voll Bewunderung für die Fähigkeiten des Baumeisters.
Manche Eigenheit des Instruments sorgt für Probleme
Allerdings habe die Orgel einige Besonderheiten, beispielsweise besonders schwer zugängliche Ecken, die ein ausgebildeter Orgelbauer sicher anders konstruiert hätte. Auch eine Eigenart von Furtwängler-Orgeln, die im Laufe der Zeit für Probleme sorge, sei die Blei-Zinn-Legierung der Pfeifen. Diese habe eine Neigung zu „Bleizucker“, einer Materialveränderung, die das Metall spröde und brüchig mache.

Orgelbauer Winfried Puschmann leitet die Revision und wird am Ende die genaue Feinstimmung vornehmen. Wo er steht, stecken sonst die Pfeifen dicht an dicht. Hinter ihm ragen die größten Pfeifen der Orgel rund fünf Meter in die Höhe. Foto: Svenja Weil
Auch die Buxtehuder Orgel war massiv davon betroffen, darum wurden während der ersten Restaurierung in den 1980er-Jahren viele Pfeifen rekonstruiert. Nach einer zweiten Restaurierung in den frühen 2000er-Jahren sei das Instrument jetzt in einem insgesamt guten Zustand, meint Experte Puschmann. Länger hätte man mit der Revision aber nicht warten dürfen, sind er und Groß sich einig.
Staub, Erschütterung und Schimmel setzen der St.-Petri-Orgel zu
In den letzten Jahren gab es mehrere Baumaßnahmen in der Kirche, wodurch die Orgel vermehrt Staub und Vibrationen ausgesetzt war. Puschmann und seine Kollegen achten bei der Reinigung besonders auf Schimmelbildung. Er habe andernorts schon Pfeifen gesehen, die „aussahen wie ein Camembert“, beschreibt Puschmann das seit etwa fünfzehn Jahren verstärkt auftretende Schimmelproblem.

Um Platz zu sparen im beengten Orgelinneren hat der Baumeister Phillip Furtwängler manche Pfeifen sozusagen zweistöckig angeordnet, wobei die hölzernen oben auf ihrer Luftzuführung wie auf Stelzen stehen. Foto: Svenja Weil
Er sieht das veränderte Heizverhalten in Kirchen als Hauptursache. „Früher wurde eine Kirche ganzjährig auf 18 Grad geheizt, da wuchs kaum Schimmel.“ In St. Petri habe er aber nicht viel Schimmel gefunden, nur in einigen normalerweise unzugänglichen Stellen zwischen den dicht an dicht stehenden Pfeifen sei er fündig geworden.
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Um alles zu entfernen, werde mit Isopropanol abgewischt. Mit seiner Arbeit möchte Puschmann die Orgel wieder in einen so guten Zustand versetzen, dass sie auch für kommende Generationen erhalten bleibt.
So teuer ist die Generalüberholung
Auch Groß sieht sich in der Verantwortung ihren Nachfolgern gegenüber und ist dankbar, dass die Landeskirche Hannover rund ein Drittel der mehr als 50.000 Euro Revisionskosten übernimmt. Mit den Einnahmen aus der beliebten Konzertreihe „Musik zur Marktzeit“ kann Groß außerdem einen erheblichen Teil der Kosten wieder einspielen. Puschmann und sie haben schon oft zusammengearbeitet und teilen die Begeisterung für das historische Instrument und die Traditionspflege.

Jede der 3300 Orgelpfeifen hat ihren festen Platz. Hier wurden mehrere Reihen ausgebaut zur Reinigung und Überarbeitung. Foto: Svenja Weil
Eine eigene Tradition haben die beiden über die Jahre selbst geschaffen: Montags versorgt Groß' Ehemann die Orgelbauer mit selbstgebackenem Kuchen. Zwei bis drei Kuchen sind wohl noch fällig, bis die Arbeiten abgeschlossen sind, und Puschmann die Orgel einer neuen Generalstimmung unterzogen hat, damit die Königin der Instrumente wieder ihre volle akustische Pracht entfalten kann. Wer das besondere Instrument genauer kennenlernen möchte, bekommt bei den Veranstaltungen zu den Orgelentdeckertagen Anfang Oktober Gelegenheit dazu.

Kirchenkreiskantorin Sybille Groß zeigt eine der kleinsten Pfeifen der historischen Orgel. Foto: Svenja Weil
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