TÄltester Wattwagenfahrer: Mit Richard Mangels unterwegs nach Neuwerk
Wenn Richard Mangels die Fahrleinen in die Hand nimmt, beginnt eine Reise durch das Watt – und durch sein langes Leben mit Pferden. Foto: NZ/Leuschner
Richard Mangels ist 92 und kutschiert immer noch Passagiere über den Meeresgrund nach Neuwerk. Was Deutschlands ältesten Wattwagenfahrer in Bewegung hält.
Cuxhaven. Hufe trappeln über den harten Boden. Richard Mangels überprüft noch einmal den Sitz des Pferdegeschirrs. Auch eine Streicheleinheit für die beiden Kaltblüter Hektor und Darling ist noch drin. Gleich geht es ins Watt – mit Mangels sowie neun Gästen an Bord des gelb-roten Wattwagens.
„Ich hab‘s nicht so eilig wie die anderen“
Mangels‘ Chef, Dirk Fock, schickt an diesem Tag sechs Wagen von seinem Hof in Sahlenburg zur Insel Neuwerk. Eine gute Stunde dauert die Fahrt über den Meeresboden. Nach einer weiteren Stunde Aufenthalt auf der Insel geht es wieder zurück. Mangels, der oft die ältesten Pferde vor der Kutsche hat, ist der Letzte der Reihe. „Ich hab‘s nicht so eilig wie die anderen“, sagt er und schmunzelt.

Wenn die Wattwagen von Sahlenburg nach Neuwerk aufbrechen, haben die Pferde oft noch das ablaufende Wasser unter den Hufen. Foto: NZ/Leuschner
„Wir fahren immer früh los“, erklärt er, während er die Kutsche durch das gerade noch ablaufende Wasser steuert. Mangels kennt diesen Ablauf seit Jahrzehnten. Er weiß, wann es Zeit ist, loszufahren, wie sich die Tide entwickelt und was zu tun ist, wenn ein Pferd plötzlich scheut. Mit 92 Jahren fährt der gebürtige Spieka-Neufelder noch immer Wattwagen. Oben auf dem Bock denkt er weniger ans Aufhören als an seinen nächsten Einsatz.
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Dirk Fock: „Das ist der Ort, an dem Richard richtig aufblüht.“
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert lenkt er inzwischen Wattwagen. Mangels war damals gerade in Rente gegangen. Die Reiterei und das Watt waren und sind seine Leidenschaft. „Das ist der Ort, an dem Richard richtig aufblüht“, bescheinigt ihm sein Chef, Dirk Fock. Niemand kenne die Priele und den Meeresboden so gut wie Mangels.

Bevor die Tour losgeht, überprüft Richard Mangels noch einmal den Sitz des Pferdegeschirrs. Foto: NZ/Leuschner
Man muss eine Passion für Pferde und das Watt haben“, bestätigt der treue Kutscher. „Reich wird man dabei nicht. Es ist ein bezahltes Hobby.“ Die Fahrten selbst zählt er nicht. Nur die ersten Tage im Monat trägt er zusammen. Er wolle nicht in den Druck geraten, im nächsten Monat genauso oft fahren zu wollen. Wenn er Zeit habe, fahre er einfach gerne.
Dabei hat er durchaus auch brenzlige Situationen erlebt. „Pferde können sich erschrecken und plötzlich schneller laufen – etwa, wenn Gäste flatternde Regenbekleidung tragen.“ Doch im Watt ist genug Platz. Und ansonsten sei vieles Erfahrung, sagt er. „Man muss mit Pferden und Tiden umgehen können. Alles andere ist Routine.“
Man muss mit Pferden und Tiden umgehen können. Alles andere ist Routine.
Konzentriert und doch gelassen fährt Mangels den Pferdewagen über den Meeresboden. Immer wieder wendet er sich zu seinen Gästen, erzählt von Gezeiten, dem sich ständig verändernden Watt, den Prielen und Austernbänken, die die Wattwagen auf ihrer Fahrt passieren.

Auch wenn die Sonne vom Himmel prasselt, im Watt, so Richard Mangels (rechts) sei es „immer eine Jacke kühler“. Daher empfiehlt er seinen Gästen stets, ein wärmendes Kleidungsstück mitzunehmen. Foto: NZ/Leuschner
Ganz selbstverständlich ist das in seinem Alter nicht mehr. Nicht alle Arbeiten eines Wattwagenfahrers kann Mangels noch allein erledigen. Beim Anspannen sowie beim Auf- und Absteigen der Gäste werde er oft unterstützt.

Für Richard Mangels ist Wattwagenfahren gelebte Leidenschaft - auch wenn die Vor- und Nachbereitungen an Land ihm mittlerweile nicht mehr so leicht von der Hand gehen, wie er sagt. Foto: NZ/Leuschner
Dass das Alter Grenzen setzt, spüre er durchaus. Doch es bedrückt ihn nicht. „Das Alter gehört zur Natur mit dazu“, sagt er. Viel wichtiger sei doch, dass er noch immer so viel machen könne. Viele Gleichaltrige lebten nicht mehr oder könnten sich nicht mehr allein versorgen. Bei ihm gehe das noch.
Mangels beruft sich auf seine guten Gene. „Meine Eltern sind beide 90 geworden.“ Vielleicht liegt das auch daran, dass Bewegung nie aus seinem Leben verschwunden ist. Im Gegenteil: Er pflegt seinen Gemüsegarten und fährt immer noch täglich, „wenn es irgendwie geht“, mit dem Dreirad einmal ums Dorf – etwa vier Kilometer. Ohne Elektromotor, wie er betont. Sein Körper solle noch etwas gefordert werden. „Ich habe irgendwann gespürt, dass ich ein Herz habe, das gepflegt werden will.“
Richard Mangels saß schon als Vorschulkind auf Pferden
Die Liebe zu Pferden und zum Leben an der Nordseeküste wurde Richard Mangels wohl 1934 in die Wiege gelegt. Geboren und aufgewachsen auf dem elterlichen Hof hinter dem Nordseedeich in Spieka-Neufeld, saß er schon im Vorschulalter auf Pferden. „Während der Ernte sind wir damit die Wagen von einer Stiege zur nächsten gefahren.“ So lernte er nach und nach, mit Pferden und Gespannen umzugehen.

Wie auf einer Perlenkette aufgefädelt, fahren die Wattwagen vom Frühjahr bis zum Herbst bei gutem Wetter von Sahlenburg und Duhnen zur Insel Neuwerk. Nach einer Stunde Aufenthalt auf dem zu Hamburg gehörenden Eiland geht es zurück an die Küste. Foto: NZ/Leuschner
Autos kennt er aus seiner Kindheit kaum. Das Pferd sei Fortbewegungsmittel Nummer eins gewesen. Befestigte Straßen waren im Land Wursten, besonders aber in Spieka-Neufeld, noch nicht selbstverständlich. Im Winter hätten seine Eltern Pferde vor Wagen gespannt, die den Wattwagen aufgrund ihrer Höhe nicht unähnlich waren. Und so fuhr auch Mangels Kutsche, lange bevor er Autofahren lernte.

Richard Mangels ist mit Pferden aufgewachsen. Die Liebe zu den Tieren hat ihn zeitlebens nicht losgelassen. Foto: NZ/Leuschner
Als Jugendlicher ritt Mangels für den Wurster Reitclub und startete im Springen, in der Dressur und im Geländeritt bei kleineren Turnieren. Als er Anfang 20 war, fragte ihn ein Rennpferdezüchter aus Midlum, ob er bei einem Rennen in Buxtehude antreten wolle. Rennsattel und Rennpferd waren Neuland, trainiert hatte Mangels dafür nicht. Beim Aufgalopp aber wusste er sofort: „Es ist ein herrliches Gefühl.“ Und es sollte nicht das letzte Rennen für den Spieka-Neufelder sein.

Nicht nur während der Fahrt, sondern auch bei der Vor- und Nachbereitung der Wattwagenfahrten muss Richard Mangels mit anpacken. Foto: NZ/Leuschner
Auf Rennpferden sitzt er schon lange nicht mehr. Doch auch seine Zeit als Wattwagenfahrer ist endlich. Über die Frage, ob er noch eine Saison dranhängen will, sagt der erfahrene Kutscher ohne zu zögern: „Ich habe mich schon länger mit dem Gedanken beschäftigt.“ Sein Gesundheitszeugnis laufe im Winter aus; ein Arzt müsste ihm dann die Fahrtauglichkeit für das Wattwagenfahren bescheinigen. „Mir fehlt organisch nichts, und ich kann auch ohne Brille noch sehen.“ Und trotzdem sagt Mangels: Es ist genug.
Richard Mangels‘ heutiger Chef war einst sein Lehrling
Wie sehr die Arbeit mit den Pferden und im Watt sein Leben geprägt hat, zeigt sich auch in den Worten seines Chefs. Wenn Dirk Fock über Richard Mangels erzählt, leuchten seine Augen. Die beiden Männer kennen sich seit einer halben Ewigkeit. Fock ist einst auf Mangels‘ Hof in die Landwirtschaftslehre gegangen. Als sich der Neuwerker später in Cuxhaven-Sahlenburg mit den Wattwagen niederließ, gehörte Mangels zu den Ersten, die er als Fahrer anstellte. 26 Jahre ist das inzwischen her.

Richard Mangels (rechts) mit seinem Chef Dirk Fock. Foto: NZ/Leuschner
Heute ist Richard Mangels der älteste Wattwagenfahrer an der deutschen Küste. „Ich kenne keinen Älteren“, sagt Fock. Doch der 92-Jährige ist nicht nur ein Experte auf dem Bock. „Er ist ein feiner Kerl“, bescheinigt ihm sein Chef. „Menschlich ein absolutes Ass. Für mich persönlich ist er über die Jahre zu einem väterlichen Freund geworden.“
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