TAls das Gleis in Ottenbeck Lebensader für Wirtschaft und Militär war
Hier noch vergleichsweise gut in Schuss: das Gleis mit Weiche. Foto: Strüning
Gleise in Ottenbeck? Die Nachricht, dass die alten Schienen reaktiviert werden sollen, ließ aufhorchen. Wer genau hinguckt, findet noch die Relikte aus der alten Zeit.
Stade. Das Anschlussgleis in Ottenbeck soll künftig wieder genutzt werden - für den Schwerlasttransport von Transformatoren der Firma Tennet. Das teilte die Stader Stadtverwaltung mit. Dafür steht nun die Instandsetzung der Gleisanlage an. Am Montag sollen die Arbeiten dafür starten.
Foto mit Symbolcharakter: Das Andreaskreuz liegt auf dem Bahnkörper, der zugewachsen ist. Foto: Strüning
Tennet zahlt Reaktivierung des alten Gleises
Diese und künftige Erhaltungsmaßnahmen werden von der Firma Tennet bezahlt. Damit die Arbeiten planmäßig laufen, ist und war zunächst ein Rückschnitt der Vegetation im Gleisbereich nötig.
„Wir bitten nochmals die Anwohner, schnellstmöglich alle privaten Nutzungen entlang der Gleistrasse zu entfernen - dazu zählen insbesondere Gartenabfälle, Kompost, bauliche Anlagen und sonstige Einbauten“, erklärt Jan-Philipp Kappler, Leiter des Fachbereichs Technische Infrastruktur bei der Hansestadt Stade.
Doch was hat es mit dem Gleis auf sich? Dietrich Alsdorf aus Stade, Archäologe, Heimatforscher und Autor, blickt fürs TAGEBLATT zurück.
In der Camper Feldmark entstand ein Fliegerhorst
Die Geschichte des Ottenbecker Anschlussgleises begann 1935. In jenem Jahr, kurz nach Wiedereinführung der Wehrpflicht, begann das Deutsche Reich in der damaligen Camper Feldmark mit dem Bau eines großen Fliegerhorstes.

Am Rande der Bahnstrecke stehen auch weiterhin genutzte Hallen. Foto: Strüning
Für den Transport der gewaltigen Mengen an Baumaterial und des Geräts war ein Gleisanschluss, abgezweigt von der Bahnlinie nach Bremervörde, nötig, dessen Bau ebenfalls unter Zeitdruck begonnen wurde. Das Gleis sollte die „Lebensader“ für die neue Stader Garnison werden.
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Für die Erdarbeiten wurden Menschen aus dem gesamten Reichsgebiet, vorwiegend aber aus dem Rheinland und Ruhrgebiet, angeworben. Die Arbeitskräfte wurden in ebenfalls in aller Eile aus dem Boden gestampften Barackenlagern untergebracht oder mit Bussen transportiert.
Neue Verbindung zur alten Reichsstraße (B73)
Gleichzeitig wurde der Feldweg Heidbecker Damm mit verlegten Betonplatten zur Hauptzufahrtsstraße ausgebaut. Sie mündete bei den Kaisereichen in die damalige Reichsstraße 73 (heute B73). Diese Betonstraße baute die Stadt erst nach dem Abzug der Bundeswehr nach 1994 aus. Sie ist heute immer noch die Hauptzufahrt in den Stadtteil Ottenbeck.

Eine Birke liegt auf dem Gleis. Das stört derzeit niemanden. Foto: Strüning
Im Oktober 1935 feierten die Bauherren Richtfest auf den ersten fertigen Gebäuden, erste Luftwaffeneinheiten zogen ein.
Kartoffeln und Kohle kamen mit der Bahn
Das Anschlussgleis gewährleistete die Versorgung der neuen Garnison. Zwei zivil geführte Kantinen versorgten die Soldaten, angeliefert wurden in großen Mengen Kartoffeln und sonstige Bedarfsgüter. Ein zentrales Heizwerk benötigte große Mengen an Kohle.

Das Gleis kurz vor dem Airbuswerk. Foto: Strüning
Ab 1938 entstand im Osten der Garnison eine große Flugwerft mit modernen Hallen. Die Gleise wurden entsprechend erweitert, eine neue Zufahrt zur Reichsstraße geschaffen.

Ziemlich verwittert: die Schwellen entlang des Gleises. Foto: Strüning
Nun wurden über das Anschlussgleis auch Rüstungsgüter transportiert. Inzwischen wurde aus dem Camper Ackerland ein großes Flugfeld mit betonierten Start- und Landebahnen. Der Flugbetrieb begann und englische Aufklärer wurden auf den Stader Flugplatz aufmerksam.
Wichtige Rolle des Gleises auch im 2. Weltkrieg
Auf dem Anschlussgleis wurde nun im Verlauf des Krieges alles transportiert, was nicht flog: Wracks eigener und alliierter Flugzeuge, die in der Region abgestürzt waren, Austauschtriebwerke und Bewaffnung für die hier stationierten Nachtjäger, Flakgeschütze und vieles mehr.
In der Flugzeugwerft warteten Mechaniker unter strengster Geheimhaltung sogar das Flugzeug von Adolf Hitler. Seltene Prototypen wie die ersten Düsenjäger Me 262 machten auf dem Platz eine Bruchlandung. Die Start- und Landebahn erwies sich als zu kurz.

Das Gleis in Ottenbeck bietet auch eine Laderampe. Foto: Strüning
Ein neues Schmalspurgleis wurde gelegt, um Sand für eine Verlängerung zu transportieren. Die für die Erdarbeiten erforderlichen Zwangsarbeiter jedoch erreichten Stade nicht mehr – der Krieg war zu Ende. Die Garnison war geflohen und geriet in Kehdingen in Gefangenschaft.
Britische Soldaten nutzten die Bahnverbindung
Das Anschlussgleis diente in den Nachkriegsjahren den unterschiedlichsten Zwecken: den britischen Soldaten für ihre Logistik, später der Versorgung des Krankenhauses und ersten zivilen Firmen, wie ab 1955 dem Hamburger Flugzeugbau in den Hallen der Flugzeugwerft.

Das Gleis endet abrupt im Busch. Foto: Strüning
Während der Bundeswehr-Ära in Ottenbeck diente das Gleis dem Transport schweren Geräts wie Kettenfahrzeugen, das hier – ebenfalls in den alten Flugzeughallen – gewartet wurde. Zunehmend aber wurde auf Lkw-Transporte mit Tiefladern gesetzt.

Ein Andreaskreuz gibt der Bahn Vorfahrt. Doch hier kreuzen schon lange keine Züge mehr. Foto: Strüning
Mit Auflösung der Von-Goeben-Kaserne Ende der 1990er Jahre verfiel mit dem Abriss des Heizwerks das Anschlussgleis.

Die Stadt stellt die Weichen neu für die Nutzung der Bahnstrecke in Ottenbeck. Foto: Strüning