TAngst um Angehörige in Syrien: Kurden aus Buxtehude sind verzweifelt
Die Buxtehuder Silava Mahmoud, Mohamed Youssef und Mona Mohamad mit der Flagge Kurdistans. Foto: Richter
In den kurdischen Autonomiegebieten in Syrien droht eine humanitäre Katastrophe. Kurden in Buxtehude können aus Sorge um ihre Angehörigen nachts nicht mehr schlafen. Sie bitten die Welt um Gehör.
Buxtehude. „Unser Traum war ein eigenes Land“, sagt Silava Mahmoud. Die kurdischen Autonomiegebiete in Nordsyrien, Rojava genannt, kamen dem Traum nah: „Wir Kurden sind für Menschenrechte, und das bedeutet auch für Frauenrechte.“ Die kurdischen Frauenbataillone, die auch gegen den Islamischen Staat (IS) kämpften, wurden weltbekannt. Doch jetzt sind die syrischen Regierungstruppen gewaltsam einmarschiert.
Drangsaliert in den 90er Jahren
Mit Silava Mahmoud aus Buxtehude bangt eine große kurdische Diaspora weltweit um ihre Angehörigen. Die 39-Jährige ist schon seit 2011 Deutsche. Aber sie bleibt auch Kurdin. Sie kam 1996 als Kind mit ihrer Familie aus Qamishli nach Deutschland. Ihr Vater war Kaufmann, die Familie gut situiert. Doch als Kurden waren sie immer wieder solchen Drangsalierungen ausgesetzt, dass sie beschlossen, zu fliehen.
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Aus Qamishli, das im Norden Syriens nahe der türkischen Grenze liegt, stammt auch die Erzieherin Havana Khalil. „200.000 Menschen sind jetzt dorthin geflohen. Sie sitzen in Notunterkünften ohne genug zu essen, ohne Wasser, ohne Strom. Und es schneit.“
Vertrieben vom vorrückenden Islamischen Staat 2014
Havana Khalil arbeitet in einem Buxtehuder Kindergarten - wie früher in Syrien. „Dort wurden aber nur Kinder aus wohlhabenden Familien betreut, also kaum kurdische Kinder“, berichtet sie. Als 2014/2015 von Süden der IS näherrückte, flohen sie aus Qamishli. „Sonst wäre es uns ergangen wie den Jesiden. Uns hätten sie auch verkauft“, sagt Havana Khalil.
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Die Kurden sind das größte Volk ohne eigenen Staat. Sie sind über die Türkei und den Irak, Iran und Syrien verteilt. „Es sind mindestens 49 Millionen“, erklärt Mohamed Youssef. Er floh Ende 2015 mit Frau, Kindern und seinem kleinen Bruder aus Qamishli: „Der IS hat dort damals schwere Bombenanschläge verübt. Die haben Kurden geschlachtet.“
Kein Vertrauen in die syrische Interimsregierung
Heute ist Mohamed Youssef längst deutscher Staatsbürger. „Ich fühle mich hier wohl, habe Sicherheit und alle Möglichkeiten. Trotzdem würde ich in ein freies Kurdistan gerne zurückkehren“, sagt der 38-jährige Kfz-Mechanikermeister. Sein Herz schlage immer noch für Kurdistan, seine Hoffnung sei die kurdische Autonomie. Doch der aktuellen syrischen Interimsregierung unter Ahmed al-Scharaa - auch bekannt als al-Jolani - traut er nicht.
Al-Scharaa: Vom Dschihadisten zum Regierungschef
Al-Scharaa war Anführer des Milizbündnisses HTS (Hayat Tahrir al-Scham), das ist der Nachfolger der von ihm gegründeten islamistischen Nusra-Front. „Die haben nur ihren Namen geändert“, sagt Youssef. Seit HTS das Assad-Regime gestürzt hat, gebe Al-Scharaa sich zwar anders, aber: „Er hat für den Dschihad gekämpft, und die führenden Köpfe seiner Regierung sind alle wie er.“
Auch Mona Mohammad stammt aus Qamishli, kam aber 2014 aus dem Libanon nach Buxtehude. Dorthin waren sie aus Syrien geflohen. Doch auch die Hisbollah hatte die Kurden im Visier: „In der Nachbarschaft haben sie irgendwann mitbekommen, dass wir Kurden sind. Wir hatten große Angst.“ Über das Flüchtlingswerk der UNO bekamen sie ein Visum für Deutschland.
Kampf gegen den IS und für die Selbstverwaltung
Die Kurden und Kurdinnen, die in ihrer Heimat blieben, kämpften gegen den vorrückenden IS. Damals galten sie international als Helden, kämpften Seite an Seite mit den USA und konnten im Norden und Nordosten Syriens unter großen Opfern die selbstverwalteten kurdischen Gebiete etablieren.

In Hamburg bei der Demonstration „Hamburg für Kurdistan“ waren die Buxtehuder auch dabei. Foto: Georg Wendt/dpa
„Wir Kurden haben keine Freunde außer den Bergen“, lautet ein altes kurdisches Sprichwort, das die Geschichte und die heutige Lage gut beschreibt. Heute stehen die Kurden wieder alleine da. Sie sehen sich nicht mehr in der Lage, Rojava gegen al-Scharaas Militär zu verteidigen. Um ein weiteres Blutbad zu verhindern, haben sie sich zurückgezogen „Die USA haben uns im Stich gelassen, der Westen hat uns im Stich gelassen“, sagt Mohamed Youssef.
Die Welt soll sich erinnern und hinsehen
„Wir sind Kurden, wir sind friedlich, wir wollen Menschenrechte, Frauenrechte und Freiheit - und wir haben dafür gekämpft. Was können wir tun, um Gehör zu finden?“, fragt Silava Mahmoud. „Was können wir dafür tun, damit die Menschen im Westen sich erinnern, was die Kurden für sie getan haben? Und wie können wir einen Völkermord an den Kurden verhindern?“, fragt Mohamed Youssef.
Sie alle engagieren sich in der Bürgerinitiative Menschenwürde im Kreis Stade. Die fordert, dass die Übergangsregierung unter al-Scharaa ihre Truppen wieder zurückzieht. Nur im Dialog könne ein Plan für ein friedliches Syrien und die Integration der Kurden und anderer Minderheiten entwickelt werden.
Außerdem ruft die BI Menschenwürde dazu auf, die Bevölkerung im Norden und die dorthin Geflüchteten mit Geldspenden zu unterstützen, damit warme Kleidung, Essen und Medikamente beschafft werden können. Sie versichert, dass die Beiträge über persönliche Kontakte direkt an Ort und Stelle eingesetzt werden. Spendenkonto: BI Menschenwürde, IBAN: DE54 2075 0000 0090 4544 30, Verwendungszweck: Hilfe für Rojava. Spendenquittungen können erstellt werden.
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