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Oste-Saga

TAnna aus Blumenthal, verurteilt und hingerichtet bei Himmelpforten

Auch Denise Volkens ist in der Oste-Saga als Anna aus Blumenthal zu sehen, die zum Tode verurteilt wurde.

Auch Denise Volkens ist in der Oste-Saga als Anna aus Blumenthal zu sehen, die zum Tode verurteilt wurde. Foto: Lana-Mariesa Schütt

Die junge Anna und ihr Geliebter sterben auf dem Richthügel bei Himmelpforten - die Oste-Saga holt sie auf die Bühne der Gegenwart. Das steckt hinter ihrem Schicksal.

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Von Grit Klempow
Mittwoch, 22.04.2026, 18:00 Uhr

Himmelpforten. Die jüngst uraufgeführte Oste-Saga rückt ihr Schicksal wieder ins Licht: Anna Meyer, die junge Frau, die zusammen mit ihrem Geliebten Claus vor etwa 190 Jahren hingerichtet wurde, ist eine der historischen Figuren in der Multimedia-Aufführung.

Junge Frau niederen Standes

Wie es zum Mord und zur Hinrichtung kam, hat der Stader Autor Dietrich Alsdorf in seinem historischen Roman „Anna aus Blumenthal“ (2007) detailliert aufgearbeitet. Er wirft auch ein Schlaglicht darauf, wie eine lebenslustige junge Frau „niederen Standes“ von einer durchweg männlichen Justiz als liederlich angesehen und verurteilt wurde. Warum eine junge Frau in einer absoluten Notlage zur Mörderin wurde, scheint keinen der Advokaten interessiert zu haben.

Die junge Magd Anna Spreckels wurde in die Ehe mit dem gewalttätigen Cord Meyer in Blumenthal getrieben. Eine Zwangsheirat - die junge Frau im Tausch gegen ein Altenteil für ihre Mutter. Dabei war Anna schon verliebt - in Meyers Sohn Claus, der bei der Armee diente.

Hass und Gewalt in Blumenthal

Die Tragödie nahm ihren Lauf. „Als Claus überraschend ins Elternhaus in Blumenthal zurückkehrte, eskalierten die Ereignisse. Hass und Gewalt bestimmten den Winter 1832/33, bis sich die jungen Leute, Anna war inzwischen von Claus schwanger, keinen anderen Ausweg für sich sahen, als den Alten zu töten“, fasst Alsdorf zusammen.

Begegnung auf der Bühne: Amelie Markull als Magd Anna Meyer und Oste-Saga-Autor Thomas Rosteck.

Begegnung auf der Bühne: Amelie Markull als Magd Anna Meyer und Oste-Saga-Autor Thomas Rosteck. Foto: Müller

Nach Verhaftung und Verhören wartete das unglückliche Paar im Gefängnis in Himmelpforten auf die beschlossene Hinrichtung. Noch heute gibt es im Keller des ehemaligen Amtshauses, des heutigen Steinmetzhauses in Himmelpforten, einen Raum mit vergittertem Fenster. Hier soll Anna zumindest zeitweise untergebracht gewesen sein.

In der Haft kommt die Tochter zur Welt

Bis zur Urteilsfindung durften sich Claus und Anna mit ihrer inzwischen geborenen Tochter frei im Dorf bewegen. Bei Gefängnisaufseher Bierschwall saßen sie mit am Mittagstisch. Die Geschehnisse hat Alsdorf aus dem Bericht des Chronisten Georg von Issendorff, aus Schriftwechseln und Gerichtsprotokollen rekonstruiert. „Vor allem die junge Mutter mit ihrem Säugling auf dem Arm rührte die Himmelpfortener Bürger zu Tränen“, schildert Alsdorf.

Das Urteil des Königlichen Justizministeriums in Hannover aber war hart: Alsdorf zitiert daraus: „nach vorgängiger Ausschleifung zum Richtplatze, mit dem Rad durch Zerstoßung ihrer Glieder mit eisernen Keulen von oben herab, vom Leben zum Tode zu bringen und nach vollbrachter Hinrichtung die Leiche öffentlich auf das Rad zu legen (...) Ihre Majestät hat sich aber aus landesherrlicher Macht bewogen befunden, an die Stelle der Strafe des Räderns die einfache Strafe der Enthauptung zu setzen.“

Himmelpforten muss eine Richtstätte ausweisen

In Himmelpforten gab es keinen Richtplatz, andernorts auszuweichen wurde nicht genehmigt. Himmelpforten musste eine Richtstätte ausweisen. Auf einer Heidekoppel in der Nähe der Chaussee Richtung Stade (heute die B73) wurde schließlich ein Platz außerhalb des Dorfes gefunden.

Der zuständige Amtmann, Drost von Goeben und sein Bremervörder Amtskollege weigerten sich, die Hinrichtung zu leiten. „Mit anderen Worten“, so Alsdorf, „niemand wollte das Liebespaar töten.“ Schließlich sei ein junger Assessor aus Harsefeld eingesprungen.

Königliche Justiz ohne Gnade

Dem Tag der Hinrichtung, der 24. Juli 1835, ist ein abgelehntes Gnadengesuch vorausgegangen. Die Verurteilten waren weiß gekleidet, Gerichtsdiener Bierschwall führte sie zum Marktplatz, die Kirchenglocken läuteten. Das Urteil wurde noch einmal vorgelesen. „Jeder wurde auf einen neuen mit einer Kuhhaut überlegten Pflugschlitten gesetzt“, schildert Chronist Issendorff, wie die Verurteilten zur Richtstätte gebracht wurden. Die Bürger verweigerten den königlichen Befehl, der doch auf das schändliche Schleifen zum Richtplatz gelautet hatte.

Der Weg zum Richthügel - im Juli 1835 kamen Tausende zur Hinrichtung bei Himmelpforten.

Der Weg zum Richthügel - im Juli 1835 kamen Tausende zur Hinrichtung bei Himmelpforten. Foto: Klempow

Tausende wohnten der Hinrichtung bei. Die Schulkinder aus Himmelpforten und benachbarten Dörfern mussten mit ihren Lehrern vorangehen und aus dem Gesangbuch singen.

Ein Gebet vor der Enthauptung

Fromm und reuevoll, ihrem Schicksal ergeben zeigten sich Anna und Claus in ihren letzten Lebenswochen - und auch an diesem Tag. Die junge Frau betrat zuerst den Richthügel, drehte aber noch einmal um, um von Claus Abschied zu nehmen. Auf dem Hügel betete sie laut: „Ich bin zur Ewigkeit geboren, für eine bessere Welt bestimmt.“ Nach Anna starb Claus durch das Schwert des Scharfrichters Schwarz.

Ein Findling mit Kreuz steht auf dem Richthügel, der an die Hinrichtung bei Himmelpforten erinnert.

Ein Findling mit Kreuz steht auf dem Richthügel, der an die Hinrichtung bei Himmelpforten erinnert. Foto: Klempow

„Im Bewusstsein der Menschen waren die beiden Heilige“, vermutet Alsdorf. Ob ihr Blut deshalb so begehrt war? Denn die Enthauptung durch das Schwert ist nicht der letzte grauenvolle Akt: Trotz aller Bewachung tranken ungezählte Menschen das aufgefangene Blut der Gerichteten. Das Blut galt damals als vermeintliches Heilmittel gegen die „Fallsucht“ (Epilepsie).

Ein nachträglich, an anderer Stelle errichteter Hügel erinnert heute an die letzte Hinrichtung bei Himmelpforten. An die junge Magd Anna Meyer, geb. Spreckels, erinnert aktuell auch die Oste-Saga.

Die Oste-Saga ist ein Projekt der Leaderregion Kehdingen-Oste. Projektträger ist die Samtgemeinde Oldendorf-Himmelpforten. Weitere Aufführungstermine:

  • Donnerstag, 23. April, Ostehalle Geversdorf, Karten an der Abendkasse.
  • Freitag, 8. Mai, Gasthof Zur Post Oederquart, (Karten unter Telefon 04779/ 8686).
  • Donnerstag, 21. Mai, Kulturscheune Drochtersen, Restkarten im Rathaus Drochtersen (Telefon 04143/ 919-0).
  • Die Aufführung in Osten am 28. Mai ist ausverkauft.
Die Rollen der jungen „Anna aus Blumenthal“ spielen auf der Bühne der Oste-Saga Denise Volkens (links) und Amelie Markull bei jeweils drei Aufführungen.

Die Rollen der jungen „Anna aus Blumenthal“ spielen auf der Bühne der Oste-Saga Denise Volkens (links) und Amelie Markull bei jeweils drei Aufführungen. Foto: Lana-Mariesa Schütt

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