TArbeitslos im Rollstuhl: Sarah Stellings langer Kampf für eine Chance
In ihrem umgebauten Auto fühlt sich Sarah Stelling frei - den Rollstuhl verstaut sie bequem auf der Rückbank. Foto: Buchmann
Die Bliedersdorferin stößt bei der Jobsuche immer wieder auf Ablehnung. Sie vermutet: Weil sie im Rollstuhl sitzt. Das hat Spuren hinterlassen. Ans Aufgeben denkt sie nicht.
Bliedersdorf. Sarah Stelling liebt viele Dinge: Auto fahren zum Beispiel, Freunde treffen und Pferde. Die 39-Jährige hat Hobbys, wie sie viele andere auch haben. „Sie kann halt nur nicht laufen“, bringt es ihre Schwester Jana-Christin auf den Punkt. Eine Tatsache, mit der alle in Sarahs Umfeld zu leben lernten - nur die Arbeitswelt nicht.
Sarah Stelling kam mit Spina bifida zur Welt. Eine Fehlbildung der Wirbelsäule, allgemein auch „offener Rücken“ genannt. Früh lernte sie, sich im Rollstuhl zu bewegen, wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern in Nottensdorf auf.
Vater baute Rollstuhlrampe für Grundschule
Schüchtern war sie nie. „Sarah war diejenige, die andere Kinder auf dem Spielplatz angesprochen hat, ob wir mitspielen können“, erinnert sich ihre Schwester. 16 Jahre lang pendelten die Eltern Hans-Peter und Bettina Stelling mit ihrer Tochter zur Klinik. Dazwischen fanden Familie, Freunde und Schule statt.
Die Stellings kämpften immer hart dafür, dass ihr ältestes Kind an der Gesellschaft teilhaben konnte. „Uns wurde geraten, Sarah auf eine Sonderschule zu schicken, weil die Grundschule in Nottensdorf keine Rampe bereitstellen wollte“, sagt Hans-Peter Stelling. Letztlich klappte es, weil der Airbus-Mitarbeiter die Rampe selbst baute.
Direkt arbeitslos nach der Ausbildung
Sarah Stelling kämpfte sich durch. Sie schaffte ihren Hauptschulabschluss und legte beim Berufsbildungswerk in Bremen eine Lehre zur Bürokraft ab. Kaum ausgelernt, wurde sie erstmals arbeitslos. Sie habe viele Bewerbungen geschrieben, aber fast nur Absagen bekommen. „Wir haben überall nachgefragt, ob jemand eine Stelle für sie hat“, erinnert sich Mutter Bettina - ohne Erfolg.

Sarah Stelling kam mit Spina bifida zur Welt. Eine Fehlbildung der Wirbelsäule, allgemein auch „offener Rücken“ genannt. Foto: Buchmann
Mit ihrer Behinderung geht Sarah Stelling offen um, auch in Bewerbungen. „Ich schreibe immer, dass ich im Rollstuhl sitze“, sagt sie. Ehrlich sein, das sei ihr wichtig. Doch immer wieder habe sie Diskriminierung erlebt, direkt oder hinter vorgehaltener Hand.
Die Behinderung sei ein Teil von ihr, „wieso soll ich das verstecken?“. Oft lese sie in Stellenanzeigen, dass Arbeitgeber Bewerbungen von behinderten Menschen begrüßen. „Das kann ich nicht bestätigen“, sagt sie resigniert.
Hamburger Arbeitgeber zieht um - ohne sie
2011 fand sie beim Gebäudeausrüster Imtech in Hamburg einen Bürojob, ganz in der Nähe des Volksparkstadions. Zwölf Jahre arbeitete sie dort gemeinsam mit 34 Kollegen und einem Chef „mit sozialer Ader“, zu ihrem Arbeitsplatz kam sie mithilfe eines Treppenlifts. In dieser Zeit lernte sie ihren Partner Hannes Sperling kennen, mit dem sie seit 2016 in einem umgebauten Haus in Bliedersdorf zusammenlebt.
Über die Jahre schrumpfte die Belegschaft und der Firmenname wechselte immer wieder, zuletzt 2019 zur Firma ETS. Die größte Veränderung bahnte sich 2024 an. Ihr neuer Chef habe sie zu einem Gespräch in ein Café eingeladen und ihr einen Abfindungsvertrag vorlegt, erinnert sich Sarah Stelling. Unter Druck setzen lassen wollte sie sich nicht, eine Anwältin sollte das Papier prüfen.
Zum Kämpfen hatte ich keine Kraft.
Sarah Stelling aus Bliedersdorf
Die Hamburger Niederlassung stand vor einem Umzug und der Eigentümer des neuen Gebäudes wollte es angeblich nicht barrierefrei umbauen lassen, vermutet Sarah Stelling. Die ETS GmbH äußerte sich trotz schriftlicher Anfrage nicht gegenüber dem TAGEBLATT zu dem Sachverhalt.
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Ihre Anwältin habe ihr zwei Optionen vorgeschlagen: Annehmen oder kämpfen. „Zum Kämpfen hatte ich keine Kraft“, sagt Sarah Stelling leise, mit Tränen in den Augen. Drei Monate bezahlte Freistellung und etwa 7000 Euro Abfindung bekam sie für zwölf Jahre Firmentreue. Seit Sommer 2024 ist die 39-Jährige wieder arbeitslos.
Seit Sommer 2024 erfolglos auf Jobsuche
Rund 200 Bewerbungen hat Sarah Stelling seitdem verschickt, nur eine Handvoll Betriebe luden sie ein. Außer einem kurzen Intermezzo in einem hektischen Großraumbüro kam jedoch nichts dabei heraus. Vom Amt bekomme sie regelmäßig Angebote per App, etwas Passendes ist nur selten dabei.

Rund 200 Bewerbungen hat Sarah Stelling seit Sommer 2024 verschickt, bisher jedoch ohne Erfolg. Foto: Buchmann
Beim Autofahren kann Sarah Stelling den Frust für kurze Zeit vergessen. Ihren Rollstuhl lackierte sie sogar im selben Blau wie ihren umgebauten Kombi. „Autofahren bedeutet für mich Freiheit“, sagt sie.
Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber offener sind - egal, wer vor ihnen steht.
Sarah Stelling aus Bliedersdorf
Auf die Frage, was sie denn gerne machen würde, muss sie lange überlegen. Sie wolle Freude an ihrer Arbeit haben, sei aufgeschlossen für Neues. An die Arbeitswelt richtet Sarah Stelling einen Wunsch: „Ich wünsche mir, dass Arbeitgeber offener sind - egal, wer vor ihnen steht.“ Denn jeder sollte eine Chance bekommen.
Wer Hinweise auf Stellenangebote hat, kann Sarah Stelling kontaktieren über sarah.stelling@web.de.
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