Zähl Pixel
Inklusion

TArbeitsmarkt: So schwer haben es behinderte Menschen im Kreis Stade

Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung steigt.

Die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung steigt. Foto: Hendrik Schmidt/zb/dpa

Viele Unternehmen beschäftigen keine Menschen mit Behinderung. Welche Vorurteile es gibt und wie es bei der Dow, bei Airbus und im öffentlichen Dienst im Kreis Stade aussieht.

author
Von Lena Stehr
Montag, 02.02.2026, 11:50 Uhr

Landkreis. Wer eine Behinderung hat, findet schwerer einen Job, sagt Iris Fehling, Vorsitzende des VdK Ortsverbands Stade. Sie spricht aus eigener Erfahrung und setzt sich für die bessere Inklusion von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt ein. Sie will dafür nicht nur Betroffene beraten, sondern auch gezielt Arbeitgeber in der Region erreichen.

Eine Behinderung ist nicht jedem anzusehen

„Ich hatte oft das Gefühl, dass Arbeitgeber abgeschreckt waren, wenn sie erfuhren, dass ich einen Schwerbehindertenausweis habe. Direkt angesprochen hat das aber natürlich niemand“, sagt die gelernte Industriekauffrau und Betriebswirtin im Ruhestand. Vor ihrer Rente hat die 64-Jährige in der Buchhaltung gearbeitet.

Anzusehen ist Iris Fehling ihre Behinderung nicht. Über die Jahre hat sie verschiedene chronische Schmerzerkrankungen entwickelt und deswegen einen Grad der Behinderung von 50. Damit gilt sie als schwerbehindert.

Iris Fehling vom VdK Ortsverband Stade setzt sich für mehr Inklusion am Arbeitsplatz ein.

Iris Fehling vom VdK Ortsverband Stade setzt sich für mehr Inklusion am Arbeitsplatz ein. Foto: Stehr

Zu den Behinderungen, die einem Grad der Behinderung von 50 entsprechen, gehören unter anderem auch Herzerkrankungen, stark einstellbare Diabetes mellitus Typ 1, schwere psychische Erkrankungen sowie die Versteifung von Hüft- oder Kniegelenken.

Wer als schwerbehindert gilt, kann unter anderem früher in Rente gehen und hat Anspruch auf Zusatzurlaub von fünf Tagen bei einer Fünf-Tage-Woche. Außerdem müssen Arbeitgeber erst beim Integrationsamt einen Antrag stellen, wenn sie Menschen mit Schwerbehinderung kündigen wollen. Oftmals brauchen Menschen mit Behinderung auch speziell eingerichtete Arbeitsplätze.

„Viele Arbeitgeber sind nicht gut über Fördermöglichkeiten informiert und haben Vorurteile. Diese Barrieren im Kopf müssen abgebaut werden“, sagt Iris Fehling. Menschen mit Behinderung seien nicht zwangsläufig häufiger krank als Menschen ohne Behinderung. Zudem würden sich bei vielen die Beeinträchtigungen erst über die Jahre entwickeln. Diese Personen seien oft Fachkräfte mit viel Know-How, das nicht verloren gehen sollte.

Laut Sozialverband VdK Niedersachsen-Bremen ist die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung in Niedersachsen im Dezember 2025 auf knapp 15.000 gestiegen. Das seien fünf Prozent mehr als 2024.

Ab 20 Mitarbeitern greift die Vorgabe

Mehr als jedes vierte Unternehmen in Niedersachsen beschäftige keinen einzigen Menschen mit Behinderung, teilt der VdK mit. Dabei seien fast 17.000 Unternehmen gesetzlich verpflichtet, mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze an Menschen mit Behinderung zu vergeben. Das gilt für alle Betriebe mit mehr als 20 Mitarbeitern.

Auch die Erhöhung der Ausgleichsabgabe habe kaum Wirkung gezeigt. Seit 1. Januar 2025 zahlen Unternehmen, die keine Menschen mit Behinderung beschäftigen, monatlich 815 Euro.

Im Landkreis Stade erfüllen nur 35 Prozent die Quote

Hier vor Ort erfüllten im Jahr 2023 von insgesamt 393 Arbeitgebern mit Hauptsitz im Landkreis Stade 139 die Quote, das entspricht nur gut 35 Prozent. Die restlichen Betriebe erfüllen die Quote nur teilweise oder gar nicht. Aktuellere Zahlen liegen der Bundesagentur für Arbeit noch nicht vor. Laut der Statistik müssten gut 1500 Arbeitsplätze im Kreis von Menschen mit Behinderung besetzt sein. Tatsächlich sind es aber nur knapp 500.

Es gibt aber auch Unternehmen, denen Inklusion wichtig ist: Die Dow Stade gehört mit gut 1100 Mitarbeitern zu den größten Arbeitgebern im Landkreis. Das Chemieunternehmen erfülle die Schwerbehindertenquote mit knapp unter fünf Prozent nicht ganz, teilt Dow-Sprecher Stefan Roth auf TAGEBLATT-Nachfrage mit. Er geht aber auch von einer Dunkelziffer aus, da niemand verpflichtet sei, eine Behinderung anzugeben.

Inklusion spiele eine große Rolle im Werk. Es gebe Mitarbeiternetzwerke, die sich mit Barrierefreiheit und anderen Themen beschäftigen, die die Belange von Menschen mit Behinderung betreffen. Eine Schwerbehindertenvertretung ist Teil des Betriebsrates.

In Kooperation mit dem DRK haben Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, ein Praktikum im Zentrallager der Dow zu absolvieren. Außerdem unterstütze die Dow regelmäßig inklusive Projekte in der Region.

Bei Airbus liegt die Quote über fünf Prozent

Auch Airbus zählt mit seinen Standorten in Stade, Buxtehude und Finkenwerder zu den großen Arbeitgebern. In dem Unternehmen liege die Quote deutlich über fünf Prozent der Belegschaft, teilt Airbus-Sprecher Daniel Werdung mit. Entscheidend bei der Einstellung sei immer die fachliche Qualifikation.

Die Schwerbehindertenvertretung und das Gesundheitsmanagement unterstützen dabei, den Arbeitsplatz individuell angepasst an die jeweiligen Bedarfe des Beschäftigten auszustatten, so Werdung. Airbus veranstalte zudem jährlich stattfindende „DUO DAYS“ und lädt Menschen mit Behinderungen ein. Auch die „Dis-ability-Wochen“ widmen sich mit verschiedenen Veranstaltungen dem Thema Schwerbehinderung.

Menschen mit Behinderung bei Stadt und Landkreis

In den Stadtverwaltungen Buxtehude und Stade sowie beim Landkreis werden die Quoten übererfüllt. Die Hansestadt Buxtehude beschäftigte 2024 knapp sechs Prozent Menschen mit Behinderung, sagt Sprecherin Ines Hansla. Bei der Hansestadt Stade sind derzeit 51 Personen mit einer Schwerbehinderung beschäftigt. Das macht eine Quote von ebenfalls knapp sechs Prozent, teilt ein Sprecher mit.

Der Landkreis Stade prüfe vor jeder Ausschreibung, ob die Stelle mit einem schwerbehinderten oder gleichgestellten Menschen besetzt werden kann. Dazu sei die Kreisverwaltung verpflichtet, sagt Landkreissprecherin Nina Dede. In der Kreisverwaltung sind 61 Menschen mit Schwerbehinderung bzw. gleichgestellte Mitarbeitende angestellt, dazu zählen auch zwei Auszubildende. Das entspricht ebenfalls gut sechs Prozent.

Wird ein Mensch mit Schwerbehinderung eingestellt, werde gemeinsam festgelegt, ob und wie der Arbeitsplatz gestaltet sein muss. Zum Beispiel mit unterfahrbaren Schreibtischen, Schreibtischstühlen mit besonderen Funktionen oder speziellen technischen Ausstattungen wie Deckenflutern, LED-Arbeitsplatzleuchten, 34 Zoll-Monitoren oder Lupen in Form eines Tablets.

Unterstützung für Arbeitgeber und Betroffene

Angesichts des Fachkräftemangels müssten sich Betriebe künftig vermehrt dem Thema Inklusion zuwenden, sagt Kirsten Kronberg von der IHK Elbe-Weser. Umfassende Informationen für Arbeitgeber zum Thema Inklusion und Fördermöglichkeiten bietet die IHK online an. Auch die Arbeitsagentur und die für den Landkreis Stade zuständige Inklusionsbehörde Lüneburg informieren. Hilfe für Menschen mit Behinderung gibt es bei der Arbeitsagentur, den Sozialverbänden VdK und SoVD sowie beim Verein TABEA.

Copyright © 2026 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel