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Chronische Erkrankung

T„Aufgeben ist nicht“: So bewältigt Leon Wittler aus dem Heidekreis seinen Alltag mit MS

Wenn Leon Wittler mit seinen Söhnen Bennet (links) und Theo die beliebte Lego-Eisenbahn aufbaut, kann sein Rollstuhl, auf den er sonst angewiesen ist, eine Weile in der Ecke stehen.

Wenn Leon Wittler mit seinen Söhnen Bennet (links) und Theo die beliebte Lego-Eisenbahn aufbaut, kann sein Rollstuhl, auf den er sonst angewiesen ist, eine Weile in der Ecke stehen. Foto: NZ/Wenzel

Wenn der Rollstuhl in der Ecke bleibt und die Lego-Eisenbahn rollt, zeigt Familie Wittler aus der Nähe von Verden, was Zusammenhalt bedeutet. Um seinen Alltag zu bestreiten, braucht Leon Wittler viel Kraft und vor allem die Unterstützung von Frau und Kindern.

Von Isabell Wenzel 14.02.2026, 09:50 Uhr

Häuslingen. Etwas abgelegen vom Ortskern des Dorfes Häuslingen nahe Verden liegt eine alte Hofstelle, ein großes Grundstück mit Scheunen und einem Bauernhaus. Zum Eingangsbereich des Wohnhauses führt der Weg über eine große Stufe. Davor liegt eine Rampe aus Holz. „Das ist eine Eigenkonstruktion“, sagt Leon Wittler, nachdem er die Haustür geöffnet hat. Er sitzt im Rollstuhl, denn er hat Multiple Sklerose (MS). Er braucht die Rampe, um sein Haus verlassen und betreten zu können.

Der große Flur des Bauernhauses ist gleichzeitig Küche und Esszimmer. Leon Wittler stellt einen Stuhl zur Seite und parkt mit seinem Rolli am Esstisch. „Das Haus wurde circa 1748 gebaut. Ich wohne mit meiner Frau und meinen Söhnen seit sechs Jahren hier. Der Hof gehört meinen Schwiegereltern, die direkt nebenan wohnen“, erzählt er.

Das Haus ist frisch renoviert und modern eingerichtet. Trotzdem sind die Decken niedrig und die Türen schmal. Jeder Durchgang hat eine Bodenschwelle. Es ist alles andere als behindertengerecht, aber „es geht gerade so“, meint Leon Wittler. „Wir haben uns nach etwas Barrierefreiem umgesehen, aber das ist kaum zu bezahlen“, sagt Johanna Wittler, die sich mit den beiden kleinen Söhnen Bennet und Theo mit an den Esstisch setzt.

2015 bekam Leon Wittler die Diagnose Multiple Sklerose

Leon Wittler ist in Zeven im Landkreis Rotenburg aufgewachsen, hat 2014 am St.-Viti-Gymnasium sein Abitur gemacht. Er war immer sportlich aktiv, spielte Handball und ist viel geschwommen. Damals war noch alles gut. 2015 erhielt Leon Wittler dann die Diagnose MS. „Es ging damit los, dass mir beim Sportmachen immer schwummrig wurde und ich bin oft gestolpert. Dann ging es von Arzt zu Arzt, bis mich einer davon ins MRT schickte und MS feststellte“, sagt der heute 31-Jährige.

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, das heißt, das Immunsystem richtet sich gegen den eigenen Körper und schädigt das zentrale Nervensystem. Durch die Krankheit wird die Kommunikation zwischen Gehirn und Organen gestört. Was MS im Körper bewirkt, ist für Mediziner mittlerweile nachvollziehbar, was die Krankheit jedoch auslöst, ist für die Wissenschaft immer noch ein Rätsel. Die Symptome der MS sind vielschichtig und unterschiedlich.

„Bis 2022 ging es relativ gut“, so Leon Wittler weiter, der zu dem Zeitpunkt bereits verheiratet und Vater war. Seine Ehefrau Johanna lernte er nach seiner MS-Diagnose kennen. „Ich habe aus meiner Krankheit kein Geheimnis gemacht“, sagt er. Sie ließ sich davon nicht abschrecken, verliebte sich in ihn. „Ich fand Leon toll und zu der Zeit war seine Krankheit noch nicht so ausgeprägt“, erinnert sie sich. 2019 heirateten sie und bekamen im Laufe der Jahre zwei Söhne. Sohn Bennet ist jetzt fast vier, Theo zwei Jahre alt.

Gemeinsam sind sie stark: Johanna und Leon Wittler meistern den Alltag mit seiner Krankheit gemeinsam. An guten Tagen läuft er wenige Schritte mit dem Rollator.

Gemeinsam sind sie stark: Johanna und Leon Wittler meistern den Alltag mit seiner Krankheit gemeinsam. An guten Tagen läuft er wenige Schritte mit dem Rollator. Foto: NZ/Wenzel

Die Ärzte sind sich heute nicht sicher, ob MS eine Erbkrankheit ist

„Als wir uns dafür entschieden, trotz der Krankheit Kinder zu bekommen, hieß es von den Medizinern noch, dass MS keine Erbkrankheit ist. Heute sind sich die Ärzte nicht mehr so sicher“, sagt Leon Wittler und schaut zu seinen Söhnen, die mit ihren Spielsachen beschäftigt sind.

Sein Vater litt ebenfalls an der Autoimmunerkrankung. Auch wenn MS keine klassische Erbkrankheit ist, ist ein Mensch mit einem Betroffenen in der direkten Familie einem höheren Risiko zu erkranken, ausgesetzt. Trotzdem schaut Leon Wittler positiv in die Zukunft. „Zwischen den Behandlungsmöglichkeiten, die mein Vater hatte und denen, die mir heute zur Verfügung stehen, liegen Welten. Ich glaube an die Medizin. Wer weiß, was in zehn Jahren alles geht“, meint er.

Bis es möglicherweise soweit ist, ist der MS-Kranke auf die Hilfe seiner Frau angewiesen. Johanna Wittler ist gelernte zahnmedizinische Fachangestellte. Zurzeit ist sie nicht berufstätig. Sie kümmert sich um ihren Mann mit Pflegegrad 3, um ihre beiden Kinder und pflegt ihre Großmutter.

„Ich vermisse das Arbeiten manchmal. Es fehlt mir, mich nur auf eine einzige Sache und eine Person zu konzentrieren“, erzählt die 31-Jährige. „Als ich mit unserem zweiten Sohn Theo schwanger war, sagte Leon eines Morgens plötzlich zu mir, dass er nicht mehr laufen kann“, erinnert sie sich. Das war Mitte 2023. 2024 mussten sie zum ersten Mal einen Rollstuhl leihen.

Das Jahr 2024 hat das Ehepaar gelehrt, dankbar für gute Momente zu sein

„Das Jahr 2024 war sehr schlimm. Ich wusste nie, wie es mir in zehn Minuten geht. Deshalb bin ich viel zuhause geblieben“, sagt Leon Wittler. „Seit August 2024 sind meine Medikamente gut eingestellt. Seitdem bin ich stabil.“

„2024 haben wir gelernt, dankbar zu sein und uns darüber zu freuen, was geht und was wir machen können“, fügt Johanna Wittler hinzu. Sie ist die unabdingbare Stütze für ihren kranken Mann. Er arbeitet trotz Krankheit in Vollzeit als Vermessungstechniker, drei Tage pro Woche im Homeoffice. Zwei Tage fährt sie ihn ins Büro. Ein speziell umgebautes Auto, das auch Leon Wittler fahren kann, haben sie noch nicht. Bis alle im Wagen sitzen, dauerte es circa 10 Minuten, meint sie. „Aber das ist alles kein Problem. Man muss nur früh genug anfangen“, sagt sie.

Die Rampe vor dem Haus der Familie Wittler Marke Eigenbau: Seit mehreren Monaten wartet er auf die richtige Rampe vom Sanitätshaus. Die Genehmigung und die Anfertigung zogen sich hin.

Die Rampe vor dem Haus der Familie Wittler Marke Eigenbau: Seit mehreren Monaten wartet er auf die richtige Rampe vom Sanitätshaus. Die Genehmigung und die Anfertigung zogen sich hin. Foto: NZ/Wenzel

Auf die Frage, was passiert, wenn sie mal krank ist und nicht kann, hat sie eine klare Antwort: „Das gibt es nicht.“ Zur Not wären ihre Eltern vor Ort, aber die müssten eben auch Zeit haben, fügt sie hinzu. Dass sie mit Anfang 30 schon ihren Mann pflegt, hätte sie zu Beginn ihrer Beziehung nicht gedacht. „Dass es so schlimm wird, hatte ich erst mit 60 oder 70 erwartet. Ich habe auch Momente, in denen ich denke: ‚Ich kann nicht mehr‘ oder ‚Ich schaffe das nicht‘. Aber wer soll es sonst machen?“, sagt die junge Frau mit fester Stimme. Ihre Kraft, die vielen Aufgaben zu bewältigen, findet sie in ihrem christlichen Glauben und in Gesprächen mit Müttern von Kindern im selben Alter wie ihre eigenen. „Mir reicht manchmal schon eine halbe Stunde alleine“, fügt sie hinzu.

Johanna Wittler freut sich, wenn es ihrem Mann gut geht

Diese halbe Stunde Ruhe versucht ihr Ehemann für sie zu ermöglichen. „Ich kann ihr bei nichts helfen. Nicht im Haushalt oder beim Holzholen. Wenn es geregnet hat und die Rampe vor der Haustür nass und rutschig ist, brauche ich ihre Hilfe. Deshalb versuche ich so oft und so lange es geht, die Kinder zu beschäftigen“, so Leon Wittler.

„Ich wünsche mir natürlich manchmal mehr Unterstützung von Leon, aber es geht nun mal nicht. Ich freue mich jetzt, wenn er in seinem Rollstuhl sitzt und es ihm gut geht“, sagt Johanna Wittler und lächelt ihren Mann an.

Söhne Bennet und Theo helfen ihrem Vater, wo sie können

Bennet und Theo kennen ihren Vater praktisch nur im Rollstuhl und sind davon nicht verunsichert. Die drei haben ihre eigenen Wege gefunden, gemeinsame Zeit zu verbringen. Im Haus wird viel am Tisch gebastelt, im Garten werden Bälle nicht geschossen, sondern geworfen, und den Trettrecker der Jungen kann Leon Wittler auch im Rollstuhl schieben. Man wird erfinderisch, meint er.

„Die Jungs helfen mir unglaublich gern. Wenn ich sie bitte, mir zu helfen, machen sie das. Aber sie wissen auch, dass ich nicht so schnell hinter ihnen herkomme und das nutzen sie manchmal aus“, erzählt der Vater lachend.

Im Sommer 2025 ging es für Familie Wittler in den Urlaub nach Australien. Am Bollerwagen für die Kinder hatten sie einen Griff befestigt, an dem sich Leon festhalten konnte, wenn er die Kraft für den Rollstuhl verlor. Seine Frau Johanna zog dann alle drei.

Im Sommer 2025 ging es für Familie Wittler in den Urlaub nach Australien. Am Bollerwagen für die Kinder hatten sie einen Griff befestigt, an dem sich Leon festhalten konnte, wenn er die Kraft für den Rollstuhl verlor. Seine Frau Johanna zog dann alle drei. Foto: Johanna Wittler

Jetzt wollen die Söhne mit ihm die Lego-Eisenbahn aufstellen. Auf dem Weg ins Kinderzimmer muss Leon Wittler zwei Bodenschwellen überqueren. Das kostet Kraft. Um mit Bennet und Theo zu spielen, setzt er sich zu ihnen auf den Teppich. Zuerst platziert er mit den Händen seine Füße auf dem Boden, erhebt sich aus dem Rolli und lässt sich auf dem Boden nieder. Es ist ein Kraftakt, aber sein Motto lautet: „Aufgeben ist nicht!“ (NZ)

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