TBSV-Trainer Andersson: Sein kleiner Bruder kämpft um den EM-Titel
BSV-Trainer Nicolaj Andersson (rechts) mit Bruder Lasse und Vater Claus. Foto: privat
BSV-Trainer Nicolaj Andersson fiebert bei der Handball-EM mit seinem Bruder, stellt klare Forderungen an das deutsche Team und hofft noch auf ein Ticket fürs Endspiel.
Landkreis. Nicolaj und Lasse Andersson hatten nicht viele Gelegenheiten, gemeinsam auf dem Feld zu stehen. Doch es gibt diesen einen seltenen, denkwürdigen Moment im Familienalbum: Der ältere Bruder spielt den Ball hoch, der jüngere nimmt ihn direkt aus der Luft - Kempa-Trick, Tor.
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Rund 13 Jahre später ist sich Nicolaj Andersson nicht mehr ganz sicher, wie genau sich diese Szene in einem Drittligaspiel für ihren Heimatverein in Kopenhagen zugetragen hat. Bis sich im Hintergrund eine Stimme meldet. „Ja, so war es“, sagt seine Frau Mia. Sogar ein Video soll es davon geben.
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Die sportlichen Wege der beiden Brüder haben sich seither unterschiedlich entwickelt. Nicolaj Andersson (38) musste seine eigene Karriere verletzungsbedingt früh beenden und trainiert seit Kurzem das Bundesliga-Schlusslicht Buxtehude. Lasse Andersson (31) hingegen ist Rückraumspieler bei den Füchsen Berlin, Weltmeister, Olympiasieger und träumt nun vom nächsten großen Titel bei der Europameisterschaft im eigenen Land.
Mehr Verantwortung für den kleinen Bruder
Wenn Dänemark spielt, schaut Nicolaj Andersson deshalb ganz genau hin. Der Top-Favorit sei mit großem Selbstvertrauen ins Turnier gegangen, sagt er, auch wenn man wisse, dass es „zwei, drei oder vier andere Nationen“ gebe, die ebenfalls Chancen hätten. Die Vorrundenniederlage gegen Portugal sei ärgerlich gewesen, habe die Mannschaft aber nicht verunsichert. „Man kann nicht jedes Spiel gewinnen. Wichtig ist, dass Dänemark danach sofort wieder Stärke gezeigt hat.“

Lasse Andersson spielt seit 2020 für den deutschen Meister Füchse Berlin. Im Sommer wechselt er zum dänischen Verein HØJ Håndbold. Foto: Sven Hoppe/dpa
Was ihn besonders freut: Lasse Andersson, der lange verletzt war, bekam bei dieser EM deutlich mehr Verantwortung im Angriff. „Ich war ehrlich gesagt ein bisschen überrascht, wie gut er das macht“, sagt der große Bruder. Früher habe Lasse vor allem in der Abwehr und im Tempospiel überzeugt, jetzt leite er die Angriffe mit Ruhe und Übersicht. „Das kommt sicherlich auch mit der Erfahrung. Es ist ja nicht mehr sein erstes großes Turnier.“
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Der Kontakt zwischen den Brüdern reißt während der EM nicht ab. Sie telefonieren, sprechen über die Spiele, über das Leben in der „Blase“ eines Turniers, aber auch über die Situation und den Abstiegskampf in Buxtehude. Kritische Analysen? Fehlanzeige. „Es ist nicht kritisch, eher Neugier. Ich sage meine Meinung und frage ihn, wie er bestimmte Dinge sieht“, erklärt Nicolaj Andersson.
Verwunderung über die deutsche Startaufstellung
Vor dem Duell Deutschland gegen Dänemark hatte der BSV-Trainer eine klare Einschätzung - und einen konkreten Tipp: 32:28 für Dänemark. Ausschlaggebend seien die starke dänische Abwehr, das Tempospiel und Torhüter Emil Nielsen. Gleichzeitig lobte Andersson die deutsche Mannschaft, sprach von mehr Wurfgewalt aus dem Rückraum und einem starken Kreis. Entscheidend sei jedoch der Rückzug: „Wenn Deutschland nicht konzentriert umschaltet, wird es überlaufen.“

Andreas Wolff zeigte zuletzt überragende Leistungen im deutschen Tor. Foto: Sina Schuldt/dpa
Am Ende gewann Dänemark mit 31:26. Anderssons Prognose ging in die richtige Richtung. Besonders überrascht habe ihn die deutsche Aufstellung. „Ich habe nicht verstanden, warum Andreas Wolff nicht von Beginn an im Tor stand“, sagt Andersson. Gerade er sei der „X-Faktor“ dieser Mannschaft. Dennoch habe Dänemark lange Probleme mit der deutschen Abwehr gehabt. „Deutschland hatte definitiv eine Chance.“ Am Ende habe sich jedoch die individuelle Klasse der Dänen um Gidsel, Pytlick und Nielsen durchgesetzt.
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Und Lasse Andersson? „Nicht so auffällig wie in den letzten Spielen, aber eine stabile und vernünftige Leistung in der Abwehr“, urteilt der Bruder. Bislang steht er bei sieben Toren und zehn Vorlagen. Andersson ist stolz darauf, was sein Bruder erreicht hat.
Warum ist Dänemark so erfolgreich?
Beide Brüder stammen aus einer echten Handballfamilie. Mutter Pia war dänische Nationalspielerin, Vater Claus trainierte Erstligateams und Jugendnationalmannschaften. „Die Halle war mein zweites Zuhause“, sagt Andersson, der seinen jüngeren Bruder in der Jugend trainierte, ihm Spielverständnis vermittelte - und einst auch selbst als Ausnahmetalent galt.

Nicolaj Andersson wartet mit dem Buxtehuder SV immer noch auf den ersten Saisonsieg. Foto: Jan Iso Juergens IsoluxX Fotogr
Kurze Wege, viele Clubs, eine starke Nachwuchsarbeit und zahlreiche Hallen: Die Brüder wuchsen in einem kleinen Land mit großer Handballtradition auf. Nicolaj Andersson, der Ivano Balić als großes Vorbild nennt, sei als junger Spieler seinen Idolen ganz nah gewesen. „Das hat mich sehr motiviert“, sagt er. Hinzu kam die Gemeinschaft im Verein. Passend dazu sagte der dänische Handballtrainer Jesper Houmark in einem Interview mit „Zeit Online“: „Handballvereine sind die geselligsten Orte in Dänemark.“ Taktik und Titel, so die Philosophie, kommen später.
Trotz der Niederlage sieht Andersson für Deutschland weiterhin Chancen auf das Halbfinale. Damit das gelingt, fordert er drei Dinge für das letzte Hauptrundenspiel gegen Frankreich (Mittwoch, 18 Uhr, ZDF):
- Andreas Wolff muss beginnen. „David Späth ist ein klasse Torwart. Aber wenn man einen der weltbesten hat, muss er spielen. Vor solchen Spielern hat der Gegner mehr Respekt.“
- Eine stabile, aggressive Abwehr. Vor allem Frankreichs Rückraumstar Dika Mem, der 2027 nach Berlin wechselt, dürfe keinen Raum bekommen. „Wenn er zwölfmal aus der Distanz trifft, wird es ganz schwierig.“
- Mehr Tempo. Spielmacher Juri Knorr sieht Andersson als Schlüssel, besonders im Gegenstoß. „Man könnte ihm in der Abwehr eine Aufgabe geben, vielleicht auf Außen verteidigen, damit er den Ball schneller nach vorne treiben kann. Das fände ich interessant“, sagt Andersson.
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Sein EM-Favorit bleibt Dänemark, als möglichen Finalgegner erwartet er Schweden. Ob er selbst beim Endspiel in Herning dabei sein wird, ist noch nicht klar. Am Samstag steht für den BSV erst das wichtige Auswärtsspiel in Göppingen an, danach folgt eine lange Rückfahrt im Bus. „Ich hoffe, dass es irgendwie klappt“, sagt Andersson. Ein Ticket hatte er am Dienstag noch nicht.
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