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Ehrenamt

TBabyboomer bitte in die Schulen: Ein Stader Appell und die Hoffnung dahinter

Die Ehrenamtliche Paula Kollenda, Julia Kleihauer (VHS), Jörg Moser-Kollenda und Olaf Cegan (IGS) und Katja Buse (VHS) im neuen Schüler-Aufenthaltsraum der IGS Stade.

Die Ehrenamtliche Paula Kollenda, Julia Kleihauer (VHS), Jörg Moser-Kollenda und Olaf Cegan (IGS) und Katja Buse (VHS) im neuen Schüler-Aufenthaltsraum der IGS Stade. Foto: Richter

Mit den Babyboomern geht demnächst ein Drittel der Bevölkerung in Rente. Ihr Einsatz für die Gesellschaft könnte direkt weitergehen, sagt der Stader Schulleiter Jörg Moser-Kollenda: „Zum Beispiel an unserer Schule.“

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Von Anping Richter
Freitag, 19.06.2026, 09:59 Uhr

Stade. „Viele fallen nach der Rente ja in ein Loch“, sagt Olaf Cegan. Doch das muss nicht sein, findet der Ehrenamtskoordinator der IGS Stade. Die in den 50er und 60er Jahren geborenen sogenannten Boomer fühlen sich meist nämlich noch nicht alt, wenn sie in Rente gehen, und zwar zu Recht: Sie sind nachweislich gesünder, aktiver und gebildeter als frühere Generationen in ihrem Alter. Die IGS Stade sieht darin eine große Chance - und zwar für die Jüngeren.

In Deutschland sind Kinder zur Minderheit geworden

Aktuell gibt es etwa doppelt so viele 60-Jährige wie 6-Jährige. Die Altersstruktur in Deutschland verschiebt sich. Kinder sind in der Minderheit, und dass sie es zurzeit nicht leicht haben, zeigen Bildungsstudien mit einem Abwärtstrend in den letzten zehn Jahren. Das Problem des Lehrkräftemangels ist bekannt - besonders im Landkreis Stade, der bei der Unterrichtsversorgung erneut Schlusslicht in Niedersachsen ist.

Unter dem Meer: Die Wände im neuen Raum zum Entspannen, Lesen und Zurückziehen in der IGS unter diesem Motto haben Schüler selbst bemalt.

Unter dem Meer: Die Wände im neuen Raum zum Entspannen, Lesen und Zurückziehen in der IGS unter diesem Motto haben Schüler selbst bemalt. Foto: Richter

Gleichzeitig verbringen Kinder heute mehr Zeit in der (Ganztags-)Schule als früher ihre Eltern. Für sie ist die Schule nicht nur Lern-, sondern auch Lebensort. „Wenn nur jeder Zweite von den 12,9 Millionen Menschen, die in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen, stundenweise ein Kind unterstützen würde, könnte jedes Kind in Deutschland einen persönlichen Coach haben“, sagt Jörg Moser-Kollenda und beruft sich dabei auf den bekannten Bildungssoziologen Aladin El-Mafaalani.

Junggebliebene könnten Jugendliche coachen

Die IGS möchte das nutzen, um für die Schüler möglichst viel Unterstützung ins Haus zu holen: Junggebliebene Rentner könnten Lerncoachs werden. Die Idee finden auch andere Bildungsinstitutionen überzeugend: Die VHS Stade und die Gruppe „Sprachkompass“ der Diakonie unterstützen das Projekt.

Die Ehrenamtlichen von Sprachkompass sind in der Sache ohnehin schon aktiv, überwiegend an Stader Grundschulen. Sie engagieren sich in Sprach- und Leseförderung, übernehmen aber auch Hausaufgabenbetreuung. „Schule braucht Unterstützung durch Ehrenamtliche, da die Heterogenität der Schüler und Schülerinnen Differenzierung erfordert, die durch eine Lehrkraft allein nicht bewältigt werden kann“, sagt Astrid Hahn von Sprachkompass.

Sprachkompass und VHS unterstützen das Projekt

Wer sich vorstellen könnte, Kindern und Jugendlichen auf diese Art etwas von seiner Zeit zu schenken, kann seine Fragen dazu bei der VHS stellen: Sie unterstützt das Projekt mit einem Kurs mit vier Unterrichtseinheiten.

Was ist meine Aufgabe? Wie kann und wie darf ich mich einbringen? Darüber können Kursteilnehmer sich Klarheit verschaffen, erklärt Julia Kleihauer von der VHS Stade: „Wir wollen Ängste nehmen und Hemmschwellen abbauen.“ Die Teilnehmer erfahren, wie sie professionell und einfühlsam begleiten und motivieren können, werden über ihre Rolle als Lernbegleitung, typische Aufgaben und Grenzen im Schulalltag orientiert.

„Ehrenamtliche könnten Bereiche abdecken, die ein Lehrer allein nicht abdecken kann“, gibt Olaf Cegan zu bedenken. „Basteln, Holzarbeiten, Einsätze im Schulgarten oder in der Werkstatt - vieles ist möglich. Ich bin für jede Art der Unterstützung dankbar.“ Wer eine AG anbieten will, könne dies auch für eine ganz kleine Gruppe tun. Und beim Lesenüben sei oft Einzelbetreuung gefragt.

Auch Einzelstunden und Ausprobieren sind okay

„Manche wollen sich nicht binden. Aber auch nur einmal oder nur zum Ausprobieren zu kommen, ist okay“, sagt VHS-Leiterin Katja Buse. Niedrigschwelligkeit sei wichtig. Verlässlichkeit auch - aber: „Verlässlichkeit kann auch bedeuten, dass ich fünf Wochen mit dem Wohnmobil unterwegs sein möchte, aber rechtzeitig vorher Bescheid sage.“

Der Appell richtet sich nicht nur an Babyboomer. Auch Jüngere sind willkommen - wie Ergotherapeutin Paula Kollenda, die Tochter des Schulleiters, die zweimal pro Woche ehrenamtlich in der Schule im Einsatz ist. Olaf Cegan ist mit Betrieben im Gespräch, die älteren Arbeitnehmern schon zwei bis drei Jahre vor der Rente erlauben würden, sich in Richtung Schul-Ehrenamt zu orientieren, und sie für Einsätze freistellen würden.

„Das ist soziale Kreislaufwirtschaft“, erklärt Julia Kleibauer: „Wenn ich als Unternehmen gute Azubis haben möchte, profitiere ich davon, junge Leute frühzeitig zu unterstützen.“ Moser-Kollenda betont, dass er das Projekt keineswegs als ein Modell sieht, um Standards zu senken oder ausgebildete Lehrkräfte zu ersetzen. Es gehe darum, die Generationen wieder mehr zu verbinden und eine Win-win-Situation für Jung und Alt zu schaffen.

Das Projekt könnte im Idealfall schon nach den Herbstferien starten. Es ist als Pilotprojekt für ein Jahr geplant, um Erfahrungen zu sammeln und Strukturen zu erproben. Wer sich für einen ehrenamtlichen Einsatz interessiert, kann sich bei der IGS Stade melden (sekretariat@gesamtschule-stade.de), bei Britta Rust als Ehrenamtskoordinatorin der Stadt Stade (britta.rust@stadt-stade.de) oder bei Astrid Hahn von Sprachkompass (hahn.astrid@web.de).

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