TBegegnung mit dem Nacktwanderer sorgt für Diskussionen
Immer geradeaus: Der Nacktwanderer trifft immer mal wieder auch auf Spaziergänger. Foto: Scheschonka
Splitterfasernackt durch den Sieverner Wald? Das Hobby von Bernd Braker (Name geändert) polarisiert - auch unter den TAGEBLATT-Lesern. Reporter Andreas Schoener hat den Mann aus Geestland getroffen und war beeindruckt.
Landkreis Cuxhaven. Es war ein Morgen im frühen Herbst. Nach vielen Versuchen klappte die Verabredung mit Bernd Braker endlich. Der hochaufgeschossene Mann hatte sein Auto an einem Wirtschaftsweg am Sieverner See geparkt, war schnurstracks ausgestiegen, hatte freundlich gelächelt. Noch bekleidet.
Dass er recht bald seine Kleidung ablegen würde, um mit Nordic-Walking-Stöcken durchs Laub zu spazieren, hatte ich zwar erwartet, doch die Selbstverständlichkeit seines Tuns überraschte mich dann doch. Viele von uns zeigen sich nur unbekleidet, wenn sie in privaten Gemächern unterwegs sind. Oder in der Sauna. Bestenfalls.
„Es ist ein Gefühl von Freiheit für mich“
Anders bei Bernd Braker: Plötzlich stand der 1,90-Meter-Mann da, wie Gott ihn geschaffen hatte - und war startklar. „Nacktheit wird überbewertet - da ist doch nichts dabei“, sagte er und lächelte. „Es ist ein Gefühl von Freiheit für mich“, schob er noch hinterher, als er aufbrach.
Das Nacktwandern - englisch: Nude Walking - hatte der Mann, der in einer Ortschaft von Geestland wohnt, vor einigen Jahren für sich entdeckt. Vor der Arbeit nutzt er „zwei- bis dreimal in der Woche“ die Gelegenheit, auf diese Weise in freier Natur zu entspannen. „,Nudic Walking‘, abgeleitet von Nordic Walking, ist Bewegung an frischer Luft“, erklärte er mir, während die beiden Stöcke zu seiner Rechten und Linken monoton aufschlugen. „Ich kann dabei loslassen, buchstäblich alles fallen lassen und den Alltag für mich ordnen“, sagte er und wies Unterstellungen zurück, wonach derlei Tun mit Erotik oder gar mit Pornografie zu tun haben könnte.
Viele Menschen im Cuxland haben Bernd Braker für dieses seltene Hobby später kritisiert, haben es als anstößig bezeichnet. Einige zeigten ihre Ablehnung, indem sie den Kopf senkten, wenn er ihnen entgegenkam. Andere haben ihn beschimpft. Bernd Braker hat nach eigenen Angaben Verständnis für all jene, die seine Leidenschaft nicht teilen können. „Nacktwandern härtet ab“, sagte er, der bei Wind und Wetter unterwegs ist, wenn es die Gesundheit zulässt.
„Nacktsein kann einem niemandem nehmen“
Ich bin mir nicht darüber im Klaren, was ich grundsätzlich vom Nacktwandern halten soll. Wie gesagt: Ich würde es niemals tun. Aber ist meine Meinung maßgebend? Wenn jemand wie Bernd Braker in der Abgeschiedenheit des ländlichen Raums textilfrei unterwegs ist, kann er das doch tun - vorausgesetzt, er tritt im „Adamskostüm“ niemandem zu nahe. „Ich belästige keinen“, betonte der Geestländer während des Spaziergangs immer wieder.
Bernd Braker ist nicht allein auf der Welt mit diesem Hobby. Marc Engelhardt, Journalist aus der Schweiz, hat sogar ein Buch geschrieben, als er eine Reise zu den „unverhüllten Kulturen unserer Welt“ unternahm. Der Titel: „Ich bin dann mal nackt.“ Engelhardt sagt: „Nacktsein kann einem niemand nehmen. Nacktsein funktioniert unabhängig von gesellschaftlichen Schichten und ohne Aufwand.“ Er habe ein viel entspannteres Gefühl zu seinem Körper entwickelt, sehe gnädiger über die eine oder andere Falte hinweg. Außerdem habe er viele nette Menschen getroffen.
Einfach und doch kompliziert: Leben und leben lassen
Als Bernd Braker von seiner Runde wieder zum Auto kam, war die sportliche Betätigung nicht vorbei. Der Geestländer hatte noch Zeit für eine Runde durch den Sieverner See. Natürlich nackt. „Wenn mich die Leute fragen, warum ich das mache, frage ich zurück: Warum nicht?“, sagte er. Sein Motto: Leben und leben lassen.Noch lange denke ich über diesen Satz nach, als ich in die Redaktion fahre.
Darum spaziert ein Mann nackt durch den Stader NachbarkreisNackt auf Weltreise: Was ein „Nudic Walker“ auf seinem hüllenlosen Trip erlebt hat