TBewegende Szenen auf Super 8: Matthias Rambow und sein Sturmflut-Film
Matthias Rambow hat aus privaten Super-8-Aufnahmen und Zeitzeugenberichten einen Film über die Flut 1976 in Kehdingen gemacht. Das Projekt stellte auch das NDR-Fernsehen vor. Foto: NDR
Er war elf Jahre alt, als sich die Deichkrone unter seinen Füßen wie Pudding anfühlte. Matthias Rambow hat einen Film über die Sturmflut von 1976 gemacht. Es ist ein Herzensprojekt.
Assel. Matthias „Matten“ Rambow trägt sie in sich: Die Liebe zum Leben hinterm Deich in Assel, die Verbundenheit zur See und die Erinnerung an den 3. Januar 1976, als die Flut kam. Rambow kennt die Seefahrt von klein auf.
Sein Vater fuhr mit seinem Kümo MS Doris-R nordeuropäische Häfen an. Zum Jahresbeginn 1976 lag die MS Doris-R fest vertäut im Hafen. „Den 3. Januar werde ich nie vergessen. Die Asseler Gilden wollten ihren Tonnenball feiern, ich war mit meinem Vater unterwegs, um auf dem Saal aufzubauen.“
Das Wasser drängt gegen den Deich
Ihr Rückweg führte sie mittags im Sturm über den Deich. Rambow erinnert sich: „Das Wasser stand schon extrem hoch, obwohl noch gar kein Hochwasser war. Die Deichkrone fühlte sich wie Pudding an, das kannte ich auch noch nicht.“

An der Heimatstube in Assel ist markiert, dass das Wasser 1976 noch höher auflief als bei der verheerenden Sturmflut von 1962. Die Fluthöhe lag vor 50 Jahren bei 6,45 über NN. Foto: Berlin
Die Elbe, sonst zwei Kilometer weit entfernt, drängte gegen den Deich. Am Asseler Hafen wurde die Durchfahrt mit Bohlen und Erde verschlossen. „Die Häuser im Außendeich soffen so langsam ab“, erinnert sich Rambow. Sein Vater und sein ältester Bruder schaufelten später mit anderen Freiwilligen Sandsäcke voll, „wir haben den Keller leer geräumt“. Seine Mutter parkte das Auto an der höher liegenden Grundschule.
Bilder von der Flut 1962 im Kopf
Hatte er Angst? „Ja“, sagt Rambow. Aus seinem Zimmer oben unterm Dach blickte er auf das gefährlich stürmende Wasser. Und er kannte ein Buch über die Sturmflut 1962. Die Bilder von den Menschen damals auf Hausdächern sorgten ihn in dieser Nacht. „Das hatte ich im Kopf. Was ist, wenn der Deich bricht und ich sitze hier allein im Zimmer?“
50 Jahre Sturmflut
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Direkt am Haus hielt der Deich stand. „Bei uns schwappte es nur über.“ Tatsächlich wurde der Keller noch geflutet - das wahre Leid der Überschwemmungen trugen aber die Bewohner der niedrig gelegenen Moorgebiete. Dorthin rauschte das Wasser - und dort stand es über Wochen.
Rambows kamen glimpflich davon. Die Küche war sogar warm. Kochen konnte Doris Rambow für ihre Familie und die Helfer auch noch - hatte sie doch darauf bestanden, einen Holz- und Kohleofen in der Einbauküche zu behalten.
Verheerender Deichbruch in Dornbusch
Als für den 21. Januar 1976, genau vor 50 Jahren, die nächste Sturmflut angekündigt war, galt die Sorge vor allem Dornbusch. Der verheerende Deichbruch vom 3. Januar war noch nicht repariert. „Es gab große Bedenken“, weiß Rambow noch.

Die Flut riss in Dornbusch riesige Lücken in den Deich. Für den 21. Januar war wieder eine Sturmflut angesagt - die Sorge aller Verantwortlichen galt Dornbusch. Foto: bms-Filmproduktion
Wie die Bundeswehr damals versuchte, die Lücken mit Sandsäcken zu schließen, ist in den zum Teil dramatischen Aufnahmen zu sehen, die Rambow für den bewegenden Sturmflutfilm verwerten konnte. Private Super-8-Filme, aber auch Ausschnitte des NDR zeigen Krautsand und Assel oder auch, wie die Pferdezüchter auf Asselersand ihre Tiere vor dem heranströmenden Wasser von den Weiden holen.
Zeitzeugen schildern die Naturgewalt
Der 50-minütige Sturmflutfilm, den der Medien- und Technikprofi Rambow zusammen mit Svend-Jörk Sobolewski gemacht hat, lässt Zeitzeugen wie Brigitte Wolter, Marlies Eylmann, Elisabeth und Hans-Heinrich Leidecker, Johnny Dralle, Jörg Rositzki, Annemarie Lorenzen oder Johann-Heinrich Buhrfeind zu Wort kommen. Sie erzählen davon, wie die Menschen auf Krautsand ohne Deich der Naturgewalt ausgeliefert waren.

Die Sturmflut-Filmproduzenten Svend-Jörg Sobolewski und Matthias Rambow. Foto: Klempow
Sie erinnern sich, wie gewaltige Wellen, angetrieben durch den Orkan, die Dächer abdeckten, Autos gegen Wände warfen, Ziegelwände einrissen und die Höfe unter Schlamm zurückließen. Hilflos mussten die Krautsander zum Teil zusehen, wie Tiere in den Fluten um ihr Leben kämpften.
Fohlen ertrinkt in den Fluten
Ein Tagebucheintrag schildert herzzerreißend die Sorge eines Mädchens um die Pferde - und dass ihr geliebtes Fohlen später tot auf dem Hof lag. Die Capella-Flut zertrümmerte Existenzen. Durchnässtes Heu entzündete sich Tage später und ein Hof auf Krautsand brannte auch noch ab.
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Die Erinnerung an die Flut, an die Angst und den harten Neuanfang für viele sitzt in Drochtersen tief. Als der Film beim Erzählcafé des DRK am Montag gezeigt wurde, kamen mit 120 Interessierten doppelt so viele wie gedacht.
Der Blick zurück macht das Handeln für die Zukunft umso dringlicher. Durch die Klimakrise steigt der Meeresspiegel. „Ich halte es für absolut notwendig, dass die Deiche weiter erhöht werden“, sagt Rambow. Der Film zeige eben auch, „dass diese Elbe eine große Gefahr mit sich bringt“, sagte Rambow dem NDR-Fernsehen.
Premiere hatte der Film, der auf Youtube zu sehen ist, am Jahrestag der Flut auf Krautsand. Den Erlös des Abends spendeten Rambow und Sobolewski an Jugendfeuerwehr und DLRG-Jugend. Rambow selbst konnte nicht dabei sein. Wie vor 50 Jahren stand der Tonnenball in Assel an - und inzwischen ist Matthias Rambow selbst Ältermann der Gilde.
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