TBlaue Haare, grüne Ideen: Was Martin Lüdders aus Drochtersen bewegt
Martin Lüdders auf dem Obsthof seiner Familie in Drochtersen. Foto: Richter
Klima-Aktivist und K-Pop-Fan, Obstbauernkind und frisch gewählter Ratsherr: Der 22-jährige Martin Lüdders aus Drochtersen ist all das - und jetzt für einen Engagement-Preis nominiert.
Drochtersen. Die blauen Haare sind ein Markenzeichen. Mit ihnen fällt Martin Lüdders sofort auf. Sie machen auf den zweiten Blick auch stutzig: Bei einem naturliebenden jungen Öko ist die Haarfarbe ein ziemlich schriller Kontrast.
Aufgewachsen auf dem Obsthof
Er sei tatsächlich sehr naturverbunden, sagt der 22-Jährige. „Ich liebe Grün“, sagt er und meint damit nicht in erster Linie die Partei, zu der er gehört. Er ist auf einem Obsthof aufgewachsen. In den letzten drei Jahren habe er viel Zeit in Bochum verbracht und genieße es deshalb gerade besonders, wieder zurück zu sein.
In Bochum hat er Nachhaltige Entwicklung studiert und schreibt zu Hause gerade an seiner Bachelor-Arbeit. Gerade erst wurde er für die Grünen in den Drochterser Gemeinderat gewählt und könnte nächstes Jahr sogar im Landtag sitzen: Die Grüne Jugend Niedersachsen hat ihn zum Votenträger gekürt. Das bedeutet, dass die Jugenddelegierten erklärt haben, ihm bei der Aufstellung der Landesliste im kommenden Jahr ihre Stimme zu geben.
Nominiert für „Movers of Tomorrow“-Preis
Martin Lüdders ist aktuell für den „Movers of Tomorrow Award“ nominiert: Mit diesem renommierten Engagement-Preis zeichnet die Allianz-Foundation 16- bis 24-Jährige aus, die sich für eine bessere Zukunft engagieren. Die Abstimmung ist öffentlich und läuft noch bis zum 4. Oktober. Wer mitmachen will, findet Lüdders Bewerbungsvideo hier: movers-of-tomorrow-award.de.
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„Ich bin gerade auf einer Gas-Konferenz in Berlin“, sagt Martin Lüdders am Telefon, als die Interview-Anfrage kommt. Drei Tage später steht der 22-Jährige mit Transparenten und Fahnen auf Stadersand, um gegen das schwimmende LNG-Terminal zu protestieren. Seit Jahren gehört er zum „Klimabündnis gegen LNG“, das die Kundgebung organisiert hat.
Der umweltbewusste K-Pop-Fan
Kommunalwahlkampf, Bachelor-Arbeit, Demos: Bleibt da noch Freizeit? „Das ist Freizeit“, sagt Lüdders. Viele seiner Mitstreiter seien auch Freunde. Er spielt auch gerne Brettspiele und mag K-Pop, also koreanischem Pop. Dazu gehört auch eine bestimmte Ästhetik. Lüdders blaue Haare passen dazu. Für ihn zeigen sie aber nur eine Vorliebe für bunte Vielfalt.
Zu Hause, zwischen Apfelbäumen und Traktor, wirken die blauen Haare exotisch. Martin Lüdders Urgroßeltern kamen einst aus Finkenwerder nach Drochtersen und hielten dort Milchvieh. Später sattelte die Familie auf Obst um. „Wir verkaufen etwas auf dem Wochenmarkt, aber das meiste an Elbe Obst“, erklärt er. Die Preise seien schlecht, doch Milchviehbetriebe hätten es teilweise noch schwerer. In seiner Nachbarschaft hat er schon mehrere Landwirte pleite gehen sehen.
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Er selbst könnte sich vorstellen, den Hof eines Tages zu übernehmen - „aber wenn, würde ich auf Öko-Anbau umstellen“, sagt er. Erst einmal will er zehn Jahre woanders arbeiten. Eine Idee ist eine Ausbildung zum Energieberater. Praktische Arbeitserfahrung hat Lüdders als Aktivist gesammelt. Er hat Petitionen übergeben, Demos und Protest-Touren organisiert, Workshops gegeben, Webseiten und Info-Karten erstellt.
Lieber Erneuerbare Energien statt LNG-Gas
Zunächst einmal beginnt er jetzt ein Praktikum bei der Deutschen Umwelthilfe. Die hat auch die Konferenz „Systemfrage Gas“ organisiert, bei der er in Berlin war. Zu den Referenten gehörten Grüne wie Jürgen Trittin, die Fridays-for-Future-Sprecherin Luisa Neubauer, aber auch Alexander Bercht vom Vorstand der IGBCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie).
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„Das Problem der Arbeitsplätze und der teuren Energie sehen wir Grünen natürlich auch“, sagt er. Doch es sei sinnvoller, auf Dekarbonisierung und den Ausbau erneuerbarer Energien, Speicher- und Netzkapazitäten zu setzen, denn Gas, insbesondere LNG-Gas, sei teuer und werde immer teurer - ganz zu schweigen von der Wirkung auf das Klima. Die Gaslobby beeinflusse die Politik sehr stark.
Die A20-Planung direkt nebenan
Das Aufwachsen auf dem Hof, auf ehemaligem Moorboden, hat Lüdders für Umweltfragen sensibel gemacht. Nebenan liegt ein ehemaliges Torfabbaugebiet, das renaturiert werden soll. Ebenfalls nebenan soll die A20 gebaut werden - auf bestem, CO2-speichernden Moorboden. „Mit 14 habe ich herausgefunden, dass unsere Region auch besonders von steigenden Meeresspiegeln betroffen ist. Ich fand das so schlimm, dass ich etwas unternehmen wollte.“ So kam er zum Jugendbeirat.
Martin Lüdders setzte sich dafür ein, dass die marode Elbmarschenschule saniert wird. Er sprach mit dem Hausmeister, regte eine Wärmepumpe und ein Photovoltaik-Dach an. Die Sanierung des Radwegs zur Schule an der L111 war ein weiteres Projekt. „Der Bürgermeister setzt sich ein, aber es geht zu langsam“, sagt Martin Lüdders. Deshalb ließ er sich für den Gemeinderat aufstellen - und wurde prompt gewählt.
Fridays for Future: Lieber ohne Schule schwänzen
Bei Fridays for Future war Lüdders auch aktiv. Nur eins gefiel ihm nicht: „Ich wollte die Schule nicht schwänzen, weil ich es so wichtig fand zu lernen.“ Manchmal sei es frustrierend zu sehen, dass immer wieder Gaskraftwerke gebaut und Tankrabatte beschlossen werden. Unter seinen Freunden gebe es einige, die deshalb Angst vor der Zukunft und Wut im Bauch haben. „Ich glaube aber, dass es nur besser werden kann, wenn man sich einsetzt. Sonst darf man sich auch nicht beschweren.“
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