TBlinde Zerstörungswut? Trauerstelle in Buxtehude zwei Mal vernichtet
Das Foto zeigt die erste Gedenkplakette an der Holzbank am Mühlenteich, bevor Unbekannte sie gewaltsam entfernt haben. Foto: Lentz
Eine Plakette an einer Sitzbank in Buxtehude erinnert an den tragischen Tod eines jungen Mannes. Unbekannte entfernen sie rabiat. Wie sich die Betroffenen fühlen.
Buxtehude. Kratzer im Holz, dazu Bohrlöcher, in denen die Schrauben fehlen: Die Spuren an einer öffentlichen Sitzbank am Mühlenteich im Buxtehuder Stadtteil Altkloster wirken unscheinbar. Doch das Entsetzen, das sie auslösen, ist groß. Denn offenbar von blinder Zerstörungswut betroffen ist das Gedenken an den Tod eines jungen Mannes.
Die Spuren im Holz erinnern daran, dass hier Plaketten in Gedenken an einen Verstorbenen befestigt waren. Unbekannte haben mittlerweile zwei Mal die Trauerstelle an der Sitzbank am Mühlenteich zerstört. Foto: Sulzyc
An der Sitzbank befestigt war seit dem Frühjahr eine Plakette. Diese erinnert an Kevin, der im Alter von 32 Jahren auf tragische und nie geklärte Weise ums Leben kam. Das TAGEBLATT nennt den Nachnamen nicht, weil Freunde des Verstorbenen und nicht die in Mannheim lebende Familie den Fall um die zerstörte Erinnerungsstätte in Buxtehude öffentlich gemacht haben.
An diesen Todesfall erinnert die Plakette
Medien in ganz Deutschland berichteten im Januar in kurzer Form über den Todesfall. Wenig war bekannt: Die Feuerwehr habe in Hamburg einen toten Mann aus der Elbe geborgen. Sein lebloser Körper sei gegen Mittag in Höhe des Holzhafens im Wasser entdeckt worden.
Die Identität des Toten war zunächst nicht bekannt. Später stellte sich heraus: Es handelt sich um Kevin. Freunde berichten: Kevin habe in der Nacht zum 17. Januar auf dem Kiez in Hamburg-St. Pauli mit ihnen gefeiert. Er habe sich frühzeitig von ihnen verabschiedet und sei allein fortgegangen. Was danach geschah, ist nicht bekannt.

Finnan (von links), Hajo und Jannis Lentz sitzen auf der Holzbank, an der eine Plakette in Gedenken an ihren verstorbenen Freund befestigt war. Zwei Mal haben Unbekannte jeweils eine Plakette gewaltsam entfernt. Die Kratzer im Holz sind Spuren davon. Foto: Sulzyc
Familie Lentz, die in Buxtehude und Wiegersen lebt, fühlt sich Kevin besonders eng verbunden. Wie ein Ziehsohn sei Kevin für ihn gewesen, sagt der 63 Jahre alte Hajo Lentz. Seine Söhne waren mit Kevin befreundet. „Er war wie ein Bruder“, sagt sein Schulfreund Jannis Lentz (31). Kevin habe zeitweilig bei ihnen gewohnt, Weihnachten und andere Festtage bei ihnen verbracht.
Kevin war offenbar sehr beliebt. Das zeigt die große Anteilnahme in sozialen Netzwerken nach seinem Tod. Ihre Trauer verarbeiteten Freunde und Bekannte in Buxtehude bei einer Abschiedsparty in der Club- und Eventlocation Studio 21, wo Kevin gearbeitet hat.
Die offizielle Trauerfeier fand in Zeven statt. Beigesetzt ist Kevin in Mannheim, wo seine Familie lebt.
Bei der Trauerstelle helfen die Städtischen Betriebe
Die Idee zu einer Trauerstelle in Buxtehude fasste die Familie Lentz. Buxtehude sei Kevins selbst gewählte Heimat gewesen, sagt Jannis Lentz. Private Trauerstellen in Deutschland sind zum Beispiel von Landstraßen bekannt, an denen Kreuze an Verkehrstote erinnern.
Auf die Idee einer Plakette kam seine Schwester Nele, erzählt Jannis Lentz. Sein Vater Hajo habe die Stadtverwaltung um Erlaubnis gefragt - mit Erfolg. Mitarbeiter der Städtischen Betriebe hätten die Gedenkplakette an einer Sitzbank am Mühlenteich fachgerecht befestigt - zunächst mit Schrauben. Die Plakette hat Finnan Lentz (28) anfertigen lassen. 150 Euro kostet sie.
Am Mühlenteich in Altkloster habe sich Kevin besonders gerne aufgehalten und die Enten beobachtet - das sei der Grund für den Standort der Trauerstelle.
Angehörige kommen mehrmals pro Woche an den See
„Tjioo, jetzt sitzt ihr hier alle auf meiner Bank. Kevin, der Entenliebhaber“, lautet die Inschrift der Plakette. „Tjioo“ sei ein im Freundeskreis bekannter Ausdruck, erklärt Finnan Lentz. Etwas für Insider. Die Formulierung sei bewusst heiter gewählt. Das passe zu Kevin, hätte ihn gefreut, sagt Finnan Lentz.
Zwei bis drei Mal in der Woche besuchen Angehörige der Familie Lentz die Trauerstelle, meistens jeweils allein. Auch andere Freunde kämen gelegentlich dorthin. Sie säßen dann auf der Bank und blickten auf den Teich. „Ich höre dann Musik und denke an Kevin“, sagt zum Beispiel Jannis Lentz.

Das Bild zeigt die Sitzbank am Mühlenteich im Buxtehuder Stadtteil Altkloster, die für manche Menschen Gedenkstätte an einen verstorbenen Freund ist. Foto: Sulzyc
Doch dann das: Unbekannte entfernen im April die angeschraubte Gedenkplakette, die unauffindbar bleibt.
Mit einer zweiten Plakette an derselben Sitzbank stellt Familie Lentz die Trauerstelle wieder her. Wieder mit Unterstützung der Städtischen Betriebe. Dieses Mal ist die Plakette mit Klebstoff befestigt.
Das sagen Betroffene zu dem Fall
Die Inschrift kommt in einem kleinen Detail verändert daher: „In Gedenken“, steht zusätzlich darauf - um den Charakter einer Trauerstelle deutlich zu machen. Aber das nützt nichts: Im Juni ist die Trauerstelle ein zweites Mal mit Gewalt zerstört, die zweite Plakette verschwunden.
Fassungslos zeigen sich Betroffene von so viel Zerstörungswut. „Das ist respektlos dem Toten gegenüber“, sagt Jannis Lentz. Wie sehr ihn das bewegt, erklärt sein Bruder Finnan so: „Das macht mich traurig. Kevin kommt nicht einmal im Tod zur Ruhe.“
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