Zähl Pixel
50 Jahre Sturmflut

TBrüllendes Vieh und tosender Orkan: Als der Deich in Drochtersen brach

Bei Drochtersen brach der Deich gleich mehrfach. Das Problem war nicht das überströmende Wasser. An der damals noch steilen Innenböschung wirbelte das Wasser und riss binnendeichs große Stücke aus dem Schutzwall.

Bei Drochtersen brach der Deich gleich mehrfach. Das Problem war nicht das überströmende Wasser. An der damals noch steilen Innenböschung wirbelte das Wasser und riss binnendeichs große Stücke aus dem Schutzwall. Foto: TAGEBLATT-Archiv

Der Orkan wütet, das Wasser stürmt gegen den Deich. Vor 50 Jahren bricht der Deich bei Drochtersen. Mehrfach. Zeitzeugen erinnern sich an eine verheerende Sturmflut mit Angst und Schrecken.

author
Von Susanne Helfferich,
author
Von Grit Klempow
Samstag, 03.01.2026, 07:50 Uhr

Drochtersen, Freiburg. Am frühen Morgen des 3. Januar 1976 wurde eine schwere Sturmflut für den Nachmittag angesagt. Das Orkantief Capella trieb Sturmböen mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 150 Stundenkilometern gegen die norddeutsche Küste. Seit der verheerenden Flut im Februar 1962 arbeiteten die Deichverbände daran, einen neuen Schutzdeich an die Elbe zu legen. Aber der war noch nicht überall fertig.

20 Deichbrüche registrierten die Behörden vor 50 Jahren. Nordkehdingen kam in jener Nacht glimpflich davon, in Cranz blieb der umkämpfte Deich intakt. Aber in Drochtersen kam es mit drei Grundbrüchen zur Katastrophe.

Neuer Deich ist in Nordkehdingen noch nicht fertig

„Der neue Deich war damals erst halb fertig“, erzählt Jens Giese, aufgewachsen in Esch. Er war damals 17 Jahre alt und erinnerte sich noch an die 1962er Flut. „Wir wussten von 62, was passieren kann. Manche Geschäfte sind damals komplett abgesoffen.“ Also fuhr er nach Freiburg, um zu sehen, ob er helfen kann.

Das Wasser strömt durch Freiburg.

Das Wasser strömt durch Freiburg. Foto: Zeitungsverlag Krause

Freiburgs Ortskern liegt auf einer Wurt, die mit dem Winterdeich abschloss und so den Ortskern sicherte. Doch der Hafen und die tiefer liegenden Häuser waren gefährdet. Die Pferde wurden aus der zwei Jahre alten Reithalle evakuiert. Sonst wären sie in ihren Boxen ertrunken. Jens Giese packte in Freiburg mit an, bei wildfremden Leuten Möbel in die oberen Stockwerke zu schaffen.

Deichbruch in Dornbusch ist in Freiburg zu spüren

Gieses Schulfreund Christian Schmidt stand zu der Zeit mit Feuerwehrleuten draußen beim Freiburger Sperrwerk auf dem Deich. „Das Wasser stieg und stieg“, erinnert er sich, „es tobte, klatschte gegen den Deich. Es war gespenstisch - und gefährlich für den Deich.“

Jens Giese (links) und Christian Schmidt erlebten die Januarflut 1976 in Freiburg mit.

Jens Giese (links) und Christian Schmidt erlebten die Januarflut 1976 in Freiburg mit. Foto: Helfferich

Dann kam über Funk die Information, dass in Dornbusch der Deich gebrochen war. „Während sich dort die Leute in Sicherheit brachten, merkten wir in Freiburg, wie der Wasserspiegel sank, obwohl der Sturm nicht nachgelassen hatte.“

Diesen Moment erinnern auch andere. Als wäre ein Stöpsel gezogen worden. Davon erzählt Volker von Bargen beim Gesprächssalon der AG Osteland in Freiburg. Er stand am Sturmtag in Wischhafen am Deich. Die Feuerwehr hatte die Deichlücke am Hafen geschlossen. Aber der Orkan drückte das Wasser gegen den Deich.

„Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Sorgen wegen des Wassers hatte. Der Deich wurde ganz wabbelig.“ Gerade wollte seine Frau mit dem Kind andernorts Zuflucht suchen, da fiel das Wasser. „Sichtbar. Der Druck war weg. Ich hab gesagt, jetzt kannst du auch zu Hause bleiben.“

Deichbruch bei Drochtersen: Durch die steile Böschung der alten Deiche zerstört überströmendes, wirbelndes Wasser den Schutzwall binnendeichs.

Deichbruch bei Drochtersen: Durch die steile Böschung der alten Deiche zerstört überströmendes, wirbelndes Wasser den Schutzwall binnendeichs. Foto: TAGEBLATT-Archiv

Ein anderer Zeitzeuge ist der Himmelpfortener Manfred Wolff. „Plötzlich war der Deich im Bereich Nindorf gebrochen. Das habe ich von weitem gesehen. Das Wasser ging durch das Dorf ins Moor“, berichtet Wolff, der Ingenieur beim Wasserwirtschaftsamt Stade und zuständig für den Bereich Kehdingen war. „Wir hatten Anweisung, die Deiche zu begehen und Meldung zu machen.“

Pegelstand kurz unter der Deichkrone

Wolff fuhr nach Drochtersen. Der Deich, die heutige zweite Deichlinie, hatte eine Höhe von knapp sechs Metern. Die Flut stieg auf 5,76 NN. „Es fehlten nur noch ein paar Zentimeter - und das ohne den Wellenschlag.“

Manfred Wolff war Ingenieur beim damaligen Wasserwirtschaftsamt Stade und am Sturmtag auf dem Drochterser Deich unterwegs.

Manfred Wolff war Ingenieur beim damaligen Wasserwirtschaftsamt Stade und am Sturmtag auf dem Drochterser Deich unterwegs. Foto: Klempow

Wolff sah den Deichbruch in Nindorf aus der Ferne. Später erfuhr er, dass das Wasser beim dritten Grundbruch am Nachmittag in Drochtersen auch direkt durch einen Viehstall lief. Die an Ketten angebundenen Kühe ertranken. Massenhaft verreckte das Vieh bei dieser Flut, die nicht nur laut und tosend, sondern auch leise heranrollte.

Weit hinter dem Deich, in Hüll, war auch Familie Schlichting klar, dass sich etwas zusammenbraute. „Wir hatten keinen Strom und mussten die Kühe mit der Hand melken“, so Richard Schlichting beim Salon der AG Osteland. Einsatzkräfte der Feuerwehr wurden in Drochtersen zum Mühlenhafen gerufen.

Richard Schlichting, Deichgraf Deichverband Kehdingen-Oste: „Wir sind um unser Leben gelaufen.“

Richard Schlichting, Deichgraf Deichverband Kehdingen-Oste: „Wir sind um unser Leben gelaufen.“ Foto: Klempow

Schlichting und ein Trupp von zwölf Mann hatten einen anderen Auftrag: die Sietwende mit Sandsäcken zuzumachen. Sie marschierten bei der Gastwirtschaft Bartels los. Aber was war das Weiße in der Ferne? „Es war der Schaumteppich auf dem Wasser“, so Schlichting. Das Wasser rollte schon heran. „Wir sind um unser Leben gelaufen“, so der heutige Deichgraf.

Gefährlich: Mit dem Trecker durchs Wasser

Zu Hause warnte er die Familie, holte die Nachbarn aus dem Bett. Das Eingemachte wurde aus dem Keller geräumt. „Für uns war das eine ganz schlimme Nacht.“ Mit dem Traktor fuhr er am nächsten Tag los, um Bekannten zu helfen, orientierte sich im Wasser an den Telefonmasten, der Trecker sackte weg, fing sich wieder. Jede Fahrt war gefährlich, auf unsichtbaren Straßen, entlang tiefer Gräben.

Gefährliches Unterfangen: Die Landwirte in Kehdingen mussten sich ihren Weg auf unsichtbaren Straßen suchen.

Gefährliches Unterfangen: Die Landwirte in Kehdingen mussten sich ihren Weg auf unsichtbaren Straßen suchen. Foto: Zeitungsverlag Krause

Auch Bert Frisch tuckerte durchs überflutete Moor. Das Haus seiner Eltern stand in Hüll. Aus Oberndorf fuhr er mit seinem „Ackermoped“, dem kleinen Hanomag, ins Moor, hinten dran der Trailer mit dem Ewer-Boot aus Eiche. „Wir haben erlebt, dass Sturmflut erst mal nicht gewaltig ist, sondern heimtückisch und leise.“ Aus kleinen Gräben auf dem Hof stieg das Wasser, „immer schneller und schneller“.

Rettungsfahrten mit dem Boot im Moor

Überall retteten die Menschen ihre Habseligkeiten und sich selbst auf die Böden. Tagelang waren Frisch und seine Mitstreiter von der Feuerwehr mit dem Trecker unterwegs. „Wir sind durch das Wasser gefahren, bis das Boot aufschwamm.“ Auch Wathosen gab es von der Feuerwehr. Denn: „Wenn das Wasser, 2 bis 3 Grad kalt, in die Stiefel kam, war das ein fürchterliches Gefühl, ein regelrechter Schmerz, das durfte nicht passieren.“

Wochenlang stand das Wasser im Moor: In Hüll machte der Hilfstrupp von Bert Frisch bei Bartels fest.

Wochenlang stand das Wasser im Moor: In Hüll machte der Hilfstrupp von Bert Frisch bei Bartels fest. Foto: Archiv Bartels

Der Trupp leerte auf Bitten der Feuerwehr in den Häusern die Tiefkühltruhen. Morgens hatten sie schon einer alten Dame vom Dachboden geholfen, die vorher nicht in den Hubschrauber steigen wollte. Den Bootstrupp aber fragte sie: „Könnt ji mi mitnohm?“

Ein Schwein auf dem Sofa

Aus einem Haus an der Sietwende hörten sie ein Geräusch. „Wir kommen ins Wohnzimmer und finden auf dem Sofa: ein Schwein. Das Biest war richtig schwer. Wir haben versucht, das Schwein durch das Fenster aufs Boot zu bringen, aber es biss um sich wie blöd.“ Es stellte sich später heraus, dass dieses Schwein eineinhalb Kilometer bis in dieses Wohnzimmer geschwommen war. „Überlebt hat es nicht, es war zu unterkühlt“, so Frisch.

Magda Bartels und Bert Frisch erlebten die Flutkatastrophe vor 50 Jahren in Hüll.

Magda Bartels und Bert Frisch erlebten die Flutkatastrophe vor 50 Jahren in Hüll. Foto: Klempow

„Es war eine schreckliche Nacht. Das Vieh brüllte“, erinnert sich Magda Bartels aus Hüll beim Osteland-Gespräch. Kein Telefon, kein Strom. Nachmittags war die Warnung übers Radio gekommen. Ihr Mann brachte die Töchter in Sicherheit. „Abends kam die Flut, obwohl wir überhaupt nicht damit gerechnet hatten.“

„Das Wasser stand drei Wochen lang“

Sie hatten den Keller geleert, Brot und Wurst mit nach oben genommen. Die Diele soff ab, im kleinen Laden und der Gastwirtschaft stand das Wasser. „Und das Schlimmste war: Es stand drei Wochen lang bei uns. Jeden Tag fiel das Wasser nur ein paar Zentimeter.“

„Ich kann mich noch erinnern, wie ich das Boot bei euch am Briefkasten festgemacht hab“, sagt Frisch im Osteland-Gespräch zu Magda Bartels.

Der kleine Laden von Bartels in Hüll war überschwemmt.

Der kleine Laden von Bartels in Hüll war überschwemmt. Foto: Archiv Bartels

Jens Giese erzählt, dass auch in Südkehdingen das Moor über Wochen unter Wasser stand. Die Schöpfwerke waren ausgefallen. Erst Ende Februar konnten die überschwemmten Flächen wieder trockengelegt werden. „Im Grunde ist der ganze Winter damit hingegangen, dass wir unsere Tiere satt bekommen“, sagt Landwirt Schlichting aus Hüll.

Historische Aufnahme: Noch Wochen nach der Sturmflut litten im tiefer gelegenen Binnenland die Menschen unter der Überflutung.

Historische Aufnahme: Noch Wochen nach der Sturmflut litten im tiefer gelegenen Binnenland die Menschen unter der Überflutung. Foto: Zeitungsverlag Krause

Anlässlich des 50. Jahrestags der Flut vom 3. Januar 1976 veröffentlicht das TAGEBLATT die historischen Ausgaben mit der Berichterstattung über die Jahrhundertflut. Das Extrablatt vom Sonntag, 4. Januar, und die TAGEBLATT-Ausgaben vom 5. und 6. Januar gibt es ab Sonnabend, 3. Januar 2026, auf www.tageblatt.de.

E-Paper: 50 Jahre Flut

Anlässlich des 50. Jahrestags der Flut vom 3. Januar 1976 veröffentlicht das TAGEBLATT die historischen Ausgaben mit der Berichterstattung über die Jahrhundertflut. Hier lesen Sie das E-Paper dazu.

Copyright © 2025 TAGEBLATT | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.

Die Redaktion empfiehlt
Weitere Artikel