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Zeitreise

TClaudia vom Bahnhof: Erinnerungen an eine Kindheit in Stade

Claudia Schütte wuchs im und am Stader Bahnhof auf.

Claudia Schütte wuchs im und am Stader Bahnhof auf. Foto: Strüning

Ihr Blick vom Kinderzimmer ging auf Gleis 1. Das gesamte Areal war ihr Spielplatz. Viel ist davon heute nicht mehr zu sehen, aber Claudia Schütte (59) erinnert sich zu gern daran.

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Von Lars Strüning
19.10.2026, 07:00 Uhr

Stade. Claudia Schütte lebt heute in Wilster in Schleswig-Holstein. Sie hieß damals noch Dietrich. Mit vier Jahren zog sie 1971 mit ihrer fünfköpfigen Familie in das Gebäude Am Bahnhof 14. Ihr Vater war Seemann und wollte ansässig werden. Er heuerte bei der Bahn an und bezog die Dienstwohnung.

Claudia Schütte wohnte dort, wo heute der ZOB ist

Das Gebäude in Verlängerung des heutigen Bahnhofs, dort, wo heute der ZOB ist, gibt es zu ihrem großen Bedauern schon lange nicht mehr. Ebenso wenig wie die beiden großen Kastanien dort. Oder den Bahnhofsvorsteher. Oder die Gepäckabfertigung. Oder die Schließfächer. Das alles und noch viel mehr war einmal Claudias Welt, als die Stader Postleitzahl mit 216 noch dreistellig war und die Telefonnummern nur vier Ziffern hatten.



Der Bahnhofsvorsteher.
„Vorsicht an der Bahnsteigkante.“ Viele werden diese Lautsprecheransage noch kennen. Sie kam aus einem kleinen gläsernen Kasten mit Pult und vielen Knöpfen, mit denen auch das Licht an den Gleisen geregelt wurde. „Das sah für uns aus wie Raumschiff Enterprise.“ Die Ansagen sind Kult: „Stade, Stade, hier ist Stade.“ Oder: „Es fährt ein auf Gleis 1 der Zug von Hamburg zur Weiterfahrt nach Cuxhaven.“

Die Trillerpfeife zur Abfahrt und das Ticken der Uhr

Claudia Schütte kann das im Schlaf zitieren, weil sie es so oft gehört hat. Ins Gedächtnis eingebrannt haben sich auch die Signale der Trillerpfeife zur Abfahrt des Zuges und das mechanische Klicken der Bahnhofsuhren.

Das waren noch Zeiten: Eine Dampflok am Wasserturm des Stader Bahnhofs.

Das waren noch Zeiten: Eine Dampflok am Wasserturm des Stader Bahnhofs. Foto: Privat


Die Gepäckabfertigung.
Dort, wo heute das „Reisezentrum“ im alten Bahnhof von 1881 beherbergt ist, war einst die Gepäckabfertigung. Draußen gab es sogar eine Ladezone dafür. Daneben befanden sich einst die drei Fahrkartenschalter, einer war von ihrem Vater besetzt. Schließfächer, Zigarettenautomat und - nicht zu vergessen - der Zeitungsstand waren ebenfalls vertreten. An diesem kleinen Kiosk gab es tatsächlich nur Zeitungen und Zeitschriften, erinnert sich Claudia Schütte. Sie stand gern hinterm Tresen und half aus. „Hier trafen sich alle.“



Die Koffer-Kulis.
Die Koffer-Kulis und die E-Karren waren sehr wichtig für den damaligen Bahnhofsbetrieb, sagt Claudia Schütte. Die E-Karren beförderten Koffer und Co. von der Gepäckabfertigung im Bahnhof zum Gepäckwagen am Ende des Zuges. Koffer-Kulis waren für die Reisenden damals überall vorhanden, um ihre schweren Gepäckstücke im Bahnhof zu bewegen.

Werner war Rangierer und ihr „bester Kumpel“

Der Rangierer. „Werner war mein allerbester Kumpel“, sagt Claudia Schütte. Sie hat ihn als kleines Mädchen bewundert, wie er selbstsicher den gefährlichen Job zwischen Lok und Waggons meisterte. „Jeder Handgriff saß, das war faszinierend für mich als Kind“, erinnert sie sich.

Wenn die Bahn auf den Gleisen rangierte und an ihrem Zimmer vorbeirollte, schallten „Claudia“-Rufe über den Bahnhof. Werner rief seine kleine Freundin und lud sie nicht selten auf eine kleine Spritztour in den Waggons mit ein. Ein Abenteuer, „heute nicht mehr denkbar“.

Die Bahnhofskneipe. „Hier habe ich meine erste Brause getrunken, da schießen mir doch die Tränen in die Augen“, sagt Claudia Schütte, als sie wortreich im heutigen Bahnhof steht und die alten Strukturen erklärt. Wenn sie Freizeit hatte, ging sie die sechs Stufen von ihrer Wohnung und durch den Torbogen gern Richtung Bahnhofskneipe, um ihre gleichaltrige Freundin zu treffen, die Tochter der Wirtin.

Flohwalzer auf dem Klavier im Saal der Kneipe

Die Gaststätte hatte damals noch zwei Säle, im hinteren stand ein Klavier. Das dynamische Duo übte darauf den Flohwalzer ein. „Hier habe ich viel Zeit verbracht, und es war das Schönste für mich, wenn wir auf dem Klavier herumklimpern konnten.“ Keine Frage: Der Bahnhof und sein Umfeld hat ihre Kindheit geprägt.

Der Stader Bahnhof in alten Zeiten.

Der Stader Bahnhof in alten Zeiten. Foto: Privat


Tante Holsten und die Milchbar.
Die Milchbar an der Hohentorsbrücke zur Bahnhofstraße hieß bei Claudia und ihren Freundinnen nur MiPi. Oben gabs Milch, unten konnten sie pinkeln. Im Hansa-Grill nebenan musste sie immer Hackbraten mit Kartoffelbrei für ihren Vater besorgen. Mit ganz viel Soße. Dann war da noch Angelo.

„Das war mein Schatz“, sagt Claudia Schütte. Kein Wunder: Hier, bei den Rizzardinis, die auch am Pferdemarkt Eis verkauften, konnte sie sich jeden Tag eine Kugel abholen. Die hat damals 20 Pfennige gekostet, für Claudia war sie kostenlos. Oder Tante Holsten vom Kiosk gegenüber dem Bahnhofseingang. Die hieß so, weil sie das gleichnamige Bier verkaufte.

„Klingelstreich“ mit der Alarmsäule am Übergang

Am alten Bahnübergang stand mitten auf einer Verkehrsinsel eine grüne Säule mit orangefarbener Leuchte. Die sollte gedrückt werden, wenn es Probleme wie einen Unfall am Übergang gab. Für die Kinder eine wunderbare Einladung für kleine Streiche...

Der Güterbahnhof. „Da war früher ein richtiges Treiben“, sagt Claudia Schütte. Schüttgut, Kohle oder Gepäckstücke wurden verladen. Claudia und ihre Schwester spielten hier gern auch Verstecken in den Höhlen unter den Verladerampen. Ein weiteres kleines Abenteuer.

Mit vier Jahren zog Claudia Schütte 1971 mit ihrer fünfköpfigen Familie in das Gebäude Am Bahnhof 14.

Mit vier Jahren zog Claudia Schütte 1971 mit ihrer fünfköpfigen Familie in das Gebäude Am Bahnhof 14. Foto: Strüning

Ebenso nicht ganz legal waren ihre Besuche im Aufenthaltsraum für die Bahner, der zusammen mit der Dienstwohnung von Claudias Familie und dem Büro des Bahnhofsvorstehers in einem Gebäude untergebracht war. Wenn die schmale, schwarze Tür einen kleinen Spalt offenstand, schlüpfte Claudia neugierig hinein. Sie sog den Tabakgeruch auf und bewunderte den Cola-Automaten.

Spuren der Kindheit. Claudia Schütte hinterließ auch Spuren im Bahnhofsumfeld. Zusammen mit ihrer Freundin ritzte sie ein Herz und mit C und V die beiden Anfangsbuchstaben ihrer Namen in die Rinde eines Ahorns am Hang zum Burggraben. Das ist 50 Jahre her. Bei einem Ausflug fanden die beiden das Symbol ihrer Freundschaft wieder und erneuerten es in diesem Jahr ein paar Bäume weiter an einer dünnen Pappel.

Nur ein paar Schritte weiter, auf der Güldenstern-Bastion, gab es den ersten Kuss von ihrem späteren Ehemann. Es war der Bruder ihrer damals besten Freundin. Die lebten auf einem Hausboot am Burggraben/Holzhafen. Doch das ist eine andere Geschichte.

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