TDas war knapp: Wie Jörg Petersen und sein Team Freiburgs Kornspeicher retteten
Jörg Petersen ist seit zehn Jahren Vorsitzender des Kornspeicher-Vereins in Freiburg - und damit einer von vielen Helfern, die dafür sogen, dass Leben im historischen Haus ist. Foto: Schröder
Ein mitgehörtes Gespräch, ein TAGEBLATT-Artikel und ein großes Team mit viel Herz für Geschichte und Kultur verhinderten den Abriss des Kornspeichers Freiburg. Jörg Petersen ist einer von ihnen.
Freiburg. Jörg Petersen sitzt auf der großen Holzterrasse des „Historischen Kornspeichers“ in Freiburg. Die Sonne scheint, vor ihm auf dem Tisch steht ein Pott Kaffee, sein Blick geht in Richtung Hafenpriel, wo Schiffe liegen und Spaziergänger ihre Runden drehen.
Gerade hat er eine Besuchergruppe durch den 1742 gebauten Kornspeicher geführt, den es ohne ihn und viele andere Menschen nicht mehr geben würde. Quasi in letzter Minute wurde vor knapp 25 Jahren dessen Abriss verhindert. Es war die Geburtsstunde einer ganz besonderen Bürgerinitiative.
Viel Leben hinter schmucker Fassade
Der „Historische Kornspeicher“ ist weit mehr als ein denkmalgeschütztes Gebäude mit schmucker Fassade. In dem Haus stecken Leben und Kreativität.
Ob Ausstellungen, „Kinder-Uni“, Kino-Abende, Kulturveranstaltungen, Yoga-Kurse, private Feiern, Workshops oder auch Trauungen: „Wir haben für 2025 Buch geführt: An 270 Tagen im Jahr war hier immer etwas los. Das reicht von regelmäßigen Vereinstreffen bis zu größeren Veranstaltungen“, sagt Jörg Petersen.
„Eigentlich sollten es nur zwei Jahre werden“
Der 76-Jährige ist kein Freiburger Urgestein. Er wuchs in einem Dorf bei Neumünster auf, absolvierte in Hamburg sein Abitur und studierte in Göttingen.
In Freiburg trat er seine erste Stelle als Lehrer an: „Eigentlich sollten es nur zwei Jahre werden“, erinnert er sich. Doch es kam anders. Gemeinsam mit seiner Frau und beiden Kindern schlug er dort Wurzeln, engagierte sich im Ort, ob beim Segeln oder in der Kommunalpolitik oder auch in Balje im „Mittelalterdorf“. Schließlich trieb er in Freiburg eine Schulform voran, die man heute in Niedersachsen unter dem Begriff „Oberschule“ kennt.
Marodem Speicher drohte der Abriss
Im Jahre 2002 erlebte er als Zuhörer einer Sitzung, dass der Freiburger Rat am Ende der Städtebauförderungsphase beschloss, den maroden Kornspeicher abzureißen. Kopfschüttelnd verließen er und eine weitere Freiburgerin die Sitzung und unterhielten sich darüber, dass es doch keine Lösung sein könne, nach dem Motto: Aus dem Auge, aus dem Sinn.

Der „Historische Kornspeicher“ in Freiburg soll „ein Haus für alle“ sein. Entsprechend groß ist die Bandbreite der Nutzungsmöglichkeiten. Foto: Schröder
Eine damalige TAGEBLATT-Redakteurin habe das mitbekommen. Wenig später hieß es in ihrem Bericht, dass Petersen eine Bürgerinitiative gründen wolle. „Kaum war der Artikel erschienen, meldeten sich viele Menschen bei mir und wir haben gemeinsam losgelegt, um den Abriss, der in wenigen Tagen beginnen sollte, zu verhindern.“ In der Landeshauptstadt Hannover wurde man auf den Fall aufmerksam und untersagte der Gemeinde kurzfristig, die Bagger anrücken zu lassen.
Viele Freiwillige packten mit an
Die Bürgerinitiative, deren Mitgliederzahl schnell wuchs, stand nun in der Pflicht, wie es denn weitergehen sollte. Der inzwischen gebildete Verein, der nach und nach mehrere Hundert Unterstützer aus der Region hatte, setzte alle Hebel für eine Sanierung in Bewegung.
Mithilfe von freiwilligen Helfern, Sponsoren und Fördertöpfen gelang es, Dach, Fenster und Fassade wetterfest zu gestalten. Freiwillige sicherten dabei jeden Stein, der nach dem Abbruch eines Anbaus übrig war, in Handarbeit.
Außen hui, innen pfui? Es fehlte für den Innenausbau schlichtweg das Geld. Einzelne Sponsoren sprangen ein und im Laufe der Jahre gelang es, öffentliche und private Finanzquellen zu erschließen, um den Kornspeicher als einen Treffpunkt für die Bevölkerung zu etablieren und die Kultur zu fördern.
Nutzung auch für private Feiern
Petersen, der vor genau zehn Jahren Vorsitzender des Kornspeicher-Vereins geworden ist, betont ausdrücklich, dass man nicht nur Hilfe von außen erwarte, sondern selbst ständig aktiv sei, um die Kosten zu decken.

Auch das großzügig geschnittene Dachgeschoss bietet Platz für Aktivitäten. Foto: Petersen
Dazu zähle die Vermietung des Erdgeschosses für Veranstaltungen. Der Verein kümmere sich um die Getränkeversorgung und die speziellen Gestaltungswünsche der Mieter - und profitiere davon. Alles andere sei Sache eines Caterers.
Viele Netzwerke aufgebaut
Derartige Einnahmen sind nur Mittel zum Zweck, um den Betrieb des „Historischen Kornspeichers“ als Begegnungszentrum in sozialer und kultureller Form überhaupt zu ermöglichen. Im Dachgeschoss ist zurzeit eine Bilderausstellung zu sehen, am 15. August steht das „Lichterfest“ bevor, der „Horst Schlämmer“-Kinofilm folgt im September, und es gibt einen Lichtbildervortrag zu alten Fotografien aus Kehdingen.
Eigentlich können Jörg Petersen und der weit über 500 Mitglieder starke Kornspeicher-Förderverein zufrieden sein. Nicht ganz, denn hinter und vor den Kulissen müssen viele Arbeiten erledigt werden, für die man gerade jüngere Menschen sucht, die sich in das ambitionierte Projekt einbringen: „Da muss sich etwas bewegen.“ Nur so könne sichergestellt werden, dass die Ursprungsidee vor knapp 25 Jahren auch künftig in einer solch dörflichen Region gelebt und weiterentwickelt werde.
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