T„Erschreckend“: Harsefelder Schüler reagieren auf NS-Schicksale
Fritzi Meyer (links) und Marlena Beilke aus der 11. Klasse des AGG sind beeindruckt von der Wanderausstellung #StolenMemory. Foto: P. Meyer
Ein Container voller Geschichte steht derzeit auf dem Schulhof des Aue-Geest-Gymnasiumse. Die Schicksale, die darin vorgestellt werden, berühren vier Schülerinnen besonders.
Harsefeld. Als sich die Türen des bunt gestalteten Überseecontainers auf dem Schulhof des Aue-Geest-Gymnasiums öffnen, führt der Weg für die Schülerinnen und Schüler hinein in eine andere Zeit. Auf Plakaten sind Uhren, Ringe, Fotos oder Brillen zu sehen. Alltägliche Dinge, die oft das letzte sind, was von ihren durch das NS-Regime verfolgten Besitzerinnen und Besitzern geblieben ist. Darunter sind ihre Geschichten in kurzen Porträts vorgestellt.
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Die Wanderausstellung #StolenMemory der Arolsen Archives macht noch bis zum 11. März Station in Harsefeld.
Tausende Gegenstände warten auf Rückgabe
Was hier gezeigt wird, sind Effekten, also persönliche Gegenstände, die Häftlingen bei ihrer Einlieferung in Konzentrationslager genommen wurden. Tausende solcher Umschläge lagern noch heute im Archiv in Bad Arolsen. Seit 2016 suchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit nach Angehörigen, um ihnen diese Erinnerungsstücke auszuhändigen.

Dr. Ramona Bräu-Hergert von den Arolsen Archives (links) gemeinsam mit Initiatorin und Lehrerin Sophia Großkopf. Foto: P. Meyer
„Wir wollen nicht nur bewahren, sondern auch zurückgeben“, sagte Dr. Ramona Bräu-Hergert zum Auftakt der Ausstellung am Gymnasium. Bis Ende 2024 konnten ungefähr 1000 Effekten an Familien übergeben werden. Jede Rückgabe sei mit intensiven Gesprächen verbunden, oft mit sehr emotionalen Momenten.

Schauten sich die Ausstellung an: Marlena Beilke (von links) und Fritzi Meyer aus der 11. Klasse gemeinsam mit den Zehntklässlerinnen Lilian Thielking und Lina Dankers. Foto: P. Meyer
Im Container auf dem Schulhof stehen an diesem Vormittag vor allem Schülerinnen und Schüler. Für viele von ihnen bekommt der Unterrichtsstoff hier eine neue Dimension. „Es ist eine interessante Erfahrung, die Namen mit den Gegenständen zu verbinden“, sagt Schülerin Fritzi Meyer (17). NS-Geschichte sei im Schulbuch häufig abstrakt - hier bekomme sie ein Gesicht. „Die Ausstellung verdeutlicht, dass es echte Menschen waren.“ Eheringe, Füller oder Armbänder: Es sind Dinge, die jemand täglich bei sich trug, die ihm etwas bedeuteten.

Diese Ringe gehörten Alma Gulbis aus Lettland. 1944 wurde sie von der SS als "politischer Häftling“ registriert und ins KZ Stutthof deportiert, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Bis heute suchen die Arolsen Archives Angehörige. Foto: Arolsen Archives
Für die Elftklässlerin hat vor allem die Rückgabe der Gegenstände eine besondere Bedeutung. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, keinen Bezug zu meinen Vorfahren zu haben. Ich kenne meine Oma und Uroma.“ Die Vorstellung, dass Familien oft jahrzehntelang nichts vom Schicksal ihrer Angehörigen wussten, berührt sie.

Die Wanderausstellung "Stolen Memory" macht derzeit am Aue-Geest-Gymnasium in Harsefeld Halt. Foto: P. Meyer
Auch Mitschülerin Marlena Beilke (16) zeigt sich beeindruckt von der Ausstellung. „Es ist erschreckend, wie viele Menschen Opfer wurden“, sagt sie. Die schiere Zahl der geraubten Erinnerungsstücke mache deutlich, wie systematisch die Nationalsozialisten vorgingen.
Schülerin beeindruckt von Menschlichkeit
Im Geschichtsunterricht behandeln die Klassen derzeit die Zeit des Nationalsozialismus, ein Gedenkstättenbesuch ist geplant. „Man hört immer, wie schlimm es war“, sagt Lina Dankers (15). „Aber so richtig begreift man das Ausmaß erst, wenn man sieht, was den Menschen genommen wurde. Ihr Zuhause, ihre Gegenstände, ihr ganzes Leben.“ Für sie sei deutlich geworden, welcher Identitätsraub damals an NS-Opfern begangen wurde.

DIe Zehntklässlerinnen Lina Dankers (links) und Lilian Thielking. Foto: P. Meyer
Zehntklässlerin Lilian Thielking (16) hat besonders die Geschichte von Pater Engelmar Unzeitig beschäftigt. Der Geistliche, der sich öffentlich für verfolgte Juden eingesetzt hatte, wurde 1941 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Dort pflegte er typhuskranke Mithäftlinge und starb im März 1945 selbst an der Krankheit. Seine Taschenuhr und zwei Ordensmedaillen zählen zu den wenigen erhaltenen Effekten aus Dachau.
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2016 nahm seine Ordensgemeinschaft die persönlichen Gegenstände entgegen. „Mich hat beeindruckt, dass er unter diesen Umständen anderen noch geholfen hat“, sagt Lilian Thielking. „Dass jemand selbst dort Menschlichkeit bewahrt hat.“
Ausstellung will Geschichte greifbar machen
Die Ausstellung selbst ist bewusst niedrigschwellig konzipiert. Der Container, der seit 2020 durch Europa reist, steht in Harsefeld auf dem Schulhof. Er ist während der Schulzeit aber auch offen für Besucher aus dem Ort. Die Idee zu diesem Format entstand während der Corona-Pandemie. Inzwischen sind insgesamt vier Container unterwegs, die Termine sind bis auf zwei Jahre ausgebucht.

Die Wanderausstellung "Stolen Memory" macht derzeit am Aue-Geest-Gymnasium in Harsefeld Halt. Die blau hinterlegten Plakate zeigen Effekten, die bereits zurückgegeben werden konnten. Foto: P. Meyer

Die Wanderausstellung "Stolen Memory" macht derzeit am Aue-Geest-Gymnasium in Harsefeld Halt. Foto: P. Meyer
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