TDer Schachtelhalm ist ein lebendes Fossil - seit 450 Jahren
Der Schachtelhalm und seine Widerstandskraft. Foto: Reinhard Paulin
Sie heißen Schachtelhalme wegen der ineinander verschachtelten Stielabschnitte. Sie sind uralt. Die Methusalems entstanden wahrscheinlich vor etwa 450 Millionen Jahren.
Landkreis. 150 Millionen Jahre später, in der Steinkohlenzeit vor 300 Millionen Jahren, hatten Schachtelhalme ihre beste Zeit. Giganten unter ihnen bildeten gewaltige Wälder, wurden sogar acht Meter hoch, im Querschnitt maß der Stamm mehr als einen Meter. Doch vor etwa 270 Millionen Jahren wurde es fürchterlich heiß auf der Erde. Wasser verdunstete und Salzlager entstanden. Den Schachtelhalmen ging es schlecht, aber sie überstanden auch diese schwierige Zeit.
Doch vor etwa 200 Millionen Jahren, zur Blütezeit der Saurier, war ihr Artenreichtum vorbei. Einige Schachtelhalme sind bis heute erhalten geblieben und ähneln denen vor einigen Hundertmillionen Jahren, sind aber viel kleiner im Wuchs. Das machte ihren Bautyp und ihre Fähigkeiten während fast einer halben Milliarde Jahre so besonders und erfolgreich:
Kristalle machen die Halme fest und biegsam
Erster Vorteil: Nur Schachtelhalme enthalten große Mengen an Siliziumdioxid. Die kleinen Glaskristalle verleihen den Pflanzen große Härte und Festigkeit. Die Halme sind fest und gut zu biegen – nichts haut sie um. Sie sind so widerstandsfähig, dass mit ihnen Oberflächen poliert und Hölzer geschliffen werden können.
Eine weitere Besonderheit: Die Pflanzen mögen feuchte und feste Erde. Diese Wuchsorte sind aber nur bei wenigen Pflanzen beliebt. Die Wurzelstöcke des Schachtelhalms bohren sich auch durch extrem fest gepressten Boden. Sogar eine asphaltierte Fahrdecke können die harten Halme durchstoßen.
Wurzeln bis zu sechs Meter tief
Hartnäckig sind Schachtelhalme auch. Wer einen Garten mit Schachtelhalmpflanzen hat, kennt das und weiß, wie langlebig sie sein können. Wird der Boden tief umgegraben und der Schachtelhalm entfernt - dann ist er bald wieder da. Denn die Pflanzen wurzeln bis in sechs Metern Tiefe und treiben wieder aus. Schachtelhalme sind wahre Stehaufmännchen. Sogar minikleine Wurzelstückchen können wieder austreiben und in triefender Bodennässe überdauern.
Auch die Sporen sind extrem widerstandsfähig. Angeblich sollen sie sogar nach mehr als 20 Jahren Ruhe keimfähig bleiben. Andererseits können die Sporen auch länger andauernde Trockenheit aushalten.
Sporen halten lange Trockenheit aus
Die glasharten, wehrhaften Pflanzenteile haben wahrscheinlich über viele Millionen Jahre hinweg dem Insektenfraß widerstanden. Der Fraß an Blättern anderer Pflanzen kann bereits vor etwa 250 Millionen Jahren nachgewiesen werden. Der Schachtelhalm kam dadurch nicht in Bedrängnis. Auch heute ist er bei Insekten nicht beliebt. Nur die Larven eines kleinen Käfers und eines kleinen Schmetterlings können von den harten Halmen fressen.
Die in der Erdgeschichte so erfolgreichen Schachtelhalme könnten die Welt heute weitaus flächendeckender besiedeln. Das aber schaffen die Schachtelhalme nicht, denn sie haben nicht viele Unterstützer. Die heutigen Blütenpflanzen haben durch Insekten, Vögel und Säugetiere weitaus mehr Unterstützer. Insekten bestäuben die Blütenpflanzen und mixen deren Gene bei jeder Befruchtung. Dadurch ergeben sich immer neue und erfolgreiche Angepasstheiten an die Umwelt. Vögel und Säugetiere verbreiten Samen und Früchte. Alles das zusammen macht Blütenpflanzen sehr erfolgreich.
Serie und Buch
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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