TDer Urin-Gestank beißt – Auf Kontrolle in Schrottwohnungen
In Begleitung von Ordnungsamt (Foto), Polizei, Wohnungsaufsicht und weiteren Behörden klingelt die Vertreterin des Bauordnungsamts an den Wohnungstüren. Meist werden diese schnell wieder geschlossen. Foto: Scheschonka
Die Fenster haben keinen Griff, es ist dreckig und stinkt. Dennoch wohnen dort Menschen. In Bremerhaven kontrolliert jetzt eine Taskforce verwahrloste Mietshäuser.
Bremerhaven. Die Goethestraße hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Etwa ein Dutzend Gebäude wurden saniert und sind wahre Schmuckstücke geworden. Doch eines hat sich leider nicht verändert. Es gibt immer noch viele Schrottimmobilien. Gut 70 verwahrloste Mehrfamilienhäuser im Goethequartier stehen sogar leer. Bei anderen möchte man sich nicht vorstellen, dass Menschen hier ihr Zuhause haben.
Kosten für Hausmeistertätigkeiten in Höhe von 8000 Euro
„Wir bezahlen für sechs Wohnungen im Haus die Miete“, sagt Katrin Behrmann, die beim Job-Center im Bereich Leistungsmissbrauch/Ordungswidrigkeiten arbeitet. Behrmann steht im Flur des heruntergekommenen Hauses in der Goethestraße und überprüft, ob sie die Namen der Bürgergeldempfänger auf den Briefkästen findet und ob dort noch weitere stehen.
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„Wir müssen wissen, wer hier alles wohnt“, schildert sie. Immerhin zahlt das Job-Center nicht nur die Miete, sondern auch die Nebenkosten: Etwa 8000 Euro im Jahr für Hausmeistertätigkeiten und 11.000 Euro an Müllgebühren für die sechs Wohnungen hat die Eigentümergemeinschaft in Rechnung gestellt. „Uns wurde mitgeteilt, dass die vier anderen Wohnungen im Haus leer stehen und daher alle Nebenkosten durch sechs gehen“, berichtet sie. Die Briefkästen und die Schilder an den Wohnungstüren erzählen ihr etwas anderes. Hier sind eindeutig mehr Namen zu finden. Der Zustand des Hauses erzählt noch mehr. Eine Geschichte von Vernachlässigung und Verwahrlosung. Hier soll ein Hausmeister Geld verdienen?
Eigentümer sollen in die Pflicht genommen werden
Eine neue Taskforce ist von Baustadtrat Maximilian Charlet (CDU) ins Leben gerufen worden. Das Neue ist: Die Behörden arbeiten nicht mehr allein, die Taskforce ist ämterübergreifend. Einmal die Woche soll sie künftig unterwegs sein.
„Nach vier Wochen werden wir erstmals bewerten, wie es läuft“, sagt Charlet. Er will, dass sich bei den verwahrlosten Immobilien etwas ändert. Deren Eigentümer sollen in die Pflicht genommen werden. Das häufig anzutreffende „Geschäftsmodell“, so wenig wie möglich zu investieren, gravierende Mängel in Kauf zu nehmen, da die Mieter sich nicht beschweren, aber vom Job-Center Miete und – teils überhöhte – Nebenkosten zu kassieren, soll so einfach nicht mehr funktionieren.

Blick in eine bewohnte Wohnung: Die Mieter erlauben den Zutritt. Vieles ist abgewohnt und defekt, aber Heizung und Wasser gibt es. Foto: Scheschonka
So treffen sich um 9 Uhr rund ein Dutzend Mitarbeiter. Drei Immobilien stehen auf dem Programm, bei zwei nebeneinanderliegenden Gebäuden mit insgesamt 20 Wohnungen sind Eigentümergemeinschaft und Hausverwaltung identisch. Mit dabei sind das Bürger- und Ordnungsamt, Polizeibeamte unterschiedlicher Abteilungen, Job-Center, Sozialbehörde, Wohnungsaufsicht, Bauordnungsamt und ein Mitarbeiter der Feuerwehr. Die Zusammensetzung kann sich – je nach Immobilie – ändern. „Wir bewerten vorher, welche Probleme uns wahrscheinlich erwarten“, erläutert Charlet, der dieses Mal mit beim Ortstermin ist. Auch ein Kamerateam, das im Auftrag des ZDF an verschiedenen Orten in Deutschland eine Reportage zu „Problemimmobilien“ dreht, darf dabei sein.

Katrin Behrmann vom Jobcenter überprüft die Namen an den Briefkästen. Stimmen sie überein mit den dort gemeldeten Bürgergeldempfängern? Foto: Scheschonka
Mitarbeiterin des Bauordnungsamts klopft an Wohnungstüren
Die Vorgehensweise ist festgelegt. Der Hausflur wird begutachtet. Geht das Licht? Ist die Treppe sicher? Lassen sich Fenster öffnen? Sind Baumängel zu erkennen? Mängel werden dokumentiert, wie die fehlende Geschossdecke in der Küche einer leer stehenden Wohnung, die verrosteten Stahlträger an der hinteren Hausfassade, mit Müll vollgestopfte, marode Balkone.
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Dann klopft die Bauingenieurin des Bauordnungsamts an die Wohnungstüren. Wird geöffnet, erläutert sie, dass eine Brandschutzbegehung stattfindet, und fragt: „Haben Sie Rauchwarnmelder in der Wohnung?“ Die Frage klingt wie ein Witz. Rauchwarnmelder? Hier gibt es weitaus massivere Mängel. „Ja, aber das ist unser Türöffner, die Warnmelder sind gesetzlich vorgeschrieben“, so die Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht veröffentlicht sehen möchte. So folgt gleich die Frage, ob sie nachschauen dürfe. Und die Frage, ob es Schäden gebe. Schimmel, Feuchtigkeit, kein Wasser?
Doch oft scheitert die Bauingenieurin – meist an der Sprachbarriere. Die Bewohner verstehen sie schlicht nicht. Einige wollen auch nicht. „Ohne Einverständnis dürfen wir die Wohnung nicht betreten“, sagt sie.

Einen Schließzylinder gibt es hier, aber die Wohnungstür ist wie einige im Haus an der Goethestraße defekt. Foto: Scheschonka
Alles in der Wohnung wirkt abgewohnt, vieles ist defekt
Ein Mieterpaar lässt die Gruppe rein. Zeigt einige ihrer Räume, in denen nur ein paar beschädigte alte Möbel zwischen lauter Kisten und Kästen stehen. Alles wirkt abgewohnt, vieles ist defekt. Im Bad sind Fliesen zerschlagen. In der Küche stehen Kartons voll Krimskrams. Aber es gibt Wasser, die Heizung läuft.
Es geht weiter in die Gnesener Straße, wo es von draußen mieser, aber drinnen besser aussieht als in der Goethestraße. Fast alle Fenster sind mit Tüchern verhängt. Aber im Hausflur steht sogar ein Schneeschieber. Auch hier: Kontrolle der Briefkästen. „Hier stimmen meine Angaben mit den Briefkästen überein“, so Behrmann, die zusammen mit Corinna von der Reith von der Sozialbehörde kontrolliert.
Niemand öffnet die Wohnungstür, nur ein Mann in Hausschuhen lässt sich im Flur blicken, sagt, er sei zu Besuch hier – und ist verärgert, dass das Amt die Kontrolle nicht angekündigt habe. Danach erfolgt der Gang zum „Schwarzbau“. Bei einer früheren Kontrolle war aufgefallen, dass das Erdgeschoss im Hinterhof einen Anbau erhalten hat. Irgendwer hat die Wohnung vergrößert, ohne Genehmigung. Der Schwarzbau steht noch, wie das Bauordnungsamt mit Blick in den Hinterhof festhält. Rein geht es nicht.
Und was passiert nun? „Ein großes Problem ist, dass wir als Job-Center nicht Vertragspartner der Eigentümer sind“, schildert Behrmann. Die Rechte des Job-Centers, gegen Vermieter vorzugehen, sind damit eingeschränkt. Die Mieter müssten sich gegen die Zustände wehren. Daher gehe es künftig auch darum, ihnen dabei unter die Arme zu greifen. Ansonsten haben die Behörden jetzt die Arbeit, die Brandschutz- und Baumängel festzuhalten und den Eigentümer aufzufordern, sie abzustellen. „Fehlverhalten muss geahndet werden“, sagt Charlet.
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