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TDie Bürokratin der Liebe: Erlebnisse einer Stader Standesbeamtin

Katharina Schulze im Trauzimmer im Stader Rathaus.

Katharina Schulze im Trauzimmer im Stader Rathaus. Foto: Richter

„Kaum fange ich an zu sprechen, schießen den Leuten die Tränen in die Augen“, sagt Katharina Schulze. Hier erzählt die Standesbeamtin, was sie schon alles erlebt hat.

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Von Anping Richter
Donnerstag, 29.01.2026, 19:00 Uhr

Stade. Katharina Schulze hat schon an vielen Orten Paare getraut: im Hafen an Bord der Greundiek, im Altländer Bauernhaus auf der Stader Insel, in der alten Festung Grauerort an der Elbe, im Elbe Klinikum und am öftesten natürlich im Trauzimmer des historischen Stader Rathauses.

Die große Bedeutung eines kurzen Worts: Ja

Insgesamt hat die Leiterin des Stader Standesamts schon mehr als tausend Eheschließungen erlebt - und keine war wie die andere. Doch eins war bei allen gleich: Das Jawort. „Es muss ein Ja sein. Eindeutig. Schließlich ist das ein rechtlicher Akt. Die beiden schließen den Vertrag nicht mit der Unterschrift ab, sondern mit dem Ja“, erklärt Katharina Schulze. Deshalb gebe es auch eine feste, vorgeschriebene Trauformel.

Die meisten Brautpaare trifft sie schon vorher und spricht über die Trauung und besondere Wünsche. Merkt sie, dass sie gerne Späßchen machen, warnt sie: „Sie dürfen nicht Nein sagen, auch nicht im Spaß. Sonst verlassen wir den Raum und brechen die Sache ab.“

Braut zieht noch vor der Hochzeit ins Frauenhaus

Passiert ist ihr das noch nie. Sie hat aber erlebt, dass Hochzeiten vor der Trauung abgesagt wurden. Einmal schien ihr schon während des Vorgesprächs, dass sich die Frau mit der Sache nicht wohlfühlte. Sie ging noch während der Hochzeitsvorbereitungen ins Frauenhaus, wie Katharina Schulze später hörte.

Zwangsheiraten sind in Deutschland natürlich verboten. „Ich frage ja auch immer: Ist es ihr eigener, freier Wille?“, sagt Schulze. Wenn das bejaht werde, bleibe ihr allerdings nichts anderes übrig, als es zu glauben.

Wie Scheinehen überprüft werden

Anders ist das, wenn sie den Verdacht hat, dass es sich um eine Scheinehe zur Erlangung eines Aufenthaltstitels handelt. Dazu gibt es Fragebögen und eine getrennte Befragung des Paars. Einmal lehnte sie die Trauung ab. Das Paar klagte dagegen und bekam recht. Das Gericht wies sie dann an, die Trauung trotzdem durchzuführen.

Ein anderes Mal hatte sie jemanden vor sich, der keinen legalen Aufenthaltstitel hatte. „Aber wenn ich den Eindruck habe, dass es Hand und Fuß hat, dürfen sie trotzdem heiraten - und so war es. Die sind sich dann glücklich in die Arme gefallen“, berichtet Schulze. Manchmal dauert es bei Nicht-EU-Ausländern übrigens bis zu zwei Jahre, bis für die Trauung alle Papiere vorliegen und überprüft wurden.

Nottrauung auf der Palliativ-Station

Es gibt auch sogenannte Nottrauungen - dann nämlich, wenn ein Paar vor dem bevorstehenden Tod noch heiraten möchte. Theoretisch könnte die Standesbeamtin vom Bereitschaftsdienst jederzeit für eine Trauung angefragt werden, sogar am Unfallort. Im Jahr 2024 hat Katharina Schulze zwei Paare in den Elbe Kliniken und drei Paare auf der Palliativ-Station der Klinik Dr. Hancken getraut.

Meistens sitze sie dann am Bett. Trotzdem geben sich alle Mühe, dass nicht der Tod im Vordergrund steht, sondern die Hochzeit. Bei Hancken auf der Palliativ-Station gehören zum Beispiel immer Sekt und Blumen dazu. Katharina Schulze versucht dann, die richtigen Worte zu finden - und Floskeln wie „ein Leben lang“ zu vermeiden.

Ob im Krankenhaus oder im Trauzimmer: Bei ihren Trauungen wird oft geweint. „Ich glaube, es ist etwas in meiner Stimme: Kaum fange ich an zu sprechen, schießen den Leuten die Tränen in die Augen, Männern und Frauen“, sagt Katharina Schulze. Ihre Stimme ist eher tief, und wenn sie nicht gerade scherzt, klingt sie klar und ernst.

Schon die Mutter war Standesbeamtin

Das passt zu ihr. „Ordnung, Gesetze, Organisation - mir liegt das. Ich bin Beamtin durch und durch“, sagt die Standesamtsleiterin. Schon ihre Mutter Rita Richert war Standesbeamtin in Fredenbeck. „Dort hat sie einige Jahrgänge komplett verheiratet.“

Als Katharina Schulze selbst die Verwaltungslaufbahn einschlug, durfte sie während der Ausbildung auch ins Standesamt hineinschnuppern. Das machte Spaß. Doch nach dem Studium zur Diplom-Verwaltungsfachwirtin mit Schwerpunkt Jura warteten als Beamtin im gehobenen Dienst im Stader Rathaus andere Aufgaben auf sie.

Dann wurde die Leitung des Standesamts frei. Sie bewarb sich und bekam die Stelle. Seit 2018 ist sie Leiterin des vierköpfigen Standesamts-Teams. Vorher hat sie, wie alle Standesbeamten, in Fulda einen zweiwöchigen Grundlehrgang absolviert.

Heute bietet sie selbst Fachberatungen und Fortbildungen für Standesbeamte an. Die Trauungen machen bei Katharina Schulze heute übrigens nur etwa fünf Prozent ihrer Tätigkeit aus: „Aber das ist der schönste Teil.“

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