TDie drei ??? im Stadeum: Nerd und Neuling nehmen das Stück auseinander
Die drei Fragezeichen als Vollplayback-Parodie: Kann das funktionieren? Die Erwartungen des TAGEBLATT-Kulturteams gehen hier auseinander. Foto: Buchmann/Montage
Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews sind Hörspiel-Kult - aber auf der Bühne? Ein Fall für das TAGEBLATT-Duo Fenna Weselmann (Hörspiel-Liebhaberin) und Steffen Buchmann (Krimi-Skeptiker).
Bühne und Kostüme
Fenna: Die Kulisse ist richtig cool gemacht. Zwischen den Paravent ähnlichen Wänden können die sechs Schauspielakteure für rasante Szenen- und Rollenwechsel leicht verschwinden und wieder auftauchen. Den Mittelpunkt bildet dabei eine Projektionsfläche, die das Publikum mithilfe filmischer Einspieler gekonnt an die wechselnden Orte des Geschehens bringt. Ein echtes Highlight ist die Fahrt mit Morton im Rolls Royce.

Raffinierte Kulisse: Für die Fahrt mit dem Rolls Royce reicht das angedeutete Autoheck und eine Filmprojektion. Foto: Weselmann
Die Ausstattung hat den Charme einer riesigen Spielwiese. Im Detail der Szenerie sind lauter Erinnerungen an die alte Hörspielzeit zu entdecken. Es ist so viel, dass einem schwindelig werden kann.
Steffen: Die Kulissenbauer haben die Priorität bei den Bauteilen ganz klar auf „leicht und mobil“ anstatt „üppig und wertig“ gelegt. Sich diesen knalligen Indoorspielplatz als Schrottplatz mitsamt Detektiv-Kommandozentrale vorzustellen, verlangt viel Fantasie. Wer genauer hinschaut, erspäht winzige Statements abseits von Hörspiel-Easter Eggs: In der Kommandozentrale klebt nämlich ein Anti-AfD-Aufkleber.
Gesellschaft
T Rauschende Stader Ballnacht mit kleinen Schönheitsfehlern
Allein die drei Detektive mit ausgestopfter Wampe, Vokuhila-Frise und Dresscode von Tick, Trick und Track ziehen die Mundwinkel nach oben. Aber auch der dauerschaukelnde Schnurrbart des Gangsters mit Plüschkatze ist ein Schmunzelgarant.
Akteure
Fenna: Was die Schauspieler an Verve in die Charaktere legen, ist bemerkenswert. Von der Lippensynchronität bis zu den spielerischen Ideen kann man nur „Hut ab“ sagen.

Tisch, Telefon und eine bebilderte Stellwand: Fertig ist die Zentrale von Justus, Bob und Peter. Foto: Weselmann
Steffen: Nicht auf seine eigene Stimme, sondern vollständig auf Playback zu spielen, ist definitiv eine Herausforderung. Das Ensemble beweist zudem mimisches wie physisches Talent für die Kunst der Clownerei. Kulisse, Kostüm und Schauspiel bilden so einen trashig-charmanten Dreiklang.
Nostalgie-Vibe
Fenna: Schon die Titelmelodie macht den Vibe für alte Fragezeichen-Fans. So wie auf den ersten Hörspiel-Kassetten wird der „Fluch des roten Rubins“ mit der Originalmusik eingeläutet - nicht mit der säuseligen Version von heute. Wer gedacht hat, dass Folge 5 nun einfach von vorne bis hinten durchläuft, kann diese Erwartung gleich abhaken. Beim Vollplaybacktheater wird daraus ein „spezialgelagerter Sonderfall“, der den ???-Kult auf die Spitze treibt.

Am Ende lösen die drei Detektive den Fall "roter Rubin". Foto: Weselmann
Steffen: Dass sich die Parodie aus mehreren Hörspielen der letzten Jahrzehnte bedient, ist für ungeschulte Ohren nicht immer klar trennbar. Für die mitgewachsenen Zuhörer bringt das Stück viel 80er-Jahre-Flair auf die Bühne. Wer diese Zeiten nicht mehr selbst miterlebt hat, fühlt sich mitunter eher an eine knallige Faschingsparty erinnert.
Storytelling
Fenna: Für den Bühnenabend werden die O-Töne diverser Fragezeichen-Folgen ineinander verschraubt und neu zusammengesetzt. Selbst Skinny Norris und Blackbeard, die eigentlich nichts mit dem Fall zu tun haben, bekommen ihren Auftritt. Jenseits von Kult-Passagen wie „ein Star, ein billiger Star“ aus Super-Papagei mit persönlichem Feier-Faktor ist man als Fan so noch einem ganz eigenen Rätsel auf der Spur.

Lauter spezial gelagerte Sonderfälle: Skinny (links) spielt beim Rätsel um den roten Rubin eigentlich keine Rolle, bekommt aber trotzdem seinen Auftritt mit dem 1. Detektiv Justus Jonas. Foto: Weselmann
Immer wieder unterbrechen schrille Einlagen den Fortlauf der eigentlichen Geschichte - so in der Art knalliger Werbestörer. Auf einmal mimt Peter den TV-bekannten Glücksspiel-Salavatore, aus Schrotthändler Titus Jonas spricht Horst Schlämmer und Bob macht in der Zentrale den „Typewriter“ á la Jerry Lewis.
Steffen: Das Stück setzt voraus, dass im Zuschauerraum Fans sitzen, die den Kinder-Kriminalfall ohnehin auswendig nacherzählen können. Wo die Parodie also vom Ursprung abweicht, ist für Nicht-Kenner schwer auszumachen.
Erzählerisch driftet das Stück zunehmend ins Chaos ab. Alfred Hitchcock mitsamt markanter Schmolllippe hilft hier als Erzähler nur wenig.
Bagaluten-Weihnacht
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Dazwischen finden immer wieder Audio-Schnipsel von Harald Glööckler und anderen Kultfiguren Platz - sogar die „Ist da das Gewitter“-Oma darf in der Detektivzentrale durchklingeln. Die Geschichte verfällt so vollends dem Gaga-Wahnsinn, zieht sich teils jedoch merklich in die Länge.
Humorfaktor
Fenna: Die Parodie programmiert Lacher, ist ab und an aber so drüber, dass es eher ein Gefühl von Bandsalat produziert. Dass es nach dem Applaus - wie beim Cliffhanger nach dem Filmabspann - noch einen humoristischen Ausblick auf die gealterten Detektive gibt, ist dagegen ein wirklich lustiger Abgang.
Steffen: Die Köpfe des Vollplayback-Theaters bezeichnen sich selbst als „Hörspiel-Punker mit Schwebebahn-Hintergrund“. Und tatsächlich nutzt das Ensemble die Bühne als anarchistische Spielwiese ohne Rücksicht auf Verluste.

Ausstattungshit: der Verstärker. Foto: Weselmann
Wer bildhafte Wortwitze mag, ging übersättigt nach Hause. Etwa, wenn sich Tante Mathilda bei ihrem Gatten über den „Schinken“ beschwert, der im Wohnzimmer hängt - und tatsächlich steht auf der Bühne ein Holzrahmen mit einem eingespannten Schweineschinken. Das zündet, nutzt sich durch die Dauerkanonade jedoch schnell ab.
Highlight und Enttäuschung
Für Fenna und Steffen ist das absolute Highlight des Abends der berühmte „Verstärker“ in der ???-Zentrale. Wie diese kurios gebaute Maschine in Dauerschleife an- und abgeschaltet wird, ist einfach zum Brüllen komisch und definitiv der Zwerchfellsieger des Abends. Nur für Steffen heimlicher Co-Star: der herrlich krächzende Plüschpapagei.
Beide enttäuscht hat der überbordende Einspieler-Einsatz. Wiederholung ist nicht automatisch witzig. Manchmal schießt das Spektakel mit all seinem Slapstick über das Ziel hinaus und kippt ins Klamaukige. Das ist anstrengend und stört den kurzweiligen Nostalgie-Trip. Mehr Mut zum Rotstift wäre wünschenswert.
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