TEigenes Frostschutzmittel: Schneeglöckchen lieben die Kälte
Das Schneeglöckchen liebt die Kälte und hat ausreichend Widerstandskraft inmitten vom Schnee. Foto: Paulin
Im Winter macht das Schneeglöckchen Pause. Mit voll geladenen Stärke-Akkus. Das Schneeglöckchen liebt die Kälte - und produziert mal eben ein eigenes Frostschutzmittel.
Landkreis. Auf der Erde herrschen sehr unterschiedliche Temperaturen: etwa minus 90 Grad kann es in der Antarktis kalt werden, plus 56 Grad heiß im Death Valley. Solche Extreme unterbinden jegliches Pflanzenwachstum. Doch einige Pflanzen schaffen es, großer Hitze und Kälte standzuhalten.
Glockenheide oder Adlerfarn können im Sommer fast 50 Grad ertragen. Eiben, Zirbelkiefern oder Fichten tolerieren im Winter minus 40 Grad. Ein ausgesprochener Kältefreak ist auch das Schneeglöckchen, das nahezu ähnliche Wintertemperaturen aushält. Pflanzen, die das können, müssen besondere Fähigkeiten im Stoffwechsel aufweisen.
Glucose lagert in der Zwiebel
Damit das Schneeglöckchen auch im kommenden Vorfrühling blühen kann, sind Frühjahr und Frühsommer wichtig. In diesem Zeitraum produziert es mit Hilfe der Fotosynthese Glucose, einen Zucker. Voraussetzung ist, dass Licht und Wasser zur Verfügung stehen. Die Glucose wird aber kaum verbraucht, sondern in Form von Stärke in der Zwiebel gespeichert.
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Das ist die Voraussetzung dafür, dass im kommenden Frühjahr genügend Power zum Blühen vorhanden ist. Nach dem Aufladen des Stärke-Akkus macht das Schneeglöckchen eine Pause. Erst im kommenden Spätwinter wacht es wieder auf. Die Wecktemperatur liegt bei etwa vier Grad Celsius. Diese Temperaturen können auch bei Frost unter der schützenden Schneedecke leicht erreicht werden.
Kickstart für die Energieproduktion
Wenn das Schneeglöckchen den Kick zum Wachwerden bekommen hat, wird mit der Produktion von Energie begonnen: An die Kälte angepasste Enzyme zerlegen in der Zwiebel die Speicherstärke in Glucose. Aus ihr kann Energie in Form von ATP gewonnen werden. Dieses Power-Molekül lässt in der Zwiebel Zellteilungen erfolgen, Blätter und Blüten entstehen.
Durch die Einlagerung von Wasser strecken sich die Zellen; die Pflanze wächst. Für Frosttage besitzt das Schneeglöckchen einen Frostschutz. Anstatt in der Zwiebel aus der Stärke zum Wachstum Zucker herzustellen, wird der Hebel in der Zelle umgestellt: das Frostschutzmittel Glycerin wird produziert.
Enzyme gegen Eiskristalle
Glycerin senkt den Gefrierpunkt, sodass keine Eiskristalle in den Zellen entstehen und die Pflanzenzellen nicht zerreißen können. Außerdem produziert das Schneeglöckchen in den Zellwänden Enzyme, die zusätzlich eine Entwicklung von Eiskristallen unterbinden.
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Es ist aber auch möglich, anstelle von ATP Wärme entstehen zu lassen. Die Erzeugung von Wärme kann die nahe Umgebung des Schneeglöckchens um bis zu drei Grad erhöhen. Das ist der Grund, weshalb in der Nähe eines Schneeglöckchens der Schnee ein wenig abtaut. Zugleich steht ihm das abgetaute Wasser als Bodenwasser zur Verfügung. Das ist ein großer Vorteil für das Schneeglöckchen.
Schneeglöckchen bilden Gruppen
Viele Pflanzen können zu dieser Zeit in dem gefrorenen Boden noch kein Wasser aufnehmen. Und noch ein Pluspunkt: In der Regel wachsen aus den Zwiebeln eines Schneeglöckchens weitere Brutzwiebeln. Die blühen zwar erst in späteren Jahren, aber so entsteht eine Gruppe von Schneeglöckchen.

Die Schneeglöckchen tauen rundherum den Schnee etwas ab. Foto: Paulin
Das hat den Vorteil, dass sich die Wärmebildung hier noch verstärkt, und größere schneefreie Inseln entstehen. So geht es gemeinsam gegen die Kälte. Und die vielen kleinen Blüten können auch die allerersten Bienen auf sich aufmerksam machen, nach dem Motto „Hier sind wir - und Nektar bieten wir auch!“.
Buch und Serie
Was kreucht und fleucht in der Region? Wolfgang Kurtze, Vorsitzender der Lions-Naturschutz-Stiftung, schreibt über Phänomene und Kuriositäten in der Natur. Das TAGEBLATT veröffentlicht die Artikel des promovierten Biologen in loser Reihenfolge. Die erfolgreiche TAGEBLATT-Serie „Phänomene der Natur“ rückt kurzweilig Wissenswertes aus der Natur in den Mittelpunkt. Der zweite, reich illustrierte Band von Wolfgang Kurtze ist für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgeber ist die Lions Stiftung Stade zur Förderung des Natur- und Umweltschutzes.
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