TEin Herz für A/O: So emotional verabschiedet sich Leonie Ratje
Leonie Ratje wusste, bei wem sie sich bedanken konnte: ihrem Team, den Fans und ihrer Familie. Letztere unterstützte sie während ihrer Fußballkarriere. Foto: Struwe
Leonie Ratje hört mit dem Fußball auf. Für die 42-Jährige ist die SV Ahlerstedt/Ottendorf eine Heimat und die Mannschaft ihre Familie geworden. Der Abschied fällt ihr umso schwerer.
Ahlerstedt. Es läuft die 80. Minute, auf der Anzeigetafel steht 4:0. Das Spiel ist längst entschieden, als es emotional wird. Trainer Benjamin Saul ruft Leonie Ratje.
Die 42-Jährige schaut zur Seitenlinie. Die gesamte A/O-Familie hat sich zu einem Spalier aufgestellt - Mitspielerinnen, ehemalige Weggefährten, ihre Familie. Ratje formt mit den Händen ein Herz. Tränen fließen - bei ihr und vielen anderen.
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„Es ist gerade alles schön“, sagt Ratje viele Umarmungen später. Die Kulisse, das Wetter, das Spiel, der Gegner: Für ihr letztes Heimspiel hätte es nicht besser laufen können, und der Nachmittag zeigt ihr, was sie seit Jahren weiß: „Der Verein und die Mannschaft stehen für Liebe. Sie haben ein unglaublich gutes Gespür für Situationen.“

Ihre Söhne überraschten Ratje als Einlaufkinder. Foto: Struwe
Die Ratjes bleiben dem Fußball erhalten
Im Vorfeld wusste Ratje von nichts - weder vom Spalier noch von den Einlaufkindern. Es sind ihre beiden Söhne, die sie auf den Rasen führen: der zehnjährige Oscar und der siebenjährige Theo. Oscar hatte Angst, die Familie würde aufhören, eine Fußballfamilie zu sein.
„Wir werden eine Fußballfamilie bleiben“, hat Ratje ihm versichert. Sie trainiert Oscar bereits als Jugendtrainerin, will zudem im Erwachsenenbereich aktiv sein und die B-Lizenz machen. Auch ihr Mann Maik Ratje wird Trainer bleiben.

Leonie Ratje führte A/O als Spielführerin auf das Feld. Mette Ahrens, eigentlich Kapitänin, bestand darauf. Foto: Struwe
„Ich habe hier alles gefunden“
Schon Tage vor dem Abschied konnte Ratje die Tränen nicht zurückhalten. Am Morgen des Spiels sei sie nicht aufgeregt, sondern schlicht traurig gewesen. „Es fällt schwer, loszulassen“, sagt sie.
Hier lernte sie ihren Mann kennen, ihre beste Freundin und Trauzeugin. „Ich habe hier alles gefunden“, sagt sie. Das Abschlussbild nach dem Schlusspfiff wirkt daher wie ein Familienfoto.

A/O steht für Liebe, so Leonie Ratje. Foto: Struwe
Torgefährliche Dauerläuferin
Für eine zentrale Mittelfeldspielerin hat Ratje im Spiel gegen SV Meppen U20 verhältnismäßig wenige direkte Ballkontakte. Läuft das Spiel an ihr vorbei? Der Eindruck täuscht. Die Spielanlage von A/O sieht vor, das zentrale Mittelfeld häufig zu überspielen.
Ratje schafft die dafür nötigen Lücken mit ihren Laufwegen. In der 8. Minute taucht sie dann doch im Mittelpunkt auf: Ratje lupft den Ball genial über die Abwehr zu Romina Riwny, die mit einem Linksschuss sehenswert trifft. „Leo kann das Spiel gut lesen“, sagt Saul.

Für Ratje gab es am Sonntag viele liebevolle Worte. Foto: Struwe
Kleine Dinge mit großer Wirkung
Ratje macht oft die kleinen Dinge, die keine Statistik erfasst, aber das Spiel beeinflussen. Als Meppen einen Ball vor den A/O-Strafraum passt, gibt sie ihrer Gegenspielerin im entscheidenden Moment einen kaum wahrnehmbaren Kontakt.
Viel zu wenig für ein Foul, aber genug, damit der Angreiferin der Ball verspringt. Einen blitzsauberen Konter später schließt Malin Hoeper stark zum 2:0 ab. „Leo ist einfach clever“, sagt Saul.

Auch mit 42 Jahren gehört Ratje zu den aktivsten Spielerinnen. Foto: Struwe
Keine Zeit zu meckern
Dass Ratje kurz die Arme hebt, als Emma Scheil einen Pass zu ungenau in die Gasse spielt, dauert den Bruchteil einer Sekunde. Sofort geht die Geste in aufmunterndes Klatschen über.
Als Riwny nach einer Stunde einen Hattrick schnürt und alle Mitspielerinnen zur Torschützin laufen, geht Ratje in die entgegengesetzte Richtung. Sie beglückwünscht Freyke Rexin für ihre tolle Vorlage. „Leo ist ein Teamplayer“, sagt Saul.
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Söhne wachsen auf dem Fußballplatz auf
Für Leonie Ratje kommt Luisa Blanken. Die Einwechselspielerin war noch nicht geboren, als Ratje 2004 den Aufstieg in die Regionalliga feierte. Mehr als ein Jahrzehnt gehörte A/O dieser Liga an.
2015 folgte der Abstieg. In dieser Saison war Ratje schwanger. Ein wunderschöner Moment - und zugleich ein Gefühlschaos: Im Abstiegskampf konnte sie ihrer Mannschaft nicht helfen, fühlte sich deswegen schlecht.
Nach der Geburt stand sie schnell wieder auf dem Platz, stillte Theo mitunter in der Halbzeitpause. „Ich wollte das richtigstellen“, sagt sie. Der Wiederaufstieg gelang nie, aber die Botschaft war ohnehin größer.
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Mit 42 noch immer Dauerläuferin
Leonie Ratje, die seit ihrem fünften Lebensjahr spielt, würde gerne weitermachen. Der Körper lässt es nicht zu. „Im linken Knie ist praktisch kein Knorpel mehr.“ Sie kompensiert das mit Krafttraining, den nächtlichen Schmerz lindert aber auch das nicht.
Dennoch hat sie von allen A/O-Spielerinnen in dieser Saison die meisten Einsatzminuten absolviert. Ratje spielt fast immer durch. „Es ist beeindruckend wie sie in dem Alter auf diesem Niveau mithalten kann“, sagt Saul.
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Ballon d’Or für beste Fußballspielerin
Dass sie ohne schlechtes Gewissen gehen kann, verdankt sie auch dem Verein, sagt sie. A/O holt Julia Tomfohrde von Werder Bremen II. „Da muss ich mir keine Sorgen machen“, sagt Ratje. Die 19-Jährige sei sehr talentiert und ein Gewinn für die Mannschaft.
Nach dem Schlusspfiff spielt der Stadionsprecher „You‘ll never walk alone“. Saul hat noch ein persönlicheres Abschiedsgeschenk parat: einen Ballon d‘Or aus seinem 3D-Drucker. „Wie es sich für eine Legende gehört“, sagt er.
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