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Torhüterin

TEine Frau im Herrenfußball: Apensens Aina Kraatz geht ihren eigenen Weg

Vorbild Manuel Neuer: Seit der vergangenen Saison steht Aina Kraatz im Tor des TSV Apensen III.

Vorbild Manuel Neuer: Seit der vergangenen Saison steht Aina Kraatz im Tor des TSV Apensen III. Foto: Scholz

Frauen können ohne Sonderantrag im Herrenfußball spielen - und Aina Kraatz vom TSV Apensen nutzt die Möglichkeit. „Ich tanze gerne mal aus der Reihe“, sagt sie.

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Von Tim Scholz
12.10.2026, 05:50 Uhr

Apensen. Ihre Kollegen bei der Arbeit machten große Augen. Ihren Eltern und Geschwistern war die Entscheidung vollkommen klar. Und ihre beste Freundin war im ersten Moment geschockt, sagte dann aber: „Irgendwie passt es zu dir.“

So schildert Aina Kraatz die unterschiedlichen Reaktionen auf ihre Entscheidung, im Herrenfußball zu spielen.

An einem Abend im September sitzt die 22-Jährige auf der Sportanlage in Apensen. Im Hintergrund trainieren Kinder und Jugendliche auf dem Kunstrasen. Kraatz selbst hätte eigentlich ebenfalls Training, doch heute muss sie pausieren. Eine Bandage stabilisiert ihren linken Fuß. „Ein dreifacher Bänderriss“, erklärt sie. Deshalb hat sie in dieser Saison noch kein Spiel bestreiten können.

Sie ist die Nummer zwei im Tor

Seit der vergangenen Saison gehört Kraatz zur dritten Herrenmannschaft des TSV Apensen. Das Team spielt in der 3. Kreisklasse, tiefer geht es kaum.

Einsatz in der 3. Kreisklasse: Gegen den MTV Wangersen zeigte Aina Kraatz ihre bisher beste Leistung.

Einsatz in der 3. Kreisklasse: Gegen den MTV Wangersen zeigte Aina Kraatz ihre bisher beste Leistung. Foto: Lobeca/Felix Weißberg

Seit 2022 dürfen Frauen ohne gesonderten Antrag in Herrenmannschaften zum Einsatz kommen. Im NFV-Kreis Stade wird diese Möglichkeit jedoch bisher nur selten genutzt. Nach Einschätzung des Spielausschusses dürfte Kraatz aktuell die einzige Frau im Stader Herrenfußball sein. Einige weitere Frauen sind im Ü-Bereich aktiv.

Kraatz ist die Nummer zwei im Apenser Tor hinter Manuel Stemmann. „Wenn Manu verletzt ist oder keine Zeit hat, gehe ich ins Tor“, sagt sie. Für Kraatz ist das völlig in Ordnung. Sie müsse sich noch an den Herrenfußball gewöhnen und „das schnelle Spiel der Jungs kennenlernen“, sagt sie.

„Als Torwart hat man den höchsten Druck“

Ursprünglich kommt Kraatz aus dem Mädchen- und Frauenfußball. Sie machte ihre ersten Schritte beim TSV Ottensen, wechselte in der Jugend für zwei Jahre zum Hamburger SV. Doch die langen Fahrten wurden irgendwann zu einer Belastung. Kraatz ging nach Apensen.

Schon früh entschied sie sich fürs Tor. „Alle wollten immer nur Tore schießen, aber niemand wollte ins Tor“, erzählt sie. Gerade das habe sie gereizt. Früher bewunderte sie René Adler, inzwischen ist Manuel Neuer ihr Vorbild. „Als Torwart hat man den höchsten Druck, man muss performen.“

So kam sie zu ihrem neuen Team

In Apensen spielte Kraatz zunächst in der Damenmannschaft. Aber lange blieb sie dort nicht. „Ich wäre die vierte Torhüterin gewesen“, sagt sie. Also fragte sie, ob sie bei den Herren mittrainieren und spielen dürfe. „Und plötzlich war ich bei den Herren.“

Aina Kraatz hatte mit mehr Skepsis gerechnet. Doch das Gegenteil war der Fall.

Aina Kraatz hatte mit mehr Skepsis gerechnet. Doch das Gegenteil war der Fall. Foto: Scholz

Mit dem Gedanken habe sie schon länger gespielt, sagt sie. Auch beruflich - Kraatz ist im Garten- und Landschaftsbau tätig - arbeite sie vorwiegend mit Männern zusammen. „Wir verstehen uns gut“, sagt sie und ergänzt: „Ich tanze gerne mal aus der Reihe.“

Blöde Sprüche prallen an ihr ab

In der dritten Herrenmannschaft wurde Kraatz unkomplizierter aufgenommen, als sie erwartet hatte. „Kein Tumult, keine geschockten Gesichter“, sagt sie. Im Gegenteil: „Alle waren sehr herzlich.“ Besonders gefalle ihr die entspannte Art ihrer Mitspieler.

Außerdem habe sie in der Liga auf gegnerischer Seite mit mehr Skepsis gerechnet. Doch abgesehen von einigen blöden Sprüchen, „die an mir abprallen“, habe sie vor allem Respekt erfahren - „dafür, dass ich diesen Schritt gemacht habe und sogar im Tor stehe“, sagt sie. Denn im Herrenfußball werde härter geschossen.

Aina Kraatz ist eine von mehr als 300 Frauen in Niedersachsen, die bei den Männern spielen.

Aina Kraatz ist eine von mehr als 300 Frauen in Niedersachsen, die bei den Männern spielen. Foto: Lobeca/Felix Weißberg

Kraatz war nervös vor ihren ersten Einsätzen in der vergangenen Saison. Ein Spiel sei „katastrophal“ gewesen, erinnert sie sich. Zum Saisonende gegen Wangersen hingegen zeigte sie ihre bisher beste Leistung - kein Gegentor. Druck macht sich Kraatz nicht. Sie sei weiterhin in einer Findungsphase. „Ich möchte auf ein Niveau kommen, auf dem ich mit mir selbst zufrieden bin.“

Gibt es weitere Frauen im Herrenfußball?

Andere Frauen, die im Kreis Stade im Herrenfußball spielen, kennt Kraatz nicht. Allerdings stehe sie mit einer Frau in Kontakt, die über denselben Schritt nachdenkt. „Sie möchte wissen, wie es für mich ist“, sagt Kraatz. Es würde sie freuen, wenn weitere Frauen diesen Weg gingen. „Ich kann aber auch jede Frau verstehen, die es nicht möchte, die Hemmungen hat.“

Nach Angaben des Niedersächsischen Fußballverbands (NFV) spielen inzwischen mehr als 300 Frauen regelmäßig in Herrenteams, fast ausschließlich auf Kreisebene. Die Akzeptanz sei hoch, berichtet Helge Kristeleit, beim NFV für den Spielbetrieb zuständig.

„Zu Beginn der Einführung erreichten unser Team Spielbetrieb lediglich drei bis vier Anrufe mit vereinzelten Bedenken“, erklärt Kristeleit. „Seitdem sind keine weiteren Rückmeldungen dieser Art bei uns eingegangen.“ Gerade im Flächenland Niedersachsen hätten Frauen dadurch zusätzliche Möglichkeiten, Spielpraxis zu sammeln.

TSV-Kapitän: „Aina gehört zur Mannschaft“

Während Kraatz erzählt, betreten ihre Mitspieler den Platz. Kapitän Marco Korsmeier begrüßt sie mit einer Umarmung. Auch für ihn sei eine Frau im Herrenteam etwas Neues gewesen. „Aber es macht uns nichts aus. Aina gehört zur Mannschaft.“

Mitspieler Marco Korsmeier.

Mitspieler Marco Korsmeier. Foto: Scholz

Dann fügt er noch etwas hinzu: „In der Jugend spielen Mädchen und Jungs doch auch zusammen. Warum sollte es dann nicht auch bei den Erwachsenen funktionieren?“

Kraatz selbst muss noch einige Wochen pausieren. Dann will sie wieder dort stehen, wo sie am liebsten ist: im Tor ihrer Mannschaft.

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