T„Eine Stunde History“: Erfolgspodcast erzählt Geschichte in über 500 Folgen
Am Computer, umgeben von Bücherregalen, arbeitet Matthias von Hellfeld jeden Tag, auch am Wochenende. Nachschlagewerke, Bücher, Kopfhörer und Mikrofon gehören zu seinem Handwerkszeug. Foto: Lohmann
Sein Podcast „Eine Stunde History“ ist preisgekrönt. In seiner Stadtvilla in Bremervörde erzählt Dr. Matthias von Hellfeld auch seine eigene spannende Erfolgsgeschichte.
Bremervörde. Der promovierte Historiker, erfolgreiche Rundfunkjournalist und Buchautor Matthias von Hellfeld sitzt an seinem Schreibtisch, am Computer, umgeben von Regalen voller Bücher. Er setzt den Kopfhörer auf und schwenkt das Mikrofon vor den Mund. In diesem Arbeitszimmer entsteht „Eine Stunde History“.
Die Radiosendung mit dem griffigen Titel, die er im Auftrag von Deutschlandfunk Nova produziert, ist auch als Geschichtspodcast erfolgreich. Mehrere Hunderttausend Follower folgen ihm allein bei Spotify.
Der Podcast feiert seinen zehnten Geburtstag
Gestartet wurde 2016 mit einer Sendung über die Nürnberger Kriegsprozesse, mehr als 500 Folgen hat der Journalist seitdem veröffentlicht. Das wöchentliche Format widmet sich in jeder Folge einem historischen Ereignis, einer Epoche oder Persönlichkeit, springt dabei zwischen den Jahrhunderten hin und her und erklärt, wie die Vergangenheit mit der Gegenwart zusammenhängt. 2019 wurde „Eine Stunde History“ mit dem Deutschen Podcast Preis ausgezeichnet. In diesem Jahr feiert der Podcast seinen zehnten Geburtstag.

Bei einer Tasse Kaffee an dem großen Holztisch im Esszimmer - im Hintergrund der große Garten - erzählt Matthias von Hellfeld seine spannende Erfolgsgeschichte. Foto: Lohmann
Matthias von Hellfeld hat für 14 Uhr in seine Villa in Bremervörde eingeladen, um in einer Stunde zu erzählen, wer die „Geschichtsstunde“ wo und wie erstellt. Er nimmt Platz an dem großen Holztisch in einer offenen Wohnzimmerflucht und serviert Kaffee in großen Bechern.
Arbeiten an einem geschichtsträchtigen Ort
Der 71-Jährige erzählt von seinem Umzug vor drei Jahren von Köln nach Bremervörde - an einen geschichtsträchtigen Ort. Das Backsteinhaus mit Original-Parkett wurde 1927 von Ludwig Alpers gebaut, Reichstagsabgeordneter der Welfenpartei in der Weimarer Republik.

Historisch ist hier alles: Das Wohnhaus wurde 1927 von Ludwig Alpers gebaut, Reichstagsabgeordneter der Welfenpartei in der Weimarer Republik. Im Vorgarten steht eine mehr als 350 Jahre alte Eiche aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Foto: Lohmann
Stolz ist der Hausherr auch auf seinen parkähnlichen Garten mit Buche, Eiche und Eiben und auf die mächtige mehr als 350 Jahre alte Eiche im Vorgarten aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges; der endete 1648 mit dem Westfälischen Frieden. Der Baum steht unter Denkmalschutz.
Dass das Haus an eine hanseatische Stadtvilla erinnert, ist sicherlich kein Zufall. Denn der Historiker, 1954 in Bremen geboren, stammt aus einer alteingesessenen Bremer Familie. Seine Mutter war Bremerin, sein Vater Flüchtlingskind aus Pommern. 1958 zog er mit Eltern und Bruder nach Köln.

Matthias von Hellfeld ist stolz auf seine Villa in einem parkähnlichen Garten in Bremervörde. Foto: Lohmann
Was zog den erfolgreichen Journalisten im Pensionsalter zurück in den Norden - in die Provinz? Die Familie seiner Frau Kerstin lebe in Hamburg, erklärt er. Dem Zufall, sprich: der Suchanfrage auf einem Immobilienportal, verdanken sie die Villa zwischen Bremen und Hamburg. Den Ausschlag gaben die offenen Arme der Vorbesitzerin und der Nachbarn, mit denen sie in Bremervörde empfangen wurden. Durch ihr (soziales) Engagement, unter anderem in der Demokratiebewegung, waren sie schnell integriert.
So arbeitet der Podcast-Host
Für seine Arbeit sei es egal, wo er wohnt, sagt der Rundfunkjournalist. „Schreiben kann ich überall.“ Nur eine gute Internetverbindung brauche er, und die hat er. Seine Frau, Heilpraktikerin und Psychotherapeutin, arbeitet oben; ihre Praxis ist über eine getrennte Treppe erreichbar. Sein Zimmer mit Gartenblick, ebenfalls im Obergeschoss, ist das schönste und größte.

In seinem Arbeitszimmer im Obergeschoss mit Gartenblick recherchiert Matthias von Hellfeld für seinen Podcast „Eine Stunde History“. Foto: Lohmann
Jeden Tag zieht sich der selbstständige Journalist in sein Arbeitszimmer zurück, auch am Wochenende. Der Podcast-Host recherchiert, sucht Experten und Originaltöne aus, bereitet Fragen für die Interviews vor, telefoniert, organisiert, spricht Termine ab, schreibt Texte für die beiden Podcast-Moderatoren.
Holpriger Bildungsweg - wandelndes Lexikon
Produziert wird dienstags - alle zwei Wochen in Bremerhaven und alle vier Wochen in Köln. Veröffentlicht wird die Folge jeden Freitag ab 15 Uhr als Podcast und jeden Montag um 21 Uhr im Radio. Dazu kommen Live-Sondersendungen mit Gesprächspartnern vor Publikum, die aufgezeichnet werden. Die nächste ist in Rostock.

Die Regale in seinem Arbeitszimmer sind voller Bücher, darunter viele historische Abhandlungen und Nachschlagewerke. Foto: Lohmann
Der promovierte Historiker redet nicht wie ein Gelehrter, eher wie ein wandelndes Lexikon: detailreich, lebendig, unterhaltsam - und viel. Vergnügt schildert er von seinem holprigen Bildungsweg: schlechte Schulnoten, Internat, Fachoberschulreife, Begabtensonderprüfung. Wegen eines Computerfehlers bei der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze durfte er ohne Abitur an der Universität in Köln studieren und in Geschichte promovieren.
Bekannt wurde er durch „Edelweißpiraten in Köln“
Schlagartig wurde er durch seine Examensarbeit (1978) und sein erstes Buch (1981) bekannt: „Edelweißpiraten in Köln. Jugendrebellion gegen das 3. Reich“. Einige Jugendliche wurden von der Gestapo 1944 öffentlich erhängt. Ob sie Widerstandskämpfer oder schlicht Kriminelle waren – darüber wurde kontrovers diskutiert, teilweise vor Gericht verhandelt. Der Autor gewann alle Prozesse. 1984 wurde sein Buch mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis ausgezeichnet.

Auch seine eigenen Sachbücher stehen in einem Regal im Arbeitszimmer: 30 Bücher hat der promovierte Historiker insgesamt veröffentlicht. Foto: Lohmann
Matthias von Hellfeld profilierte sich als Journalist, arbeitete beim WDR, für die Deutsche Welle und Deutschlandfunk, produzierte Radiobeiträge und Fernsehfilme. Und lernte die Größen der Weltgeschichte jener Zeit kennen: Michail Gorbatschow, George Bush, Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher, Schimon Peres. Mit Sahra Wagenknecht sprach er über Karl Marx, mit Theo Waigel über den Wechsel der Ostmark zur D-Mark.
Und immer schrieb er Bücher, 30 insgesamt: „Von Anfang an Europa“, „History für Eilige“, „Die verunsicherte Nation“, „Die Welt im Krisenmodus“ und viele andere.
Spezial-Staffel zum Podcast-Jubiläum
Zum zehnten Jubiläum von „Eine Stunde History“ wurde das Konzept leicht geändert, eine Spezial-Staffel startete: „Eine Stunde History - Jetzt mal der Reihe nach. In 100 Folgen vom Anfang bis jetzt“. „Wir versuchen zu erklären, warum wir heute hier, in der Mitte Europas, so leben, wie wir leben“, erklärt der Podcast-Host.
Weil in 100 Folgen nicht die komplette Menschheitsgeschichte erzählt werden kann, wurde eingegrenzt. „Wir haben hier an diesem Tisch gesessen und überlegt, was wirklich wichtig war.“
Erzählt wird, wie Deutschland entstand
Seit 11. Mai wird nun die europäische Geschichte chronologisch erzählt. Zwei Jahre lang erfahren die Zuhörer, wie Landkarten, Gesetze, Religionen und Katastrophen in Europa entstanden - sowie eine gemeinsame Sprache und Uhrzeit, einheitliche Zölle und Steuern in dem Gebiet, das heute Deutschland ist.

An seinem großen Schreibtisch mit Gartenblick arbeitet der selbstständige Journalist für seinen Podcast „Eine Stunde History“. Foto: Lohmann
In der ersten Folge geht es um die mehr als 30.000 Jahre alten Höhlenmalereien in der südfranzösischen Chauvet-Höhle, in der aktuellen Folge um Jesus von Nazareth und das Christentum. Woche für Woche geht es weiter bis in die europäische Gegenwart - bis zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Die letzte Folge wird am 10. April 2028 gesendet.
Seine Botschaft: „Etwas Besseres als die Europäische Union haben die Europäer noch nie in der Geschichte gehabt“, die EU sei eine „Wohlstandmaschine“. Und: „Um die Demokratie zu erhalten, dürfen wir nicht sitzen bleiben, sondern müssen uns bewegen.“
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