TEinst 165 Kilo: Tag X reißt ihn fast aus dem Leben
Hendrik Sievers spielte im Tor bei der HSG Bützfleth/Drochtersen. Foto: Tiessen-Franke (nomo)
Hendrik Sievers aus Himmelpforten ist gefeierter Handballtorwart, adipös und fast tot. Er kämpft sich zurück. Sein (Über)leben in vier Akten. Teil 1: Der Balu im Tor.
Himmelpforten. Heute ist Hendrik Sievers aus Himmelpforten 51 Jahre alt. Akkurat geschnittener Bart. Glatze. Kurze Hose. Knapp über 90 Kilo. Er zieht sich an der Siebträgermaschine in der Küche seines Hauses einen Kaffee. Er erzählt aus den letzten 28 Jahren seines Lebens. Ruhig, wohlüberlegt, pointiert, charmant. Vielleicht inspiriert er andere Menschen mit seiner Geschichte.
Hendrik Sievers lebt in Himmelpforten. Auf seiner Terrasse steht ein über 100 Jahre altes Fahrrad. Er nimmt zum Trainieren lieber das moderne. Foto: Berlin
Hendrik Sievers war adipös. Die Erkenntnis, sein Leben zu ändern, kam spät. An einem Tag im Juli 2023 wäre er fast gestorben. Er spricht von „Impact“ - Auswirkung, Einfluss, Aufprall. Der 23. Juli 2023 ist Tag X.
Heute fährt Sievers quer durch die Dolomiten
Seither definiert er das tägliche Training auf den Beinen oder auf dem Rad als Herausforderung und den Wettkampf als Belohnung. Anfang Juli dieses Jahres fährt er beim 55 Kilometer langen Sellaronda-Kurs in Norditalien über vier mächtige Dolomiten-Pässe. Die Kirsche auf der Torte. Und zur Belohnung gibt es reichlich Endorphine und ein Glas alkoholfreies Weizenbier.

Hendrik Sievers hat die Leidenschaft fürs Radfahren entdeckt. Foto: Privat
Der Himmelpfortener ist mit einer Frau verheiratet, die Sport und Gesundheit zu ihrem Beruf gemacht hat. Er hat Freunde, die heute nachts aufstehen würden, um ihn zu unterstützen. Seine Töchter sind sportbegeistert.
Er steuert sein eigenes Training längst zahlengetrieben. Er weiß zu jeder Stunde, wie schnell sein Herz schlägt. Um da hinzukommen, brauchte er Jahre.
165 Kilogramm: „Ich war der Balu im Tor“
Hendrik Sievers erzählt von dem Tag, an dem erstmals die Fingerkuppen unter den Nägeln weiß werden, weil er sich beim Wiegen auf einer Tischplatte abstützt. Die Waage zeigt maximal 150 Kilogramm an. „Ich vermute, ich hatte 160, 165“, sagt Sievers. Das war vor sechs, sieben Jahren. Vor elf Jahren hatte er mit dem Handballspielen aufgehört.
Sievers ist in Sachen Handball ein Spätstarter. Mit 23 Jahren schließt er sich dem MTV Himmelpforten an und spielt in der vierten Mannschaft im Tor. Er hilft oben aus. „Aus Spaß ist Ehrgeiz geworden. Ich will Sachen verstehen und sie dann gut machen“, sagt Sievers. Er steigt auf.
Sievers spielt als Torhüter der ersten Himmelpfortener Mannschaft, als die Anfrage von der HSG Bützfleth/Drochtersen kommt. Büdro will ihn. Sievers soll ein Gespann bilden mit Benjamin Kenter, ein ausgebildeter Keeper. Büdro mag diesen unorthodoxen Spielstil von Sievers. Mit 1,86 Meter Körpergröße und 130 Kilogramm ist er damals schon eine Erscheinung. „Ich war der Balu“, sagt Sievers.
Sievers ist ein guter Tänzer
„Ich war in den Köpfen der Gegner“, sagt Sievers. Er agierte mutig, wenn er dem Siebenmeterschützen gegenüberstand oder machte Sievers-Sachen, wenn ein Tempogegenstoß auf ihn zurollte. Er spielte beweglich und kraftvoll. „Ich konnte die Halle unterhalten“, sagt er. Beim Vereinsball sind er und seine Frau Katja die Stars.
Hendrik und Katja Sievers eröffnen den Tanz. Die Teamkollegen kennen seine Leidenschaft für die Musik noch nicht. Ihnen steht der Mund offen, als die beiden gekonnt über das Parkett schweben. Geschmeidig wirkt der große, kräftige Mann. Schon damals, sagt Hendrik Sievers, habe sich Katja ob seines Gewichts „den Mund fusselig geredet“. „Irgendwann hat sie resigniert“, sagt er.
Schöngeredet: Er lebt in einer Parallelwelt
Beim Handball schafft er es, mit den Fußspitzen die Latte zu berühren. Er will aufhören, wenn er es nicht mehr schafft. Bis zu seinem 40. Geburtstag spielt er Handball. Das war 2015. Dann legt er weiter an Gewicht zu.
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Hendrik Sievers blendet das aus. Er ist rhetorisch stark. Er kann seinen Bauch wegquatschen. „Ich hatte ein gesundes Selbstbewusstsein. Ich habe gesagt, dass mich das Gewicht nicht beeinträchtigt. Das war völliger Quatsch“, sagt Sievers. Er spricht von einer Parallelwelt, in der er lebte. Er habe sich die Dinge schöngeredet. Er schwelgte in seinen Erfolgen beim Handball und im Beruf.

8000 vor 0800: 8000 Schritte vor 8 Uhr morgens einmal ums Dorf. Foto: Privat
Die engsten Freunde akzeptieren ihn, wie er ist. Einige reden vorsichtig auf ihn ein. „Ich war der Lustige, der Unterhaltsame“, sagt Sievers.
Die Restlaufzeit ist ihm deutlich zu kurz
Sievers treibt kaum noch Sport. Hinzu kommen der Stress bei der Arbeit und die falsche Ernährung. „Ich habe gern gegessen. Gern auch Fast Food.“ Er arbeitet im Management bei Airbus und entscheidet mit, an welcher Stelle der Konzern Kapital einsetzt und an welcher nicht. „Ich habe nie versucht, von diesem Gewicht runterzukommen“, sagt Sievers.
Die Klamotten XL. 3 XL. 4 XL. 5XL. „Das ist dann auch irgendwann egal“, sagt Sievers. Er zückt sein Handy. Unter seinen Favoriten hat er Fotos abgespeichert. Bilder aus seiner adipösen Zeit. „Als Mahnmal“, sagt er. Als Erinnerung an die Tage vor der Erkenntnis.
Es ist im Herbst 2019. Hendrik Sievers merkt, dass seine „Restlaufzeit deutlich zu kurz“ ist. Ein langer Weg beginnt.
In den nächsten Teilen erzählt Hendrik Sievers in loser Folge davon, wie er sein Leben umkrempelte, trotzdem fast starb und sich akribisch zurückkämpfte.
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